Schwerfel On Tour - Reisetagebuch Asien

Schwerfel On Tour: Yokohama-Triennale

Von Gwangju bis Yokohama – innerhalb von zwei Wochen finden in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan sieben Biennalen und Triennalen statt. Unser Korrespondent Heinz Peter Schwerfel ist vor Ort – und berichtet exklusiv für art aus den asiatischen Kunstmetropolen. Letzter Teil: die Yokohama-Triennale.
Eine Rundreise durch Asiens Biennalen:Teil fünf: die Yokohama-Triennale

Exportschlager Jonathan Meese amüsiert das japanische Publikum mit Ölfarbe, Bier, Richard Wagner und Hitler-Gruss

Zur feierlichen Eröffnung blubberten angestrahlte Seifenblasen aus Schaumkanonen, die Skyline der Bucht von Yokohama glitzerte festlich, lauwarmer Sake floss in Strömen und Aktionsguru Terence Koh führte eine "Weiße Parade" zum Pier der japanischen Hafenstadt.

Deren Triennale mit dem abgründigen, aber romantischen Titel "Time Crevasse", zu deutsch etwa "Zeitkluft", sich in diesem Jahr selbstsicher und trendsettend gibt. Nach zögerlichem Start der ersten beiden Ausgaben will die größte Kunstausstellung Japans mit rund siebzig Künstlern aus aller Welt und quer durch die Generationen beweisen, dass das Kunstwerk vom Künstler nicht zu trennen und Gegenwartskunst immer noch in der Lage ist, Gletscherspalten in die gefrorene Masse Zeit zu schlagen; Klüfte, aus denen man einen ganz eigenen, intensiven Blick auf die Wirklichkeit genießen kann.

Am Morgen danach füllte Jonathan Meese eine solche Zeitspalte auf seine Art, nämlich mit Ölfarbe, Bier, Richard Wagner und Hitler-Gruß, was das japanische Publikum – glücklicherweise – eher amüsierte. Später ließ der amerikanische Künstler und Musiker Steven Prina den Tag sehr viel leiser ausklingen, als er am Flügel einen – angeblich – Ende der sechziger Jahren bei der Plattenaufnahme im Tonstudio gefilmten, längst vergessenen Folksänger live begleitete. Doch was wie ein wehmütiger Blick aus einer sehr persönlichen Zeitkluft zurück in die Vergangenheit wirkte, war reine Fiktion, an einem alten Ort aktuell gefilmt vom in Los Angeles lebenden Österreicher Mathias Poledna, dessen liebstes Thema die ehemalige Zukunft der Moderne ist. Ein doppeltes Spiel über den Widerstand gegen das lineare Verstreichen der Zeit und über die verführerischen Kräfte der Kunst, und ein Leitmotiv dieser Triennale, das sehr viel lauter und verspielter auch in Mike Kelleys witzigem Nazi-Rap über die dunkle Zeremonie des Kerzenanzündens auftaucht. Drei Schauspieler und eine mit Kissen aufgeblähte blonde Heidi erinnern an Kelleys Schülererfahrungen bei den Neonazis des Jungbunds.

Renommierte Namen Seite an Seite mit Entdeckungen

Um Meese, Kelley und Prina herum warten in Yokohama auf das Publikum an vier Hauptausstellungsorten sowie mehreren Nebenschauplätzen Rauminstallationen von Rodney Graham bis Michelangelo Pistoletto, Multimedia von Douglas Gordon bis Joan Jonas, Filmprojektionen von Fischli/Weiss bis Paul Chan oder Keren Cytter. Ein lange in Vergessenheit geratener Pionier wie Tony Conrad, in den sechziger Jahren Legende durch seine Flicker-Projektionen, zeigt eine in unregelmäßigen Abständen in ein Farbbad tauchende Kugel, und der in Genf lebende John Armleder inszeniert einen Raum mit abstrakter Wandmalerei als verwüstete Moderne. Renommierte Namen wie die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven sind Seite an Seite mit Entdeckungen, etwa der jungen Inderin Shilpa Gupta, die seit der Biennale in Lyon 2007 ständig mit neuen, völlig unterschiedlichen Medienarbeiten überrascht. In Yokohama zeigt sie wandgroße Fototableaus von jugendlichen Landsleuten bei der symbolischen Verweigerung des Nicht-Sehens, Nicht-Hörens und Nicht-Sprechens.

