Paul Graham - Fotobuch

Zeitgenössische Streetphotography

Nach 14 Jahren vollendet der britische Fotograf Paul Graham seine Amerika-Trilogie und widmet sich in seiner neuesten Arbeit der Streetphotography in den Strassen New Yorks.
Zeitgenössische Streetphotography:Paul Graham: The Present

Paul Graham: "Delancy Street, 11th August 2009, 11.41.19 am"

Ein leuchtend grüner Laster versperrt die Kreuzung. Im nächsten Moment ist er verschwunden und gibt den Blick frei auf eine Straßenschlucht an deren Ende sich das Empire State Building erhebt.

Diese beiden Fotos bilden den Prolog für Paul Grahams neues Buch “The Present”. Plakative Flächigkeit weicht überbordender Detailfülle, während der Betrachter nur kurz mit der Wimper zuckt.

Der britische Fotograf begibt sich auf jene Straßen, auf denen einst seine Idole Robert Frank, Gary Winogrand oder Lee Friedlander umherzogen und sammelt unzählige kleine Kurzgeschichten. Ein Obdachloser steht vor einem Gebäude und ist im nächsten Moment verschwunden, zwei Polizisten stehen an seiner Stelle. Eine Passantin telefoniert und ist plötzlich zu Boden gestürzt. Vor einem Billig-Modegeschäft steht zuerst eine weinende Frau, dann eine andere Frau gestikulierend im Gespräch vertieft. Graham besitzt die Fähigkeit, mit einfachsten Mitteln und anhand banaler Sujets sehr viel über das heutige Amerika zu erzählen, über die Armut, die Vereinsamung, die Rassenproblematik oder die allgegenwärtige Konsumwelt.

“The Present” bildet den Abschluss von Grahams vor 14 Jahren begonnenen Amerika-Trilogie. Sein erstes Buch “American Night” behandelte die Trennung zwischen Arm und Reich. In großformatigen Bildern zeigte er die Ausgestoßenen der amerikanischen Gesellschaft, wie sie scheinbar orientierungslos umherirren. Und als Kontrast die abweisenden Fassaden der Mittelschichts-Einfamilienhäuser in den so typischen Vorortsiedlungen. Das hochdekorierte Nachfolgewerk “A Shimmer of Possibilities” erzählte in zwölf einzelnen dünnen Büchern Kurzgeschichten von Menschen am Rande der Konsumgesellschaft. Graham verband seine lakonische Betrachtungsweise mit einer einfühlsamen Poetik. Zwei unterschiedliche, oft banale Handlungsstränge wurden pro Geschichte virtuos gegeneinander montiert und luden sich gegenseitig mit Bedeutung auf. Kaum je hat ein Fotograf so einen Mann beim Rasenmähen gezeigt, wie es Graham in seiner ersten Shortstory tat.

Die Doppelung des Blicks…

Für “The Present” wählte Graham eine ähnlich konzeptionelle Herangehensweise. Jede Szene existiert nur als Diptychon, in wenigen Ausnahmefällen auch als Triptychon, denn Graham hat aus fast identischer Perspektive immer mindestens zwei Aufnahmen gemacht. So kondensiert er die fotografische Erzählung auf ein absolutes Minimum. Zwei Fotos bilden jeweils eine kleine Geschichte. In der Zeitspanne zwischen den einzelnen Bildern hat sich das Geschehen geändert. Manchmal gravierend, manchmal nur geringfügig. Durch geschickte Montage ahmt Graham unsere zerstückelte (visuelle) Wahrnehmung der Großstadt nach und dekonstruiert im selben Zuge die klassische Streetphotography. Es gibt keinen entscheidenen Augenblick, der Fokus wird verschoben, was eben noch wichtig erschien, ist plötzlich verschwunden, bestenfalls noch Staffage. Kurz gesagt: Die Gegenwart ist aufgelöst. Die fotografische Doppelung lässt die vermeintlichen Gegenwart als Konstruktion erscheinen und induziert gleichzeitig einen surrealen Effekt, jede Eindeutigkeit wird infrage gestellt. So birgt jedes Bildpaar eine unauflösbare Lücke und entfaltet ein Vexierspiel für den Betrachter, der sich fragt, was genau zwischen den Aufnahmen geschehen sein mag, darauf aber niemals eine Antwort erhalten wird.
Dieses Entfalten ist übrigens ganz wörtlich zu nehmen, denn das Buch besteht aus unzähligen Ausklappseiten, so dass ein schnelles Durchblättern von “The Present” gar nicht möglich ist. Es beinhaltet seine ganz eigene zeitliche Ökonomie und zwingt zum behutsamen Betrachten.

Paul Graham gelingt es, die Streetphotography mit “The Present” wieder aufleben zu lassen, ein Genre, dem die wenigsten Fotografen in den letzten Jahren noch etwas Substanzielles hinzufügen konnten. Gleichzeitig widersteht er der Versuchung, “A Shimmer of Possibilities” übertrumpfen zu wollen, und liefert eine stille, beobachtende Studie als Schlusspunkt seiner großartigen Amerika-Trilogie.

Paul Graham: The Present.

Erschienen 2012 bei MACK, 55 Euro.

Eine Ausstellung von Paul Graham mit den Arbeiten "Beyond Caring" und "The Present" ist vom 14. September bis zum 9. Dezember 2012 im LE BAL, Paris zu sehen.
http://www.paulgrahamarchive.com/