KölnSkulptur 5 – Reality Check - Skulpturenpark Köln

Die Kunst überholt die Wirklichkeit

Der Skulpturenpark Köln zeigt 17 neue Arbeiten unter dem Titel "Reality Check" und bietet einen spannenden Überblick über zeitgenössische Außenskulpturen – unter anderem von Jonathan Meese, Michael Sailsdorfer, Dirk Skreber, Thomas Moecker, Thomas Rentmeister und Christina Doll.
Die Kunst überholt die Wirklichkeit:17 neue Arbeiten im Skulpturenpark Köln

Dirk Skreber: "Reaktor", 2009

Unter dem Titel "KölnSkulptur 5 – Reality Check" werden in Köln 17 neue Arbeiten im Skulpturenpark präsentiert. Die Frage nach dem Grundverständnis von Realität, also der Wahrnehmung und Deutungshoheit von Wirklichkeit gehört zu den feststehenden Topoi der zeitgenössischen Kunst. So grundsätzlich diese Frage auch gestellt werden kann, so sehr scheitert eine verbindliche Antwort an der Komplexität der Frage selbst.

Stets droht die Gefahr in eine allgemeine Unverbindlichkeit und Relativität abzurutschen und am Ende nicht mehr sagen zu können, als ohnehin schon klar war: Einen verbindlichen Status von Wirklichkeit kann niemand definieren, wir sehen zwar das Gleiche und sehen doch jeder etwas anderes. Dennoch gibt es eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die für alle teilbar und erfahrbar ist und die sich unterschiedlich interpretieren lässt. Das Motto der Ausstellung könnte also zur Ungenauigkeit verleiten, da die kuratorischen Parameter zu offen sind.

Der Kuratorin Renate Goldmann gelingt mit "Reality Check" aber eine sehr gute Ausstellung, die zwei zentrale Aufgaben erfolgreich löst. Zum einem Arbeiten zu zeigen, die als Außenskulpturen konzipiert wurden und zum anderen keine abstrakte Formensprache sprechen, wie man sie von vielen Skulpturen, die in Parkanlagen und vor Rathäusern vor sich hin rosten kennt: große Stahlschwinger, die Raumvolumen und Balanceprobleme ausmessen, ansonsten aber auf nichts verweisen, außer als auf ihre Größe. Von diesen abschreckenden Beispielen finden sich auch im 1997 vom Sammlerehepaar Stoffel gegründete Skulpturenpark einige Exemplare.

Beton-Matratze als soziales Kommentar

Viele der 17 neuen Arbeiten überzeugen da auf ganz andere Weise mit einem aktuellen Konzept von Außenskulptur und bringen Formensprache und Inhalt auf den Punkt. Und folgen damit der Qualität, die Kollegen wie Fischli/Weiss, Manfred Pernice, Dan Graham, Jenny Holtzer oder Anish Kapoor vor Ort bereits vorgelegt haben. Thomas Rentmeister zeigt die Arbeit "Depot, gestern" von 2009. Unprätenziös und präzise sind Material und Ort: Am Rande des Parks im Gebüsch befindet sich ein Haufen ausrangierter Kühlschränke, die wie ein illegaler Schuttplatz für Weißgeräte wirken. Die Kühlschränke sind verschmutzt und kaputt und entfalten ihre ästhetischen Qualitäten auf der Folie gesellschaftlicher und formaler Kritik. Rentmeister hat schon öfter mit Kühlschränken gearbeitet. Diese aber im Ausstellungsräumen gezeigt und Farbe, Form und Funktionalität der Geräte im Spiegel der Kunstgeschichte betrachtet.

