Radar - Susanne Altmann

Susanne Altmann über Henrik Schrat

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Susanne Altmann, Kunsthistorikerin, Kuratorin und art-Korrespondentin, über den deutschen Künstler Henrik Schrat.
Radar: Henrik Schrat:Susanne Altmann über ihren aktuellen Lieblingskünstler

Henrik Schrat: "Pension fighters", 2006/07. Sperrholz

Henrik Schrat wird wohl der erste Doktorand sein, dessen Dissertation als Comic erscheint. Der umtriebige Künstler promoviert derzeit an der Essex Business School im Fachbereich Management. Aus der Perspektive des Kunstbetriebs erscheint diese Aktivität mehr als ungewöhnlich, für Schrat selbst und seinen blitzenden Verstand aber nur konsequent. Dabei sind es sicher nicht die akademischen Weihen, die den 1968 im thüringischen Greiz Geborenen verlocken. Es ist vielmehr sein Wunsch, Themen wie Wirtschaft und Arbeitsethos, an denen er sich seit vielen Jahren künstlerisch und durchaus unterhaltsam abarbeitet, endlich einmal theoretisch auf den Grund zu gehen.

Er hat sich auf zahllosen Wirtschaftskonferenzen herumgetrieben, hat 2002 an der Londonder Slade School mitten im Kunst-Lehrbetrieb ein temporäres "Manager in Residence"-Programm installiert, hat den gewichtigen Reader "Produkt und Vision" zu Überlebensstrategien in Kunst und Wirtschaft herausgegeben, 12 Radiosendungen zum Thema "myGeld" moderiert, und überhaupt versucht er ununterbrochen, mit Witz und Intelligenz hinter die Kulissen von Finanzwirtschaft und globalen Märkten zu blicken. Von der derzeitigen Finanzkrise ist er einfach nur begeistert: "Dass ich diesen historischen Prozess an den Börsen erleben darf! Da wird ja Weltwirtschaft abgebildet." Währendessen checkt er die Ölkurse auf dem Bildschirm. Doch anders, als man jetzt vermuten dürfte, gehört Schrat keineswegs zur Riege jener kritischen Konzeptkünstler, die mit subtilen, schwer vermittelbaren Interventionen selbst willigen Kunstkonsumenten das Leben schwer machen.

Silhouetten als virulentes Sozialthema

Sein Lieblingsmedium sind schwarzweiße Comics und Schattenrisse. Diese machen einfach Spaß, egal, ob sie als detailreiche Wandgemälde daherkommen wie letztes Jahr eine Hommage an Donald Duck, den Urvater der Kapitalismuskritik, in der Weimarer ACC Galerie oder ganz aktuell als "One Day Comic", eine Serie von gezeichneten Kooperationen mit Künstlerkollegen wie Olav Westphalen, Hans-Christian Dany oder Access Local. Momentan arbeitet Schrat gerade an einem Wandbild für das Frankfurter Bürogebäude der soeben abgewickelten Dresdner Bank. Die monumentale Schattenrissarbeit wird im Eingangsbereich öffentlich sichtbar sein und wurde bereits lange vor dem aktuellen Finanzdebakel beauftragt. Was vor einem Jahr noch wie Prophetie ausgesehen hätte, spiegelt nun präzise den angstgeplagten Zeitgeist: In der menschenleeren Stadt hat sich ein Naturidyll ausgebreitet, wo Elche und Wölfe umherstreifen. Schrat bezeichnet seine Idee verschmitzt als "mild postapokalyptisches Szenario". Alles nur Schwarzweißmalerei oder? Zumindest schwarzer Humor im Wort- und Bildsinn.

Eine andere Serie von lebensgroßen Silhouetten enstand 2006, als Replik auf ein anderes, virulentes Sozialthema: Als "Pensionfighters" trat eine beherzte Bande von gebrechlichen Alten auf, die neben ihre Krückstöcken diverse Schießwerkzeuge führten. Dieser brachiale Ausweg aus der Überalterungsfalle wirkt so perfekt, wie ihn sonst nur noch die Macher des auf Youtube zugänglichen Films "Das Omaproblem" anbieten.

Der Schatten an der Wand, wie ihn Henrik Schrat versteht, hat durchaus politischen nd philosophischen Tiefgang, auch wenn er nur ein gemalter ist. Überhaupt traut Schrat "Bildern die Kraft zu, Inhalte zu organisieren." Das haben auch Giotto und Hieronymus Bosch gewusst, deren Bildgeschichten bis heute als Fusion von Unterhaltungswert und Information funktionieren.

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