Global Contemporary - Karlsruhe

Wer hat Angst vor der Globalisierung?

Künstler, die rund um die Welt ausstellen, Biennalen auch noch im letzten Winkel des internationalen Flugnetzes, Galerien, in deren Reich die Sonne nie untergeht – die Globalisierung hat in den letzten Jahren die Kunstwelt verändert. Das ZKM versucht Ordnung ins Chaos der neuen Allianzen zu bringen.

Als Chiffre steht das Wendejahr 1989 für die großen historischen Zäsuren: russischer Abzug aus Afghanistan, gewaltsame Niederschlagung der chinesischen Studentenbewegung, Fall der Berliner Mauer. Wurde Anfang der Neunziger die Implosion des Ostblocks und das Ende des Kalten Krieges hauptsächlich als Sieg des Westens verbucht, so bieten sich heute, über 20 Jahre nach 89 auch alternative Deutungsmöglichkeiten der großen Bögen an.

Für Peter Weibel, den Karlsruher ZKM-Direktor und Kurator der Ausstellung "The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989" etwa brachte das Wendejahr auch "das Ende der westlichen Monopole" – nicht nur im allgemeinen Kampf um Märkte, sondern auch um globale Definitionsmacht. Gerade die Kunstwelt macht da keine Ausnahme: Das ehemalige Leitmodell "Westkunst" gilt seither als Auslaufmodell, die weltweit sprießenden Biennalen kultivierten eine eigene Genrekunst, und die Trennwand zwischen Kunstmarkt und den Institutionen bröckelte. Ob in der Kunst oder anderswo: Der Umschwung findet laut Weibel jedoch nicht als der vielbeschworene "Kampf der Kulturen" statt, sondern eher als fortwährende "Umschreibung" bislang geltender Regeln, Clubzugehörigkeiten und Allianzen: "Dies schafft im Westen Unruhe und Angst."

Von dieser Globalisierungsfurcht hat man sich am ZKM offensichtlich nicht anstecken lassen. Von der Unruhe hingegen schon. Mit "The Global Contemporary" mündet das mehrjährige Karlsruher Forschungsprojekt "GAM – Global Art and the Museum" zur Zukunft des Museums in eine Überblicksschau im XXL-Format. Anspruch der mit Werken von über 100 Künstlern – darunter Guy Ben-Ner, Luchezar Boyadjiev, Nezaket Ekici, Mona Hatoum, Elodie Pong, IRWIN/NSK oder Mladen Stilinovic – reich bestückten Ausstellung ist nichts weniger, als "die globalen Praktiken darstellbar zu machen, die zur Veränderung der zeitgenössischen Kunst geführt haben". Heißt das, dass sich diese Prozesse in der Kunst tatsächlich selbst in ausstellbarer Weise abbilden? Manchmal hat es den Anschein, etwa bei einer Arbeit wie "Tectonic"(2004/10) der in Tanger lebenden Künstlerin Yto Barrada: Eine himmelblau grundierte Weltkarte aus Holz, auf der sich die in warmen Brauntönen gehaltenen Kontinente wie auf Schienen aufeinander zu- und voneinander wegbewegen können. Bei anderem, wie etwa den zehn klassischen Hotelzeichnungen von Martin Kippenberger aus dem Jahr 1990 fällt der Bezug zum Ausstellungsthema doch recht schwer.

Neue Instituionen für die globalisierte Kunst

Muss man nun also tatsächlich nach Karlsruhe fahren, um die Zukunft des globalisierten Kunstbetriebs zu erleben? Nicht unbedingt, denn so brandneu ist die Analyse des Zusammenwirkens zwischen der Deregulierung der Märkte, dem Aufstieg der "New Economy", weltweiter Instant-Vernetzung und dem Auftauchen ganzer Kontinente auf dem Radar von Galeristen, Auktionshäusern, Museen, Sammlern und Kuratoren nun auch wieder nicht. Vor knapp zehn Jahren kritisierte der Documenta 11-Kurator Okwui Enwezor die Westfixierung des Kunstbetriebs und strebte in Kassel eine wahre Internationalisierung an. Auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) sind die Diskurse über die Künste in der Globalisierung längst institutionalisiert, Einrichtungen wie die das Institut für Auslandbeziehungen (ifa) oder das Künstlerprogramm des DAAD tragen ihren Teil zum Globalkunstdiskurs bei, ebenso wie einige spezialisierte Galerien.

Insofern lässt sich "Global Contemporary" einerseits als ehrenvolle Fortsetzung dieser Bemühungen hin zu einem erweiterten Begriff von Globalkunst verstehen, andererseits wohl auch als öffentlich ausgestellte Sinnsuche einer Großinstitution, deren Anfangsjahre vom Enthusiasmus für die Medienkunst getragen waren. Doch seit dem emanzipativ ausgerichteten Kunstaktivismus in der kommerzialisierten Wirklichkeit von Web 2.0 ff. – also Facebook, Twitter und Youtube – die Utopie abhanden gekommen ist, stecken auch seine Plattformen, Institutionen und Festivals in der Sinnkrise. Die neue Unübersichtlichkeit, die mit dem langen Abschied von der Westkunst einher geht, sie hat wohl Karlsruhe-spezifisch auch mit der Weibelschen "Umschreibung" des programmatischen ZKM-Quellcodes zu tun. Die alte Liebe zur kybernetischer Leuchtdiodenkunst und Technoästhetik scheint hier und da auf, etwa in einer vom ZKM produzierten Datenvisualisierung zur Entwicklung des Kunstmarkts und der Biennalen in den vergangenen 20 Jahren oder der "Trading-Bot-Performance" mit dem Titel "ADM VIII" (2011) in Panorama-Optik von Rybn.org, die mit ihren diskret ratternden Zahlenkolonnen im Grunde ähnlich kryptisch bleibt wie das tägliche Börsenbarometer der Tagesschau.

