Pop Life - London

Kunst, Kult, Konsum

Laut, bunt, oberflächlich, selbstgefällig: "Pop Life", die neue Ausstellung in der Londoner Tate, sucht den Skandal. Schon im Vorfeld wurde Richard Prince' "Spiritual America" von der Sittenpolizei zensiert.

Skandal schon, bevor der erste zahlende Besucher die Schau betrat. Auf Betreiben der Polizei entfernte die Tate ein Werk des New Yorker Künstlers Richard Prince, weil dieses, so die Londoner Sittenhüter, unter die Rubrik "Kinderpornografie" fallen könnte. "Spiritual America" (1983) ist ein dunkler, roter Raum, an einer Wand hängt ein kleines goldgerahmtes Foto. Es zeigt die Schauspielerin Brooke Shields nackt und stark geschminkt, Wasser perlt auf ihrem Körper, als komme sie gerade aus der Dusche. Wissend blickt sie den Betrachter an.

Wir kennen solche Fotos aus Magazinen. Nur: das Model war damals, als Gary Gross 1976 das Foto für eine Playboy-Publikation machte, 10 Jahre alt. Man schaudert. Doch Kinderpornografie? Prince hat das Foto abfotografiert, es ist körnig, etwas unscharf, dadurch verfremdet. Der rote Raum hat etwas Bestürzendes, man fühlt sich äußerst unwohl in Gegenwart des nackten Mädchens im billigen Rahmen. Noch unwohler, weil der Künstler sich weigert, moralisierend den Zeigefinger zu heben. Er überlässt es dem Betrachter, sich seine Gedanken über die Macht von Bildern und über die Sexualisierung einer Zehnjährigen zu machen.

Irgendwie will "Spiritual America" mit seiner stillen, uneitlen Ernsthaftigkeit nicht so ganz in die Schau in der Tate Modern hineinpassen. "Pop Life" ist laut, bunt, oberflächlich, selbstgefällig. Der Untertitel "Art in a Material World" sagt, worum es ihr geht: Wie haben Künstler nachfolgender Generation auf Andy Warhols Diktum reagiert: "Gutes Business ist die beste Kunst"? Sie haben sich, so die Schau, anstatt unsere Medienkultur zu kommentieren, wie Maden in sie hineingebohrt, sich deren Macht zunutze gemacht, und mithilfe des Personenkults ein Publikum außerhalb der Kunstwelt erobert.

Reigen der begnadeten Medienmanipulierer

Neben "Spiritual America" haben die Organisatoren Alison M. Gingeras, Chefkustodin der Sammlung Pinault, Jack Bankowsky von der Zeitschrift "Artforum" und Catherine Wood von der Tate noch andere berühmte Künstlerräume nachgebaut: Keith Harings 1986 in New Yorks Lafayette Street eingerichteten Pop Shop, in dem der vom Graffitimaler zum Star aufgestiegene Künstler mit seinen Strichmännchen bedruckte T-Shirts, Spielzeuge und Anstecker verkaufte; einen Raum aus Martin Kippenbergers selbst-kuratierter Schau im Pariser Centre Pompidou, mit ihm selbst als Hauptthema, und der von seinem damaligen Assistenten Daniel Richter gemalten Version der Berliner "Paris Bar" als Mittelpunkt; ein paar Vitrinen aus Tracey Emins und Sarah Lucas’ kurzlebigem Ramschladen im Londoner East End, in dem sie Selbstgefertigtes wie mit einem Foto von Damien Hirst beklebte Aschenbecher verscherbelten. Von Hirst selbst, dem erfolgreichsten Künstler der letzten zehn Jahre, zeigt die Schau Teile seiner kürzlichen Auktion bei Sotheby’s, "Beautiful Inside My Head Forever", bei der er als direkter Einlieferer das Galeriensystem austrickste und mehr als 100 Millionen Pfund einnahm. Die Vielzahl von Diamanten lässt kalt.

Jeff Koons darf in dem Reigen der begnadeten Medienmanipulierer natürlich nicht fehlen. Zum ersten Mal seit Jahren haben die Organisatoren Arbeiten seiner Serie "Made in Heaven" von 1989 zusammengetragen, bei der er sich und seine damalige Frau, den italienischen Porno-Star Cicciolina, beim Geschlechtsakt abbildet, als Skulptur auf einem Felsblock, als mit Siebdruck auf Leinwand gezogene Fotos, als Wandreliefs. Auf wortreichen Wandtexten werden die Organisatoren nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es ihm und seinen Mitstreitern nicht ums Geldmachen geht, sondern um die hehre Kunst. Als ob sie selbst dem Frieden nicht so ganz trauten.

Idee ist witziger als das Endprodukt

Auch Außenseiter dürfen mitmischen: die Engländerin Cosi Fanny Tutti verdingte sich in den siebziger Jahren als Porno-Model, aus den Magazinseiten mit ihren Nacktfotos stellte sie Ausstellungen zusammen. Andrea Fraser bat 1983 ihren Galeristen, einen Mann zu finden, der 20 000 Dollar zu bezahlen bereit war, mit ihr schlafen zu dürfen. Der einstündige, in einem Hotelzimmer gedrehte Film ist eintönig, die Idee witziger als das Endprodukt. Und Maurizio Cattelan zeigt eine neue Arbeit, ein aufgespießtes totes Pferd, mit der Aufschrift "INRI".

Mit Warhol und seiner in seinen letzten Lebensjahren immer stärker werdenden Obsession mit sich selbst, mit dem eigenen Konterfei, beginnt die Schau, mit der in den letzten Jahren international vielleicht erfolgreichsten Marke, dem japanischen Super-Künstler Takashi Murakami, endet sie. Er hat ein Wandbild beigesteuert, auf dem die mythische Prinzessin Akihabara durch den Stadtteil in Tokio läuft, in dem die Manga-Comics entstehen. Und in einem in seiner grellen Welt aufliegenden Faltblatt stellt er lakonisch fest: "Je mehr wir studieren, desto schwieriger wird die Beantwortung der Frage, was Kunst ist." So ist es.

"Pop Life: Art in a Material World"

Termin: bis 17. Januar 2010, Tate Modern, London
http://www.tate.org.uk/modern/exhibitions/poplife/default.shtm

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