Tino Sehgal - Guggenheim New York

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Kussmarathon und Erklärungsnöte – anlässlich des 50. Geburtstags des New Yorker Guggenheim Museum ließ Tino Sehgal alle Kunstwerke abhängen und bespielt nun die leere Rotunde des Frank Llyod Wright Gebäudes.
Kussmarathon und Erklärungsnöte:Tino Sehgal bespielt Guggenheim-Rotunde

"Was ist Fortschritt?", fragt ein kleines Mädchen beim Rotundengang

Es gehört Mut dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das sind in diesem Fall die Begegnung zwischen zwei Menschen, ihre Beziehung und die Gespräche, die innerhalb von Sekunden Nähe herstellen oder auch das Gegenteil bewirken können. Nachdem die Kandinskys aus der letzten Erfolgs-Show im New Yorker Guggenheim Museum abgehängt waren, übernahm der in Berlin lebende Künstler Tino Sehgal die nackte Rotunde, um inszenierte "Situationen" zu schaffen, wie der Künstler es nennt. Bis auf die mehr als 100 bei Castings ausgewählten Laiendarsteller und Tänzer bleibt Frank Lloyd Wrights berühmtes Gebäude in den kommenden Wochen leer und sah selten besser aus.

"Vielleicht bin ich zu zynisch", meinte Guggenheim-Direktor Richard Armstrong am Tag der Eröffnung, die ohne Ansprachen oder den üblichen Rummel auskam. "Aber ich befürchte, einige Besucher werden ihren Eintritt zahlen und uns empört fragen, wo die Kunst geblieben ist." Dann machte er sich vergnügt auf zum Rotundengang, um Sehgals Arbeit zu erleben. Ihm folgte die New Yorker Kunstelite mit Gästen wie Kritiker Jerry Saltz, Performa-Gründerin RoseLee Goldberg, der zum Direktor des P.S.1 ernannte Klaus Biesenbach oder Kunstberater Philippe Segalot. Sogar der kürzlich zum Direktor des Museum of Contemporary Art in Los Angeles berufene Galerist Jeffrey Deitch ließ sich das Ereignis nicht entgehen. Sehgal selbst, der mit Partnerin und Kind gekommen war, wachte mit unfassbarer Ruhe über seinem großen New-York-Auftritt. Bereits im Vorwege hatte das New York Times Magazine dem erst 34 Jahre alten Künstler eine umfassende Geschichte gewidmet. Sehgal, der keine fotografische oder filmische Dokumentation seiner Arbeiten zulässt, der keine Kataloge drucken lässt, sich weigert, seine Arbeiten auf Wandtafeln zu erklären und seine Konzeptionen mit präzis formulierten, mündlich abgeschlossenen Verträgen zu Preisen von bis zu 145 000 Dollar verkauft, setzte sich für das Foto zum Artikel mit seinem Team in einen Baum im Central Park.

Begleitet von der wachsenden Weisheit

Für den Auftakt im Guggenheim entschied sich Sehgal für "The Kiss". Im Erdgeschoss des Gebäudes scheint ein Paar in einem endlosen Kuss gefangen zu sein. Der stumme Tanz ist choreografiert. Wie eine leibhaftige Skulptur bewegen sich die beiden Küssenden über den Boden. Sie ziehen sich an, sie stoßen sich ab. Manchmal nehmen sie Posen ein, die an Arbeiten von Rodin, Brancusi oder auch Jeff Koons' "Made in Heaven" erinnern. New York hätte nicht besser mitspielen können. Gegen Mittag tat sich der wolkenverhangene Himmel auf, die Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster der Rotunde ein und lieferten das perfekte Bühnenlicht. Es sei ein tranceartiger Zustand, meinte eine Tänzerin nach ihrem mehr als zweistündigen Kuss-Auftritt. Dass sie den endlosen intimen Moment mit ihrem schwulen Mitbewohner teilt, würde die ganze Sache einfacher machen. Während der Dauer der Ausstellung von sechs Wochen werden unterschiedliche Tänzer den Kuss im nahtlosen Übergang Tag für Tag aufführen. "The Kiss" von 2002 zählt zu den frühen Arbeiten von Tino Sehgal, der Wirtschaft und Tanz studiert hat. Es handelt sich um eine Leihgabe des Museum of Modern Art an das Guggenheim.

Wer Direktor Armstrong beim Rotundengang folgte, wurde bei der zweiten Arbeit dieser Ausstellung mit dem Titel "This Progress" von einem kleinen Mädchen im Empfang genommen. Es überraschte mit der Frage: "Was ist Fortschritt?" Und während man der vielleicht Neunjährigen seine Theorie und Beispiele für Fortschritt auf dieser Welt lieferte, bewegte man sich die Rotunde empor. Wo man von einem jungen Stundenten, später von einem Erwachsenen mittleren Alters und schließlich von einem betagten Akademiker im Empfang und bis zum Ende der Rotunde begleitet wurde. Die ganze Zeit über in eine Unterhaltung vertieft, die von philosophischen Fragen wie "Kann man gleichzeitig an zwei Orten sein?" oder "Erweist sich Signifikanz erst im Nachhinein?" zu Unterhaltungen über figurative Malerei oder das Erdbeben auf Haiti reichte.

Jede Rotunden-Runde bringt etwas Neues

Das Ganze fühlt sich an wie ein Tanz mit unterschiedlichen Partnern, die einen ungefragt weiterreichen. Die Musik spielt mit jedem Partner in einem anderen Takt. Zeit wird irrelevant. Schnell verliert man das Gefühl dafür, wie lange die laufende Unterhaltung in all ihrer Intensität gedauert hat. Bis einer der älteren Herren einen schließlich mit dem Satz "The piece is called This Progress" allein stehen lässt. Viele der Gäste machten sich gleich auf zur nächsten Rotunden-Runde, denn keine der Unterhaltungen ist wie die andere. Weil Sehgals Kunst im Kopf des Betrachters stattfindet, bleibt nur die Erinnerung an etwas, das sich niemals wiederholen lässt.

2008 hatte Marion Goodman Sehgal mit "This Situation" in New York eingeführt. Damals brach eine kleine Gruppe von Leuten ihre intensive Diskussion ab, sobald ein Gast die Galerie betrat, um ihn im Chor zu begrüßen. Bis einer aus der Gruppe ein historisches Zitat für eine neue Diskussion in den Raum warf. "Ich sehe viele Ausstellungen, die ich nicht mag. Aber diese war die einzige, die ich jemals gesehen habe, die mich nicht mochte", schrieb Jerry Saltz damals begeistert und kürte "This Situation" zu seiner Lieblingsshow von 2008. Man wird sehen, ob "This Progress" den Kritiker freundlicher behandelt hat.

"Tino Seghal"

Termin: bis 10. März 2010, Guggenheim Museum, New York
http://www.guggenheim.org