Abschied vom Kanon

So macht "The Global Contemporary" auf zweifache Weise den Abschied von der Idee eines Kanons erfahrbar, auch wenn dieser Zustand vielleicht nur vorrübergehend ist. Wie hohl die Versuche wirken müssen, die alten Einordnungsmuster einfach fortzuschreiben zeigt die Neonschriftarbeit "Moments of Glory" von Leila Pazooki. Aus dem Netz hat die 1977 in Teheran geborene und in Berlin lebende Künstlerin Review-Prosa destilliert. "Japan's Andy Warhol" blinkt es da, "African Anselm Kiefer" oder "Chinese Gerhard Richter". Das ist sehr lustig, besonders wenn man um die große Verehrung Gerhard Richters unter den chineseischen Malern weiß.

Die Kriterien, die zur Werkauswahl für "Global Contemporary " führten, sie liegen also nur zum Teil in der Kunst selbst begründet: "Der neue Boom der Kunstproduktion geht erwartungsgemäß mit einer Krise des westlichen Kunstbegriffs einher, der sich nicht beliebig entgrenzen lässt", schreiben die Co-Kuratoren Hans Belting und Andrea Buddensieg in einer Einleitung zur Ausstellung. "Vielmehr nimmt die global erweiterte Kunstpraxis den Verlust eines verbindlichen Kunstbegriffs in Kauf, um mit dem Medium Kunst nationale, kulturelle und reliogöse Themen durch KünstlerInnen ,öffentlich‘ zu machen."

China schreibt seine eigene Geschichte

So wird die Ahnung, dass man wenig über die globale Zeitgenössische Kunst weiß, beim Gang durch die riesige Ausstellungshalle des Museum für neue Kunst am ZKM schnell zur Gewissheit. Außer ein paar China-Insidern dürfte es beispielsweise nicht allzu viele Leute geben, die das dargestellte Personal im wandfüllenden, über sieben Leinwände laufenden "Super China!"-Wimmelbild von Navin Rawanchaikul lückenlos identifizieren können. Im Stile eines Bollywood-Kinobillboards hat der thailändische, in größtenteils Japan lebende Künstler ein Panorama einer Kunstszene am Siedepunkt geschaffen: Die Großkünstler Ai Weiwei, Cai Guo-Qiang oder Zhang Huan sind zu erkennen, einflussreiche Sammler wie das belgische Sammlerpaar Guy und Myriam Ullens, der Schweizer Ex-Diplomat Uli Sigg, die Intellektuellenfraktion ist etwa durch den Kritiker Li Xianting, die Kuratorin Melissa Chiu oder den scheidenden Ullens-Center-Kurator Jérôme Sans repräsentiert. Das Bild zitiert auch jenes berühmte, seinerzeit von Peter Blake gestaltete Cover des Beatles-Albums Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band: den Soundtrack für den Sommer der Liebe 1967, der die Hoch-Zeit der Hippiebewegung begleitete. Geht der China-Boom also als bekiffte Hippiephase des Kunstbetriebs in die Geschichte ein?

Wie ein Kommentar wirkt auch der Beitrag des Pekinger Künstlers Liu Ding, der einen Stein in die Ausstellung platziert hat. "Omission is the beginning of history writing" steht darauf geschrieben, "Auslassung ist der Anfang der Geschichtsschreibung". Dazu hat Liu die ungeschriebene Geschichte gleich in Form eines Buchobjekts mit Goldprägung mitgeliefert: "A History of Chinese Contemporary Art: 19XX to 2050" – "Eine Geschichte der zeitgenössischen chinesischen Kunst: 19XX bis 2050". Diese Geschichte, das deutet sich derzeit an, wird tatsächlich zunehmend in China selbst geschrieben und immer weniger durch die westlichen Museen, Kunstmessen und Auktionshäuser. Die Rezeption der chinesischen Kunst im Ausland wird lediglich ein Kapitel sein. Gut möglich also, dass das berühmte, ebenfalls gezeigte Spruchbanner des Belgrader Künstlers Mladen Stilinovic von 1994 mit dem Satz "An artist who cannot speak English is no Artist" irgendwann nicht mehr ganz so selbsterklärend ist wie noch heutzutage.

The Global Contemporary

Kunstwelten nach 1989, bis 5. Februar 2012
ZKM – Museum für Neue Kunst, Karlsruhe

Parallel zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag die Essaysammlung "Global Studies. Mapping Contemporary Art and Culture" (Euro 39,80) erschienen.



http://www.global-contemporary.de/

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