Unterschiedlichkeit in Herkunft, Generation und Stil – gerade diese scheinbare Heterogenität schenkt der Triennale von Yokohama ihre ganz persönliche Identität. Sie gewinnt Profil, geht auf Distanz zur modischen Gleichmacherei vieler heutiger Großausstellungen. Westliche Altmeister der gefilmten Performance wie der Kalifornier Paul McCarthy wechseln ab mit der japanischen Tanztruppe von Chelfitsch oder Jungstars wie der chinesischen Medienkünstlerin Cao Fei. In den nächsten Wochen werden noch Hermann Nitsch, der französische Choreograf Jérôme Bel oder Marina Abramovic zu Live-Performances anreisen, den Abschluss am 30. November macht niemand anders als Yoko Ono persönlich.

Yokohama ist der Höhepunkt des asiatischen Biennale-Jahres

Yokohama setzt rigoros auf Zeit, auf die subjektive, mal verlangsamte, mal eingefrorene Zeit der Kunst. Und das wahre Kunststück der Ausstellung ist es, die ganz besonderen Charakteristika von Performance und Body-Art in größzügig gebaute Installationen zu übersetzen, die die Präsenz des Künstlers spüren lassen, auch wenn der längst wieder abgereist ist.

Und so wird schon bei den ersten Schritten durch die moderne weiße Ausstellungshalle am Shinko-Pier oder das unter Denkmalschutz stehende Lagerhaus Red Brick klar, dass diese Triennale in ihrer gefühlvollen Radikalität der Höhepunkt des asiatischen Biennale-Jahres 2008 ist. Eine Ausstellung, die ihr Publikum fordert, die den Dialog der Kulturen nicht didaktisch beschwört, sich nicht beim Gefälle von Global und Lokal aufhält. Die ohne Rücksicht auf verführerische Netzhautreize trotzdem auf alles Kopflastige zu verzichten weiß. Eine Ausstellung, wie man sie gern auch in unseren europäischen Landen mal wieder sehen würde.

Und das, obwohl das Budget der Yokohama-Triennale gering ist im Vergleich zu den zwölf Millionen Dollar in Gwangju. Man kann auch nicht auf einen spektakulären Publikumsansturm rechnen wie in Shanghai, wo der Goldrausch auch die Bildende Kunst mitzieht. Yokohamas Künstlerliste ist deutlich westlicher als im koreanischen Busan oder im chinesischen Guangzhou, die Ausstellungsarchitektur strenger als in Taipeh, das Thema enger gefasst als in Singapur. Aber vor allem hat der künstlerische Leiter, der Japaner Mizusawa Tsutomo, seinen beim Dichter Paul Celan entliehenen Titel der "Time Crevasse" ernst genommen und konsequent umgesetzt, mit Unterstützung von fünf aktiv im internationalen Biennale-Zirkus wirbelnden Gastkuratoren, darunter aus dem deutschsprachigen Raum Daniel Birnbaum von der Städelschule in Frankfurt, Hans-Ulrich Obrist von der Londoner Serpentine Gallery und Beatrix Ruf von der Kunsthalle Zürich. Zusammen wurden Künstler und Konzept erstellt, aber gehängt hat allein Tsutomo.

Auszeit aus der allzu modischen Hektik des Kunstbetriebs

Es ist eine auch für das Publikum physisch intensive Ausstellung, für deren Besuch man mehrere Tage braucht und die ihr Auftreten und Profil lebendig verändert, je nach Ort, Zeit, Event. Wem die Installation des Kinderschrecks Meese zur "Diktatur der Kunst" zu schmutzig ist, der kann zwischen den aufgehängten Rundspiegeln von Ceryn Wyn Evans ausruhen; wem die Archivbilder zur Geschichte der Performance in Japan zu nüchtern werden, kann sich in einem eigenen Raum das Video von Matthew Barneys letzter Performance anschauen.

Oder er nimmt ein Taxi zum nahen Sankeien-Garten, einem traditionellen japanischen Park mit Karpfenteich und alten Schreinen. In einem hölzernen Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert inszeniert Tino Sehgal dort seine "Kuss"-Performance, und ein paar Schritte weiter lauscht man in einem ehemaligen Tempel einem live zu elektronischen Klängen vom Band gespielten traditionellen japanischen Saiteninstrument, während eine einzelne nackte Glühbirne extrem langsam durch den dunklen Raum wandert und verlischt. Es ist eine Arbeit der Argentinier Jorge Macchi und Edgardo Rudnitzky und einer der intensivsten künstlerischen Momente der letzten Jahre, eine Zeitkluft, die weitgereiste und örtliche, westliche und japanische Besucher entschädigt für alle Manierismen des Biennale- und Triennale-Zirkus. Eine mit nichts als Licht und Musik gefüllte Auszeit aus der manchmal allzu modischen Hektik des globetrottenden Kunstbetriebs.

"Yokohama Triennale 2008"

Termin: bis 30. November, Yokohama, Japan.
http://yokohamatriennale.jp/2008/en/