elles @ centrepompidou - Paris

Künstlerinnen unter sich

500 Werke von 200 Künstlerinnen – das Centre Pompidou setzt für die neue Hängung seiner ständigen Sammlung, der größten Europas, ausschließlich auf Frauen. Und erzählt so in "elles@centrepompidou" die Geschichte der Moderne einmal anders. art sprach mit der verantwortlichen Museumskuratorin Camille Morineau.
Künstlerinnen unter sich:500 Werke vom 200 Künstlerinnen im Centre Pompidou

Camille Morineau, Museumskuratorin des Centre Pompidou

Frau Morineau, nach "Big Bang" 2005 und "Die Bewegung der Bilder" 2006/07 steht die dritte Neupräsentation der ständigen Sammlung jetzt ganz im Zeichen der Frau. Warum und warum gerade jetzt? Geht es um eine Wiedergutmachung, eine Rehabilitierung der Rolle der Künstlerinnen im 20. Jahrhundert?

Camille Morineau: Den Begriff der "Rehabilitierung" mag ich nicht, der klingt zu negativ. Es hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von aufarbeitenden Ausstellungen zum Feminismus gegeben, so dass man heute vorurteils- und ideologiefrei das Thema objektiv angehen und darstellen kann, wie Künstlerinnen lange Zeit viel weniger ausgestellt wurden, obwohl sie genauso viel und gut gearbeitet haben wie ihre männlichen Kollegen.

Und da ich ausschließlich mit unserer eigenen Sammlung arbeite, also keine Themenausstellung im eigentlichen Sinne kuratiere, erlaubt mir das auch eine kritische Überprüfung unserer eigenen Sammlungsgeschichte. In der Sammlung des Centre Pompidou machen die Arbeiten von Künstlerinnen gut 17 Prozent aus, das entspricht der Quote im französischen Parlament, spiegelt also unsere heutige Gesellschaft, die noch weit von der Parität entfernt ist.

Hat eine solche Ausstellung gerade jetzt Sinn, weil die militante Epoche des Feminismus bereits Geschichte ist?

Das trifft für Frankreich nicht ohne weiteres zu, finde ich. Im Gegenteil, feministisches Gedankengut gehört heute in Philosophie und Soziologie zu dem Spannendsten. Es gibt hier in Frankreich noch sehr viele Feministinnen, wir erleben eine Art Post- oder Para-Feminismus, wie es eine Autorin im Katalog nennt. Andererseits haben die Franzosen Probleme mit dem Begriff "Feminismus", auch, weil Frankreich immer noch sehr männerbestimmt ist. Eine Ausstellung nur zum Thema "Feminismus" wäre deshalb in Paris kaum durchzusetzen, weshalb wir die viel aufwändigere und mutigere Variante wählen, männliche Künstler einfach auszuschließen. Letzteres wäre beispielsweise im konservativen New Yorker MoMA nicht möglich, dort würde man die Themenausstellung vorziehen.

Warum verzichten Sie auf eine chronologische Hängung?

Weil wir unsere eigene Arbeit als Kunsthistoriker in Frage stellen wollen. Persönlichkeiten wie Sonia Delaunay, Frida Kahlo oder Dora Maar sind deshalb im historischen Teil unter sich, auch die Designerinnen Eileen Gray und Charlotte Perriand, aber ab den sechziger Jahren wird thematisch gegliedert, weil die Gegenwartskunst sich ab Künstlerinnen wie Niki de Saint-Phalle oder Eva Hesse so besser erschließt.

Welche kunstgeschichtlichen Erkenntnisse werden die Besucher mit nach Hause nehmen?

Eine der Erkenntnisse wird sein, dass ein Überblick über das zwanzigste Jahrhundert nur anhand von Künstlerinnen extremer, radikaler, in der Performance auch gewalttätiger ausfällt. Viel zu oft glaubt man, Kunst von Frauen sei feminin, hübsch und dekorativ. Wir beweisen das Gegenteil, unter anderem weil Künstlerinnen oft freier und unabhängiger von modischen Strömungen arbeiteten. Eine andere Erkenntnis ist, dass Frauen sich immer sehr früh mit neuen Medien beschäftigt haben. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es enorm viele Fotografinnen, und dasselbe gilt für Installation und Video.

Gab es Künstlerinnen, die zögerten, aus Angst vor dem Schlagwort "Kunst von Frauen" mitzumachen?

Fast alle. Wir mussten ihnen unser Vorhaben erst genau erklären.

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