Younger Than Jesus - New Museum New York

Oh My God!

50 Künstler aus 25 Ländern – und alle unter 33 Jahre. Die Schau im New Yorker New Museum "The Generational: Younger Than Jesus" überrascht mit einem unverkrampft frischem Blick auf die Welt.

"What's Going On" sang Marvin Gaye im Foyer des New Museum of Contemporary Art. Die schottische Künstlerin Ruth Ewan hatte eine Jukebox mit 600 weltbewegenden Songs aufgestellt. Im Hintergrund lärmte die Stichsäge. Denn die Truppe der aus Boston stammenden Künstlerin Liz Glynn war bereits seit dem Vorabend dabei, Rom in 24 Stunden aus Pappe und Sperrholz zu errichten. Eines der vielen Transparente an der Wand trug die Aufschrift "Actions Not Words".

Die Ewige Stadt, die geschichtsgetreu ein paar Stunden später in einen Trümmerhaufen verwandelt werden sollte, bildete den Auftakt der Generations-Show mit dem herausfordernden Titel: "The Generational: Younger Than Jesus". So mancher Besucher dachte bestimmt: eine geniale Idee, aber bitte nicht schon wieder Nachwuchskünstler, die mit Holz, Pappe, Zeitungsausrissen, alten Fotos oder Fundstücken Trash-Art zusammenzimmern. Denn das hatte man in der letzten Zeit allzu häufig gesehen.

Doch es kam ganz anders. Was das Kuratorenteam des New Museum auf vier Etagen an Kunst zusammengetragen hatte, überraschte immer wieder mit unverkrampft frischem Blick auf die Welt. "Wir hatten die Befürchtung, in die Jahre zu kommen", so Kurator Massimiliano Gioni über die Idee für die neue Triennale. Schließlich bringt es das 1977 gegründete Museum, das 2007 sein cooles, vom japanischen Architektenteam SANAA designte Haus auf der Bowery bezog, bereits auf 32 Jahre. Die Ausstellung, bei der die junge Generation und was sie bewegt unter die Lupe genommen werden soll, ist ein ambitioniertes Projekt. In New York gibt es bereits den MoMA-Ableger P.S.1 als etablierte Plattform für junge Kunst und das Whitney Museum lässt seit 1932 seine Biennale steigen, bei der viele junge amerikanische Künstler ihren ersten großen Auftritt haben. Aber das New Museum ging bei seiner Triennale das Ausstellungskonzept mit neuen, radikaleren Ideen an.

Tschernobyl, Lady Diana und Ronald Reagan

Alle teilnehmenden Künstler sind nach 1976 geboren – und damit unter 33 Jahre alt. Das Alter, in dem Jesus starb. "Es handelt sich um die größte demografische Gruppe seit den Baby-Boomern", so Massimiliano Gioni. Sie wurde mit Namen wie Millennials oder Generation Me betitelt. In China und Indien machen die Millennials 50 Prozent der Bevölkerung aus. "Es ist die Generation, die unsere Zukunft formen wird. Und es stehen große kulturelle Veränderungen an", glaubt Gioni. Künstler wie Richard Prince oder Jeff Koons hätten in jungen Jahren ihre aufregendsten Arbeiten hervorgebracht. "Wer weiß, vielleicht ist auch bei dieser Ausstellung ein junger Jasper Johns dabei."

Das Museum setzte beim Auswahlprozess auf Networking und ließ sich von mehr als 150 internationalen Künstlern, Kritikern und Kuratoren potentielle Teilnehmer empfehlen. Das Ergebnis war eine Liste mit 500 Namen, die dann von den drei Kuratoren auf 50 Künstler aus 25 Ländern heruntergekocht wurde. Neben dem Ausstellungskatalog wurde ein "Artist Directory" mit allen vorgeschlagenen Künstlern veröffentlicht. Obendrein startete das New Museum Umfragen unter den Teilnehmern. Es kam heraus, dass Ereignisse wie die Islamische Revolution, die blutigen Rassenunruhen in Los Angeles, die Katastrophe von Tschernobyl oder die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana zu den ersten großen globalen Ereignissen zählen, die sie wirklich wahrgenommen haben und dass sie MTV, Bladerunner oder Calvin Klein ebenso prägten wie Maggie Thatcher oder Ronald Reagan.

"Das Leben ist so real geworden, dass es fast irreal erscheint"

Bei der gezeigten Kunst ist dann wie zu erwarten auch ein Videospiel dabei (von Mark Essen, mit 22 Jahren einer der jüngsten Teilnehmer). Es geht um die klägliche Kunst der Selbstdarstellung im Internet auf der Webseite MySpace (Guthrie Lonergan), um Einsamkeit (die Performance-Tänzerin Faye Driscoll), um Fruchtbarkeit (Mariechen Danz) oder die Geister der Vergangenheit in Form von ehemaligen US-Präsidenten. Ryan Gander lässt eine junge Frau in einem Trainingsanzug, der zarte Blutspuren aufweist, durch die Ausstellungsräume schlendern. Und das in Berlin ansässige Künstlerkollektiv AIDS-3D lässt den Schriftzug "OMG", die Internet-Jargon-Abkürzung für "Oh My God", auf einer Art Schrein aufblitzen und der polnische Maler Jakub Julian Ziolowski Truppen zum Kampf unter einem Tisch gegeneinander aufmarschieren.

Der chinesische Künstler Chu Yun engagierte Frauen, die sich mitten im Ausstellungsraum unter die schneeweiße Decke in ein Bett legen und unter dem Einfluss von Schlafmitteln friedlich und sanft wie ein Märchenwesen vor sich hinschlummern. Sein Landsmann Liu Chuang kaufte jungen Passanten auf der Straße ihr komplettes Hab und Gut ab, inklusive der Kleidung am Körper, um die Sachen aufgebaut wie zur Autopsie einer Generation auszustellen. Unter den Teilnehmern sind auch die deutschen Künstlerinnen Kerstin Brätsch, die ursprünglich aus Hamburg stammt, und die Heidelbergerin Kitty Kraus, die ihre Licht streuenden Spiegellampen aufgestellt hat.

"Das Leben – und nicht die Kunst – ist so real geworden, dass es fast irreal erscheint. Die Kunst wurde durch ein Gefühl von Notwendigkeit wiederbelebt", urteilte der New Yorker Kritiker Jerry Saltz wohlwollend über die Ausstellung. Auffällig viele der Künstler scheinen sich nicht weiter von aktuellen Konflikten und Krisen beeinflussen zu lassen. Sie reflektieren das Leben, bewegen sich in ihren Nischen und scheinen frei von Dogmen zu sein. Künstler seien eben keine Kameras, die Momentaufnahmen liefern, meint Kuratorin Laura Hoptman. "Mich hat überrascht, wie wenig Sarkasmus und Ironie bei den Arbeiten zu finden ist und dass sich die meisten offenbar nicht weiter vom Thema Weltwirtschaftskrise berühren lassen", so Hoptman. "Und ich erinnerte mich daran, wie losgelöst von allem ich selbst als junger Mensch war."

"The Generational: Younger Than Jesus"

Termin: bis 5. Juli, New Museum, New York
http://www.newmuseum.org/exhibitions/411/the_generationalyounger_than_jesus

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