Edvard Munch - Bremen

Das Innerste nach Außen

Um "Angst", "Begehren" und "Tod" drehen sich seine Bilder, Edvard Munch ist für viele ein Garant für das Düstere und Geheimnisvolle. Seine Gemälde drücken teilweise seltsame und verstörende Stimmungen aus. Mit dem Fund eines weiteren Gemäldes unter einem von Munchs Werken in der Bremer Kunsthalle, scheint sich die Rätselhaftigkeit des Norwegers nochmals zu bestätigen.

Es war eine Sensation, als unter Edvard Munchs Gemälde "Das Kind und der Tod" (1899) bei einer Untersuchung ein zweites Bild zum Vorschein kam: "Mädchen und drei Männerköpfe" (1895-98). In Bremen wird der Besucher zunächst mit einer kurzen Dokumentation der Entdeckung des zweiten Werks in die Ausstellungsräume gelotst: Bereits 1918 erwarb die Kunsthalle das Gemälde "Das Kind und der Tod". Viele Jahre später, genauer im Jahr 2005, bat das Munch-Museum in Oslo um eine Überprüfung der technischen Daten, da ein Oevreverzeichnis hergestellt werden sollte.

Bei der anschließenden Röntgenaufnahme wurde der Keilrahmen gelöst und "Mädchen und drei Männerköpfe" kam ans Licht. Das Bild vereint gängige Motive von Munch in einem Werk, jedoch gibt es keine zweite Komposition dieser Art von ihm, und so fragen sich Munch-Experten heute, ob es von Munch als eigenes Werk angesehen wurde oder nur als Skizze. Warum es unter einer anderen Leindwand versteckt wurde, ist ein weiteres Rätsel.

Diese zwei Werke sind zwar die Werbeträger der Ausstellung, sind aber in der Bremer Kunsthalle gar nicht als solche in Szene gesetzt, sondern werden subtil in Munchs "Lebensfries" eingeordnet. Schon in seiner Jugend hatte Munch das Ziel, eine Komposition von Einzelbildern zu schaffen. Deren Hauptthemen "Leben", "Liebe" und "Tod" sowie die Ängste, die damit verbunden sind, sind in verschiedensten Ausprägungen auf insgesamt 76 Werken des Norwegers in der Ausstellung gegenwärtig, darunter Ölgemälde, Lithografien und Zeichnungen.

Die Arbeiten werden auf dunklen Wänden präsentiert, was zum Teil ihre intensive Farbgebung und die Kontraste der Lithografien hervorhebt. Die roten Haare der Frau auf dem Gemälde "Vampir" (1893-95) stechen im ersten Saal der Ausstellung daher besonders ins Auge. Der Bildtitel stammt von Munchs Schriftstellerfreund Stanislaw Przybyszewski, der dem Okkultismus frönte und daher diese Lesart bevorzugte. "In Wirklichkeit ist es nur eine Frau, die einen Mann auf den Nacken küsst", entzog sich Munch dieser Deutung, auch wenn er sich im Geiste der Zeit in der Kristiania Boheme – das Pendant der Pariser Bohème der Jahrhundertwende um 1900 – bewegte. Auf zahlreichen kleineren Darstellungen, die ebenfalls in Bremen zu sehen sind, fing er diese Gesellschaften ein.

Munch und die Frauen

Nächster Blickfang der Schau ist das Sensationsbild "Mädchen und drei Männerköpfe". Darauf schweben drei verhältnismäßig große männliche Köpfe über einem am rechten Bildrand sitzenden Mädchen. Dieses hat große Ähnlichkeit mit der jungen Frau auf dem berühmten Gemälde "Pubertät" (1894/95), das im nächsten Raum zu sehen ist. Dort sitzt das Mädchen auf einer Bettkante, die Hände mit verschüchtertem Blick in den Schoß gelegt, ein sensibler Umgang mit der schweren Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Gleichzeitig wird durch gemeinsame Hängung mit dem Werk "Die Hände" (1893-94) ein Bezug zu diesem Bildmotiv hergestellt.

