Schönheitsideale - Debatte

Ich bin schön, also bin ich

Schönheit ist ein politischer Ausdruck und unterliegt in seiner Bedeutung dem Wandel der Zeit: Noch nie haben die Diktate von Jugend, Schlankheit und sexueller Attraktivität eine derartige Sucht nach Diäten, kosmetischen Operationen und weitgefächerte Depression produziert wie im letzten Jahrzehnt. Ein kaleidoskopisches Bild von den Schönheitsidealen unserer Zeit anhand der Arbeiten von sechs Künstlern.

Für manche Menschen ist die Fastenzeit an Ostern nicht beendet. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aussehen eine dominante Rolle spielt, in der Kalorienzählen und Face-Lifting längst zur Tagesordnung überwechseln.

Ein bisschen Nasenkorrektur hier, ein wenig Fettabsaugung dort und schwuppdiwupp – Schlauchlippen à la Chiara Ohoven. Im Zeitalter der Körperoptimierung gehören chirugische Eingriffe mittlerweile ebenso zur Pflegeroutine wie tägliches Zähneputzen. Size Zero als neues Lebensziel? Körper und Geist werden ad absurdum geführt.

Zum Glück ist eine neue Souveränität im Umgang mit dem Diktum der Schönheit entstanden, die zeigt, dass es keine "normale" Ästhetik gibt, das Schönheit dem Wandel der Zeit unterliegt und damit kulturell determiniert ist. Ein neutrales Vehikel zur Darstellung dessen, was wir zeitlebens als schön definieren, bildet seit jeher die Kunst. Ob Sandro Botticelli, der mit seiner Venus die Schönheit inkarnierte oder Peter Paul Rubens, dessen sexuelle Begierden in üppigen weiblichen Rundungen und verbeulten Hinterteilen Ausdruck fand, bis heute zeigen die Medien der Kunst, wie sich unsere persönliche Wahrnehmung von Ästhetik verändert hat.

Die in Los Angeles für TakePart arbeitende Fotoautorin Lauren Wade macht in ihren gif-Fotoproduktionen die Probe aufs Exempel: Ausgewählte Gemälde alter Meister, darunter Tizian, Botticelli und andere, zeigen wunderschöne Frauen, die nicht dem heutigen Schlankheitsideal entsprechen. Doch wie würden diese Frauen aussehen, wenn man sie den aktuellen Schönheitsstandards anpasste? Mithilfe von Photoshop androgynisierte die Fotografin die Figuren, machte sie zu lebenden Schlankheitswundern und zeigt damit, wie die Medien unsere Körperwahrnehmung verändert haben. "Ich hoffe, dass die retuschierten Bilder nicht nur die Aufmerksamkeit auf unsere verzogene und eingeschränkte Idee von moderner Schönheit lenken, sondern dem Betrachter die Raffinesse von Retusche vorführen. Die Bilder haben pädagogischen Wert, sie sollen den Menschen erziehen, Photoshop mit gesundem Menschenverstand zu gebrauchen und ihren Blick dafür öffnen, dass das, was sie in der Werbung und in Modemagazinen sehen, zumeist nur Illusion ist", erklärt die Fotografin. Ob gestraffte Bäuche, verkleinerte Kinne, vergrößerte Augen oder ausgepinselte Cellulite, die Besessenheit der Medien, unrealistische und erreichbare Schönheitsstandards zu kreieren, nimmt kein Ende. Verrückt, wie viel retuschiert wird und wie wenig die Menschen es merken.

Dass der Grat zwischen Verschönerung und Verstümmelung, zwischen gesellschaftlicher Anpassung und Selbstzerstörung ein schmaler ist, zeigt auch Fotografin Ivonne Thein mit ihren überzogen retuschierten "Modefotografien". In der Serie "Proforma" werden Themen wie plastische Chirurgie und digitale Fotobearbeitung plakativ vor Augen geführt. Die dargestellten Menschen sind jeder Natürlichkeit beraubt: männliche Körper, die einem Fitnessvideo entsprungen zu sein scheinen, weibliche Gesichter, die nicht mal den Ansatz einer Pore erahnen lassen. Hier glaubt man es mit lebenden Modepuppen zu tun zu haben, nicht mit realen Menschen. Die Bildsprache der Modefotografie tut an dieser Stelle ihr Übriges. Ist die Fotografie der Mode- und Werbeindustrie maßgeblich an der Konstruktion eines Schönheitsideals beteiligt, so hat sie längst ihr Versprechen, die Wirklichkeit abzubilden, verloren.

