Love - London

Vom Honigdieb zur Homosexualität

Die National Gallery untersucht in ihrer Ausstellung "Love" die Liebe und ihre Ansichten - ein immer aktuelles Thema der Kunst. Die Exponate reichen von der Renaissance bis in unsere Tage, von Raffael über Cranach bis zu Hockney und Yoko Ono.
Love is in the air:Ansichten zum Thema Liebe in der National Gallery

Lawrence Alma-Tadema (1836 bis 1912): "Unbewusste Rivalinnen", 1893, 45 x 63 cm

Die Kunst kennt keine universelle Darstellung der Liebe in all ihren Ausformungen. Für den Künstler war es daher von jeher eine Herausfor-derung, ihr visuelle Gestalt zu verleihen. An­hand von 30 Werken will die Ausstellung der National Gallery unterschiedliche Ansätze zeigen, mit denen sich Künstler vom Spätmittelalter bis heute dem Thema genähert haben.

Das älteste Werk der Schau, "Venus mit Amor als Honigdieb" (um 1525) von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), verwandelt ein antikes Motiv in ein sinnliches Bild für die Gegenwart. Die nackte Schöne ignoriert Amors Beschwerden über seine Bienenstiche und wendet sich stattdessen dem Betrachter zu. Der Liebe zwischen Mutter und Kind verleiht Raffael (1483 bis 1520) mit seiner "Nelkenmadonna" (um 1506/07) Ausdruck, weist aber auch auf die evorstehende, in Christi Tod endende Trennung der beiden hin. Auch Jan Vermeers (1632 bis 1675) "Stehende Dame am Spinett" (um 1670/72) zeigt Abwesenheit, doch alles deutet darauf hin, dass sie nicht einsam ist. Das mit dem fernen Geliebten geknüpfte Band ist eng. Ein frivoles Bild von Verführung zeich­net der Spanier Francisco de Goya (1746 bis 1828) mit seinem "Picknick" (1785/90). Der Geliebte der jungen Frau mit blauem Kopftuch hat wohl zu viel ge­trunken, eine leere Flasche liegt auf dem Boden, und ein anderer Mann mit Dreispitz macht ihr den Hof.

Auch zeitgenössische Künstler kommen in der Ausstellung zu Wort. David Hockneys (Jahrgang 1937) Frühwerk "We Two Boys Together Clinging" (1961) besingt in einer Zeit, da Homosexualität in England noch strafbar war, die gleichgeschlechtliche Liebe. Auch die Marmorstatue "Kuss" (2001) von Marc Quinn (Jahr­gang 1964) provoziert: Das nackte Paar in enger Umarmung hat verkümmerte Gliedmaßen – die Liebe fällt auch da hin, wo konventionelle Schönheit nicht ist.

Die Keramik "God please keep my children safe" (2005) des Töpfers Grayson Perry (Jahrgang 1960) spricht von Elternliebe. Das mit der Aufforderung an Gott beschriftete Kaninchen sieht äußerst verwundbar und hilflos aus: Eltern können ihre Kinder nie vollständig beschützen. Tracey Emin (Jahrgang 1963) zeigt eine ih­rer Stickereiarbeiten, begleitet von ei­nem per Hand beschrifteten Blatt mit zwei ihrer Gedichte. "Keine Liebe, kein Gefühl", heißt es da. Und ein konzeptuelles Werk von Yoko Ono (geb. 1933) wird erst im Verlauf der Schau entstehen. "Secret Piece III" fordert den Besucher auf, ein Bild oder eine Botschaft an einen geliebten Menschen auf eine leere Leinwand zu bannen, und so zum Thema der Schau beizutragen.

"Love"

Termin: bis 5. Oktober, National Gallery, London, Kurzkatalog: 3,95 Pfund.
http://www.nationalgallery.org.uk