Frauen werden bei Munch immer wieder von männlichen Figuren intensiv und fast lüstern beäugt, manchmal sogar angefasst. Entweder entziehen sich diesen Blicken oder geben sich preis. Oft stellt er, der Auffassung der Jahrhundertwende entsprechend, die Frau als Femme fragile oder ihrem Gegentypus Femme fatale dar. Ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt.

Ein kleiner "Schrei"

Der andere Teil der Ausstellung widmet sich den großen Themen "Liebe" und "Tod", mit Sterbeszenen wie auf dem Gemälde "Das Kind und der Tod", auf dem ein Kind zu sehen ist, das sich dem Betrachter zugewandt die Ohren zuhält. Im Hintergrund liegt in grau verschleierten Farben die tote Mutter. Unverkennbar ist die Gemeinsamkeit mit einem von Munchs berühmtesten Werken "Der Schrei", das in Bremen in einer Miniaturversion von 1895 zu sehen ist. Hier ist es die innere Empfindung von plötzlicher Panik eines namenlosen Ichs, der Munch Ausdruck verleiht. Oftmals sind Sterbende im Kreise ihrer Familien zu sehen. Immer wieder steht der Einzelne in sozialer Verbindung mit anderen und ist doch isoliert.

Der Tod ist ein fast immerwährender Begleiter auf Munchs Werken. Selbst auf einer kleinen Beistiftskizze zu "Pubertät", die in Bremen unscheinbar neben diesem Hauptwerk in einem Glaskasten ausgestellt ist, umgeben das am Bettrand sitzende Mädchen viele kleine Totenköpfe. Der personifizierte Tod ist bei Munch meist ein mageres Skelett, das auch vor seinen Porträts nicht halt macht: Ein Knochenarm ist wie ein Teil eines Rahmens in ein Selbstporträt integriert, oder der Tod als Knochenmann lädt ein Mädchen zum Tanz, wie auf der Radierung "Der Tod und das Weib" (1894). So wird in der Bremer Ausstellung die Verschmelzung von "Tod" und "Leben" gezeigt, um dann letztendlich wieder zum Thema "Kindheit" zurück zu kehren.

Die möglichen Vorbilder

Überaus lohnend ist ein Besuch der Begleitausstellung "Liebe, Angst und Tod in Werken von Edvard Munchs Zeitgenossen" im Kupferstichkabinett. Hier werden die zentrale Themen der Munch-Schau aufgegriffen. Unter verschiedenen Aspekten, wie "Männliche Begierde, weibliche Schuld", "Tod und Kind" oder "Eros und Tod" werden grafische Vorbilder der Gemälde des Norwegers gezeigt. Für "Mädchen und drei Männerköpfe" orientierte sich er sich offensichtlich an seinen Zeitgenossen Max Klinger und Pierre-Félix Fix-Masseaus. Deren Werke "Träume" (1884) und "L'emprise" (Die Vereinnahmung, 1893) jeweils mehrere Fratzen zeigen, die ein kniendes oder liegendes Mädchen umgeben.

Welch lange Tradition das Thema "Eros und Tod" hat, das Munch in seiner Radierung "Der Tod und das Weib" verarbeitet hatte, zeigt sich beispielsweise an Kupferstichen aus der Renaissance von Hans Sebald Beham, der bereits 1547 mit dem Gegensatz des Skeletts und einer nackten jungen Frau spielte. Das Thema "Tod und Kind" behandelte Max Klinger in der Radierung "Die tote Mutter" (1898). Ein Kleinkind sitzt auf der aufgebahrten Leiche seiner Mutter und schaut den Betrachter fast vorwurfsvoll an. Deutlicher lassen sich die Wiegen der Munchschen Ideen kaum aufzeigen.

Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand

bis 26.02.2012, Kunsthalle Bremen

Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen
http://www.munch-bremen.de
info@kunsthalle-bremen.de