Theins Serie "Zweiunddreißig Kilo" von 2008 demonstriert, wohin der Schönheitswahn führen kann. Hier wir das Phänomen der "Pro-Ana"-Bewegung konkretisiert: eine Internet-Gruppe von nahrungsnegierenden Diätpillenjunkies, die seit Mitte der neunziger Jahre das "Gebot" – wie sie es nennen – "Ich darf nicht essen, ohne mich schuldig zu fühlen" zum Motto ihrer anorektischen Sektenpropaganda machen. Bevorzugtes Medium zur Verbreitung der frohen Botschaft ist, man ahnt es bereits, die Fotografie. Es wird gepostet, was das Zeug hält: ausgemergelte Körper magersüchtiger Mädchen, deren jungenhafte Figuren sich dem Erwachsenwerden verschließen. Frauen, die sich mit naiv gesenktem Kopf als kindliche Selbstgeißelungsobjekte präsentieren. Nahrungsaufnahme? Nein, danke! In Theins Fotografien wird jener Trend bis zum Äußersten überspitzt. Normalgewichtige Models wurden durch Retusche derart verschlankt, dass sie beim Betrachter ein Gefühl der Abneigung hervorrufen. Unnatürliche Modeposen, die Arme und Beine extrem lang und dünn erscheinen lassen, verstärken diesen Effekt. Durch die Anonymität der Gestalten ist keine Identifikation mit dem Model möglich, das Hauptaugenmerk wird auf den Körper gerichtet: "Durch das Erkennen des Gesichts würde eine Geschichte im Kopf des Betrachters entstehen. Diese Ebene kann zu einer emotionalen Betrachtung führen, und ich wollte verhindern, dass Mitleid als Reaktion ins Spiel kommt", so Thein.

Einen grauenvoll belehrenden Versuch, mit Kunst Körperthemen anzusprechen, startete auch die brasilianische Modelagentur Star Models mit der "Revolution Brasil"-Kampagne von 2013. Ein Designer stellte typische Modeskizzen, die überlange und magere Figuren zeigen, digital dürr retuschierten Models gegenüber. Das Ergebnis ist makaber und surreal, eine Differenzierung von künstlerischem Objekt und realem Subjekt kaum noch möglich. Als Initialzündung jener Aufrüttelungstendenzen kann die "No Anoressia!"-Kampagne des italienischen Starfotografen Oliviero Toscani von 2007 angesehen werden, die sich klar gegen Magersucht und ihre lebensbedrohlichen Folgen wandte. Isabel Caro, ein französisches Model, die kurze Zeit später an den Folgen ihrer Krankheit starb, präsentierte dem Fotografen ihren nackten geschundenen Körper und wurde damit zum Symbol für Anorexie. Toscani wollte damit primär ein psychologisches Problem aufzeigen, Anorexie als Verneinung des Frau-Seins, als ein visuelles Festhalten am Kindsein: "Es hätte auch jedes andere magersüchtige Model sein können. Ich war schockiert, wie wenig Persönlichkeit Caro hatte, wie dumm sie eigentlich war – ohne Frage, ein armer und kranker Mensch, der Hilfe benötigte, aber eine Frau ohne gesunden Menschenverstand", betont Toscani. In dieser Kampagne war das Bild nicht Produkt des Designers, sondern der Designer selbst. Es sollte nicht nur der Modeindustrie, sondern allen Frauen einen Spiegel vorhalten, was Zügellosigkeit mit unserem Körper anrichten kann. "Anorexie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne, es ist eine Wahl, eine Wahrnehmungsstörung und eine Form der Genusssucht, gegen die man nur aus eigenen Stücken heraus angehen kann."