Im Skulpturenpark drängt sich eher die soziale Wirklichkeit auf: Abfälle, die achtlos und illegal weggeworfen werden, lassen an Überfluss und einen Mangel an Gemeinsinn denken. Das Depot von Rentmeister ist ein disparater Ort, der gleichzeitig auch die Frage nach dem Aussehen und der Funktion von Außenskulptur stellt, zumal wenn sie unter dem Motto Reality Check präsentiert wird. Rentmeisters Arbeit verbindet sich unterschwellig mit dem Beitrag des Leipziger Künstlers Thomas Moecker, der unter dem Titel "Basement" (2009) eine in Beton gegossene Matratze an einem Baum ablegt. Die Matratze wirkt täuschend echt. Erst bei näherer Betrachtung und Berührung offenbart sie ihr abweisendes Material. Übersetzt man dann den Titel mit Keller, Grund oder Boden wird klar, dass es sich hier gleichermaßen um einen sozialen Kommentar handelt. Denn Matratzen, versifft und feucht, findet man auch an Bahnhöfen, in Parks oder unter Brücken und zwar als Lager von Obdachlosen. Auf einer Betonmatratze kann niemand schlafen. Im Material Beton verdichten sich der gesellschaftliche Spielraum und die physische Ausweglosigkeit, die das Thema Obdachlosigkeit bereithält.

"Reaktor": Dirk Skrebers Arbeit scheitert spektakulär

Dennoch ist die Arbeit auf der formalen Ebene perfekt ausgearbeitet und verweist auch auf die Softsculptures von Claes Oldenburg oder die Formstudien einer Rachel Whiteread und führt damit exemplarisch vor, wie das Thema der Ausstellung zu interpretieren ist. Dies gelingt nicht jedem. Dirk Skreber scheitert daran spektakulär. Auch wenn Skreber als Maler eine unstrittig wichtige Position darstellt und sich mit der in Köln gezeigten Arbeit "Reaktor" (2009) thematisch an einem Sujet versucht, dass er bereits schlüssig in dem Bilderzyklus "It Rocks Us So Hard Ho Ho" von 2002 umgesetzt hat, bleibt man als Betrachter nach dem ersten Staunen enttäuscht zurück. Eine große Geste versinkt buchstäblich in der Erde. Skreber hat ein Autowrack an einem Stahlmast aufgehängt. Es entsteht der Eindruck, als sei der Wagen von der Straße abgekommen und habe sich mit der ganzen Wucht des motorisierten Fahrzeugs um eine Laterne gewickelt. Skreber geht es anscheinend um Energie die fehlgeleitet ist und ihre tödliche Kraft auf unkontrollierbare Weise entfaltet. Für diese Härte wirkt das ganze Objekt aber viel zu statisch. Die verkrampfte Ästhetisierung eines Autowracks konnte man auch 2008 im belgischen Museum Dhondt-Dhaenens Deurle erleben. In Köln wirkt die Arbeit völlig überzogen und entleert. Man fühlt sich an ein Demonstrationsobjekt vom ADAC erinnert, das vor allem die Väter und Söhne am Eröffnungstag staunen und fotografieren ließ.

Vollends absurd wird das Ganze durch die immerhin sechs Meter tiefe Grube, die der Künstler ausheben ließ, um die Besucher nach unten zu führen. Unten angekommen sieht man das Auto von unten, mehr nicht. Das Loch, das von einer biederen und sauberen Treppe geschmückt wird, die einen sicher nach unten geleitet und das am Boden ein hübsches Kiesbett hat, versteht Skreber als Sinnbild für einen Reaktor. Hier sollen die unsichtbaren Kräfte der Entropie wirken. Das Konzept ist aber so hölzern und statisch wie die Skulptur und kommt über die spekulative Sensation nicht hinaus. Spektakulär, aber viel präziser ist die Riesin von Christina Doll, die unter dem Titel "Vivi" (2007/09) eine über drei Meter große Porträtplastik aus Beton zeigt. Die Vergrößerung zeigt ein offensichtlich übergewichtiges junges Mädchen, das selbstbewusst und gelassen die überflüssigen Pfunde ihres aufgeschwemmten Bauches zeigt und sich wenig an den hervorquellenden Fettpolstern stört. Die Arbeit könnte auf fatale Weise das Model kompromittieren und einem verzerrten Körperbild das Wort reden. Doll schafft es aber statt dessen, die überzogenen und künstlichen Bilder der Schönheit zu entlarven und der wirklichen Wirklichkeit von Körper, Aussehen und Gesundheit ein ungeschöntes, vor allem aber würdevolles Antlitz zu verschaffen.

