Der Westen leuchtet - Kunstmuseum Bonn

Alter Glanz, aufpoliert

Im Kunstmuseum Bonn stellen die Großen der rheinischen Szene den künstlerischen Nachwuchs vor.

Seit sieben Jahren gibt es in Düsseldorf das Fotoarchiv der rheinischen Kunstszene, und es dokumentiert die einstige Größe der Region eindrucksvoller als jede Ausstellung. Auf einer Aufnahme ist Nam June Paik mit Klorolle und Klavier zu sehen, auf einer anderen rastert Sigmar Polke gerade ein Gemälde. Gerhard Richter posiert vor den gespreizten Beinen eines weiblichen Akts, Joseph Beuys schart seine Schüler um sich und Blinky Palermo und Imi Knoebel machen es sich am Katzentisch des Kunstmarkts gemütlich.

Die Fotografien führen zurück in eine Zeit, in der wesentliche Teile der künstlerischen Avantgarde am Rhein zu Hause waren und die Art Cologne zum Nabel des internationalen Kunstmarkts wurde. Eher unfreiwillig zeigt die Sammlung auch, wie der Glanz allmählich schwindet: Außer der bedeutenden, aber in sich geschlossenen Becher-Schule sind in den letzten beiden Jahrzehnten zwar einzelne Talente aus der rheinischen Kunstszene hervorgegan­gen, aber keine prägenden Impulse mehr.

Im Kunstmuseum Bonn soll der Glanz nun wieder aufpoliert und zu einem weithin sichtbaren Aufbruchsignal werden. Unter dem Titel "Der Westen leuchtet" stemmt das Haus eines der ehrgeizigsten Ausstellungsprojekte seiner Geschichte: Bedeutende Künstler der älteren Generation übernehmen Patenschaften für junge Talente aus der Region und stellen diese in gemeinsamen Räumen neben eigenen, in den letzten Jahren entstandenen Werken vor. Auf der Liste der 16 Paten – darunter Tony Cragg, Isa Genzken, Jürgen Klauke, Thomas Schütte, Katharina Sieverding oder Rosemarie Trockel – findet sich beinahe alles, was in der Kunstwelt von Nordrhein-Westfalen Rang und Namen hat. Arbeiten von Joseph Beuys, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Sigmar Polke und Gerhard Richter bilden den historischen Kern der Ausstellung.

Gewisse Geistesverwandtschaft nicht zu übersehen

Die Paten hatten freie Hand, weshalb sich ein besonderer Reiz der Schau daraus ergibt zu sehen, wer welche Künstler "adoptierte". Nicht alle Patenschaften liegen so nahe wie die beiden von Hilla Becher: Der Architektur- und Landschaftsfotograf Chris Durham gehörte zu ihren Assistenten, während sich Claudia Fährenkemper den schweren Geräten des Tagebaus widmete, bevor sie zu mikroskopischen Aufnahmen von Pflanzensamen und Kleinstlebewesen wechselte. Auch bei Marcel Odenbach und den Rauminstallationen David Hahlbrocks ist eine gewisse Geistesverwandtschaft nicht zu übersehen. Thomas Arnolds’ sauber auf Kante gemalte "Küche" steht dagegen im reizvollen Kontrast zum wilden Gestus seines Paten Albert Oehlen. Ganz und gar fremdes Terrain betritt Andreas Gursky, indem er die Werke des Bildhauers Bernd Kastner präsentiert.

Begleitet wird die Schau durch Workshops, Coachingseminare und ein Symposium, dem sich die spannende Frage stellt, ob die glänzende Vergangenheit die Gegenwart überstrahlt oder letztere ins rechte Licht rückt. Eines lässt sich aber jetzt schon sagen: Irgend­wann werden die hier gemachten Schnappschüsse das Fotoarchiv der rheini­schen Kunstszene bereichern.

"Der Westen leuchtet"

Termin: 10. Juli bis 24. Oktober, Kunstmuseum Bonn. Der Katalog erscheint bei Kerber und kostet an der Museumskasse 30 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro.
http://www.kunstmuseum-bonn.de