The Third Mind - Paris

Im Epizentrum der Künstlerfantasie

Für das Pariser Palais de Tokyo hat der Schweizer Künstler Ugo Rondinone eine Ausstellung kuratiert. Unter dem Titel "The Third Mind" präsentiert er eine persönliche Schau, die wie eine Reise funktioniert – eine Einladung in die nicht immer logische, aber kompromisslos poetische Innenwelt des Künstlerkurators
Carte Blanche für Ugo Rondinone:Der Künstler hat eine Schau in Paris kuratiert

Installation von Sarah Lucas

Ugo Rondinone ist ein Chamäleon, das sich hinter seiner künstlerischen Arbeit wegduckt. Ein im Dunkeln verharrender Dandy und eleganter Einzelgänger, der mit Malerei, Installation oder Medienkunst Baustellen der Wahrnehmung öffnet: museale Räume, durch die wie ein musikalisches Leitmotiv die Melancholie der ausklingenden Moderne weht. In Clownsperformances oder Multimediainstallationen werden Aktualität und Wirklichkeit künstlerisch gefiltert, mit Folie farbig abgeklebte Fenster verfremden den Blick auf die tatsächliche Außenwelt, Großbildprojektionen zeigen schöne Menschen, die durch leere Vorstadtarchitektur schreiten. Rondinone beschwört in seiner Kunst den „Spleen" der französischen Romantiker, ein wohliges Gefühl von Leere, Sinnarmut und Sehnsucht nach Schönheit.

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Im Pariser Palais de Tokyo darf der Schweizer Künstler nun seine Vision einer Kunst der verwehenden Gefühle nun nicht nur künstlerisch, sondern auch kuratorisch beschwören. Auf Einladung des neuen Direktors Marc-Olivier Wahler versammelt er alte und neue Arbeiten von insgesamt 31 Künstlern, die seinen Werdegang und seine Weltsicht nachhaltig beeinflusst haben. Unter dem Titel „The Third Mind", den er den Beatnik-Poeten William S. Burroughs und Brion Gysin entliehen hat, präsentiert er eine persönliche Ausstellung, die wie eine Reise funktioniert – eine Einladung in die nicht immer logische, aber kompromisslos poetische Innenwelt des Künstlerkurators.
Die Reise beginnt mit Andy Warhols „Screen Tests", intimen und dennoch kühl distanzierten Filmporträts schöner Menschen – von Edie Sedgwick zu Dennis Hopper – aus der Factory. Sie endet bei Karen Kilimniks „Swan Lake" von 1992, einer Kitschgrotte voller Kunstschnee irgendwo zwischen Arnold Schwarzenegger und König Ludwig von Bayern, zwischen Hollywood und Neuschwanstein, romantischem Pathos und dekadentem Rokoko. Dazwischen stehen sich in den unverputzten Sälen des Palais de Tokyo die minimalstischen Holzskulpturen Ronald Bladens aus den frühen siebziger Jahren dem trashigen Post-Minimalismus eines Cadie Noland gegenüber. Dem hierzulande fast unbekannten Pop-Poeten Joe Brainard und seinen ornamentalen Zeichnungen und Collagen ist eine ganze Wand gewidmet. Die Fotogramme des kalifornischen Medienpioniers Bruce Conner werden von einem riesigen Spinnennetz aus weißen Neonröhren des Briten Martin Boyce aus dem Jahre 1999 überspannt.
Rondinones künstlerisches Universum ist eine Welt der Westkunst, inklusive oft regionaler, vor allem schweizerischer Positionen. So stehen die in gelben Plastiksäulen versteckten Fleischskulpturen Paul Theks mit den kosmischen Dekorationen der Schweizer Heilerin Emma Kunz im Dialog, die realistischen Minigemälde der „Wartesäle" von Jean-Frédéric Schnyder mit einem nachgebauten Atelierraum von Urs Fischer. Alles scheint offen, unvollendet, in fragiler Balance. Rondinone selbst hat kein Kunstwerk beigesteuert, das wäre ihm zu deutlich geworden. Sein Kunstwerk ist die Ausstellung, eine kollektive Reise ins Epizentrum künstlerischer Fantasie.

„The Third Mind – Carte Blanche für Ugo Rondinone"

Palais de Tokyo, Paris: bis 3. Januar. Katalog 10 Euro.

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