Dockville - Hamburg

Der Kunst ein Nest

Das Kunst- und Musikfestival MS Dockville öffnet wieder seine Tore. art machte einen Streifzug über das Festivalgelände
Kunst auf dem Feld:Dockville-Kunstcamp 2011 eröffnet

Luzinterruptus: "Radioactivity controls", 2011.

Der Wind trägt das Kreischen von Industriegebläsen übers Feld. Ringsum ragen die Containerkräne in den Himmel, Möwen ziehen ihre weißen Kreise. Klarer Fall: Das hier ist Festivalgelände, jedenfalls dann, wenn man in Hamburg wohnt und weiß, dass dieser Stadtteil am Wasser im Sommer zur Attraktion wird - Wilhelmsburg.

Wer nicht aus dem Norden kommt, dem sei gesagt: Wilhelmsburg ist so etwas wie das Neukölln von Hamburg, nur ohne die Buschkowskys und Sarrazins. Dafür hat Wilhelmsburg bald die Internationale Bauausstellung, die das Viertel – im Übrigen die größte Flussinsel Europas – zu einem Vorzeigewohnprojekt machen will. So oder so: Der Hafen wird bleiben. Wer zum Gelände will, muss deshalb einen guten Kilometer zu Fuß ins Nirgendwo laufen, vorbei an der Industriestraße, in der Fatih Akin einst sein „Soul Kitchen“ drehte.

In diesem Viertel also gedeiht seit vier Jahren das MS Dockville, bestehend aus dem Kunstcamp, dem Lüttville und dem Festival, zu denen regelmäßig ein paar Dutzend große Bands auftreten. Am Donnerstag ist nun der öffentliche Teil des Kunstcamps eröffnet worden, etwa 30 Künstler aus aller Welt sind mit Installationen oder Performances vertreten. Man habe sich gegenseitig im Kunstcamp während der internen Phase geholfen, erzählen alle, die man fragt; man habe sich inspiriert und beraten – ein Künstlerdorf mit Werkstattatmosphäre im besten Sinne.
Im Gedächtnis blieb vor allem Marc Klees Installation „Zwischen Brand – Inter Burning“. Er ließ Holzhaus aufbauen, vier mal fünf Meter, und brannte es zur Hälfte ab. Dann hängte er zehn Flachbildschirme hinein, auf denen Kurzfilme laufen. Zehn Interventionen im städtischen Bereich hat Klee in seinem Holzhaus versammelt, getreu dem Motto: der Zeitlupe einen Raum, dem Vergessen eine Schutzhülle.

Auf einem der Monitore verfolgt man einen Menschen beim unterirdischen Gang durch ein Gebäude. Wie ein unterirdisches Parkour bahnt sich der Künstler seinen Weg durch den dicht bebauten Prenzlauer Berg. Sein Marsch durch den Keller eines Hauses dauert genau so lange, wie ein Streichholz brennt, mit dem er sich den Weg leuchtet. „Durchzug“ heißt der Kurzfilm, gedreht von Konrad Mühe.

Der Name ist durchaus Programm, auch für die Installation insgesamt. So wie der Wilhelmsburger Wind durch die Ritzen dieses halb abgebrannten Holzhauses zieht, so ziehen – in einem weiteren Film von Cream mit dem Titel „Torstraße 1“ – die Menschen, die Generationen, ja ganze Weltanschauungen durch das Kaufhaus Jonaß in Berlin: Wo einst die Hitlerjugend ihren Sitz hatte, zog in den Fünfzigern das DDR-Politbüro ein, später das Institut für Marxismus-Leninismus. Heute residiert dort, herrlich oligarchisch, der verquast-elitäre Soho-Club Berlin. Das „Ende der Geschichte“? Wohl kaum.
Eine Vergessensarbeit der eigenen Art leistet „Evol“. Er wendet das Motto der Pariser Achtundsechziger ins Gegenteil: Nicht der Strand unter den Pflastersteinen – ein sozialistisches Wohnsilo kommt bei seinem Kunstwerk unter der Grasnarbe zum Vorschein. Eigentlich arbeite er mit Objekten; weil er die aber auf dem Acker nicht vorgefunden habe, habe er den Klappspaten genommen und seine gesprayten Plattenbau-Fassaden eingegraben. Zum Glück, wie man sagen muss: So wird daraus eine Dystopie im Wald – just am Ort der Aussteiger und Zivilisationsflüchtlinge.
Das „Nest“ nimmt derweil die Hamburger Edel-Baustelle Hafen City und das gentrifizierte Schanzenviertel aufs Korn.

In der Ästhetik dem Herzog-de Meuronschen Nest nicht unähnlich, bietet es eine Mischung aus Festival-Mikrokosmos und organischer Architektur. Jeden Abend werden auf den Bühnen des Kunstcamps Performances, Kurzfilme oder Musik geboten; den Anfang machten unter anderem die „Chicks on Speed“ mit Unterstützung von Anton Unai.
Von den „Iconauten“ könnten die Besucher etwas riechen, bevor sie sie sehen. Ein Hauch von karamellisiertem Zucker zieht aus ihrer Behausung nach draußen. In ihrem tipi-artigen Zelt aus Zuckerwatte können Besucher eine eigene Skulptur – eben Zuckerwatte – herstellen. Mit ihrem kariesfördernden Rorschachtest wollen die Künstler so die Beobachtungsgabe trainieren: Weil die Bilderflut in letzter Zeit nicht ab-, sondern zunehme, aber unser geistiges Instrumentarium noch das gleiche sei wie vor 20 Jahren, müsse man den Blick schärfen für die Bilder, die uns umgeben. Die Besucher nehmen’s dankend an, denn ob mit oder ohne bildtheoretischen Diskurs im Hinterkopf – es schmeckt einfach gut.

MS Dockville in Hamburg-Wilhelmsburg

Ab dem 21. Juli bis zum 7. August ist das Kunstcamp öffentlich. Das Festival dauert vom 12.-14. August.
http://msdockville.de/kunst
kunst@msdockville.de

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