Bereits 2006 hatte Toscani in einem anderen Kontext auf mentale Abhängigkeiten hingewiesen. Eine Aufnahme, die ursprünglich ein Jahr zuvor für das französische Magazin "Elle" entstanden war, nutzte der Benetton-Fotograf für eine seiner Kampagnen, in der er auf Menschen verwies, die gute und schlechte Erfahrungen mit kosmetischer Chirurgie gemacht hatten. Von Kopf bis Fuß bandagierte Frauen verlinken auf den absurden Anstieg ästhetisch-operativer Eingriffe im letzten Jahrzehnt. Laut "Deutscher Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie" ist die Zahl von 35 000 (2004) auf 200 000 (2013) Operationen gestiegen. Frei nach dem Motto "Das Überleben des Künstlichsten" – Darwin hätte sich im Grab umgedreht!

Glücklicherweise beugen sich zunehmend weniger Designer, Fotografen und Künstler dem allgemein herrschenden Schönheitsbegriff von ewiger Jugend. Die Durchschnittsfrau ist eben nicht perfekt. Künstler Nickolay Lamm hat das verstanden. Heimlich entführte er Barbie und unterzog sie einer Fütterungskur. Er übertrug die Maße eines in 3D-gedruckten Bildes einer 19-jährigen Durchschnittsfrau auf die beliebteste Kinderpuppe der Welt und kreierte damit eine "normale", realistisch proportionierte Barbiepuppe, "die beweist", so Lamm, "dass der Durchschnitt schön ist".

Dass es durchaus andere Wege gibt, ein gesundes Körperbewusstsein zu entwickeln, demonstriert wohl niemand besser als die US-amerikanische Fotografin Jen Davis. In einer Serie, die sie 2002 während ihres Studiums an der Universität begann, präsentiert die Fotografin ihren fülligen Körper in sehr privaten Situationen. Fragen wie "Ist mein Körper okay?" und "Kann ich so am Leben teilnehmen?" stehen für eine gesunde Variante des Narzissmus, der zum Zeige-deine-Wunden-Genre dazu gehört. Davis setzt sich mit den Unsicherheiten in Bezug auf ihr Körperbild und dem unmittelbaren Zusammenhang von Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander. Fotografie wird an dieser Stelle zum Ventil, das allgemeine Fragen zu Schönheit, Sehnsucht und Identität aufwirft. "Was mich am meisten zu diesem Selbstprojekt inspirierte, war der intime Umgang mit meinem Körper und damit, was in meinen Augen Schönheit bedeutet, sowie der Wunsch danach, ihre Definition zu erweitern." Die Reaktionen auf Davis' Fotoserie waren durchweg positiv. "Ich denke, die Menschen finden leicht Zugang zu meinen Fotografien und können sich in ihnen wiederentdecken. Ganz gleich, ob es sich um jemanden mit Übergröße oder um eine schlanke Person handelt."

Für Davis ist Fotografie ein identitätsstiftendes Mittel, eine Möglichkeit zur Selbstfindung. Waren es der Umgang und die Reaktionen auf ihren Körper, die sie desensibilisierten, so verhalf ihr die Fotografie, eine Stimme zu finden und mit sich selbst ins Reine zu kommen: "Nach neun Jahren, in denen ich weiter an diesem Projekt arbeitete, wurde mir bewusst, dass sich mein eigenes Körperbild ins Positive gewandelt hat, obwohl sich mein Körper nie veränderte." Empfand sie sich zwar selbst nie als schön, so verhalfen ihr die Elemente der Kunst, der Umgang mit Licht und Farbe, etwas Ästhetisches mit ihrem Körper zu schaffen. Die Frau in jenen Fotos hat einen komplexen Charakter, aber nicht weil sie sich auszieht. Sie ist einfach schön, so wie die Natur sie geschaffen hat. Und sind wir mal ehrlich: Peter Paul Rubens hätte sie vergöttert!