"Es gibt mehr Investionsruinen als es Musterschulen gibt"

Der Realismus der Arbeit wird durch die Größe und das Material im richtigen Maße relativiert und erinnert weder an preußische Standbilder noch an den Hyperrealismus eines Duane Hanson. Auf dem Dach der Sammlung, und damit nicht unmittelbar im Skulpturenpark, steht ein Helikopter, eine französische Se 3160 Alouette 111, wie man dem Katalog entnehmen kann. Michael Sailsdorfer hat seine Arbeit "Hoher Besuch – Köln" (2009) genannt. In einem Zeitintervall beginnen die Rotorenblätter sich immer wieder langsam zu drehen, da Sailsdorfer den eigentlichen Antrieb durch einen Elektromotor ersetzt hat. Ob das weiße Fluggerät mit den schwarzverspiegelten Scheiben gerade gelandet ist oder startet, ist weniger entscheidend als sein Status als Sinnbild von Macht und Einfluss. Die Kunst bekommt hohen Besuch. Verkehrsregeln und Sicherheitsbestimmungen werden da schon mal gelockert oder aufgelöst, denn wer Geld und Einfluss hat, darf als Mächtiger die Wonnen der Exklusivität genießen. Auch die hehre Kunst ist immer Teil dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit und häufig genug Repräsentant und Feigenblatt von politischen Administrationen. Krude und subjektiv begründet sich die überzeugende und radikale Arbeit von Thorsten Slama. Was haben Herbert Bayer, Atomkraft, ein Affe und eine Zigarette gemeinsam? In seinem Textbeitrag im Katalog schreibt Slama dazu: "Der Gorilla teilt viele Eigenschaften mit der Zigarette. So wie die Zigarette sich niemals ihre Giftigkeit wird abgewöhnen können, wird der Gorilla niemals seine Triebe meistern. Der Gorilla ist ebenso wenig anpassungsfähig wie die Zigarette, wie der schnelle Brüter SNR-300, die größte Investionsruine der Bundesrepublik." Der Text endet mit der entschiedenen Aussage: "Es gibt mehr Investionsruinen als es Musterschulen gibt. Herbert-Bayer-Zigarettenkiosk/Atomskulptur ist ein antideutsches Monument für den Überfluss im Sinne des Zigarettengleichnisses."

Eine radikale Logik liegt dieser Beschreibung zugrunde, die gleichzeitig poetisch-assoziativ und politisch-analytisch ist. Ob das alles zu beweisen oder schlüssig ist, ist dabei völlig zweitrangig, denn Slama untermauert seine These mit einem großen Monument, das in seiner plakativen Größe und Farbigkeit anlockt, in seiner Kombination von Kuben, Farben, Formen, Typographie und Figuration viele ästhetische Verweise berührt und dann alles auf verstörende Weise hinweg fegt. So glatt und popig das Ganze erscheint, so gefährlich ist der Grund auf dem es steht. Reality Check zeigt ein großes Spektrum an subjektiver und soziologischer Wirklichkeitserfahrung und lotet die Möglichkeiten der künstlerischen Statements überzeugend aus. Gerade in der überschaubaren Parksituation verdichtet sich das Ganze zu einem schlüssigen Konzept. Die häufig als liegender Akt, kinetisches Objekt oder langweiliger Stahlschwinger interpretierte Außenskulptur werden hier frische und konfliktträchtige Arbeiten vorgesetzt. So sollte es weiter gehen in Köln und anderswo.

"KölnSkulptur 5 – Reality Check"

Termin: bis April 2011, Skulpturenpark Köln. Anlässlich der Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Herausgeber: Gesellschaft der Freunde des Skulpturenparks Köln e.V., 144 Seiten, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
http://www.skulpturenparkkoeln.de/