Kunst der Aufklärung - Peking

Unterkühlte Kuschelaktion

Es war ein logistischer und kulturpolitischer Kraftakt mit insgesamt zehnjähriger Vorbereitungszeit: Am Freitag eröffnete mit "Die Kunst der Aufklärung" die bislang größte Ausstellung deutscher Museen im Ausland. Wie heikel die Anstrengungen um einen kulturellen Dialog mit dem diktatorischen China aber bleiben, zeigt die Inhaftierung des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei, zwei Tage nach der Ausstellungseröffnung.
Kühle Kuschelaktion:"Die Kunst der Aufklärung" in Peking

Das chinesische Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Die Zeit der großen nationalen Prestige-Ausstellungen ist vorüber – außer in China. In Peking wollen es drei große deutsche Museumsverbände noch einmal wissen. "Die Kunst der Aufklärung" heißt die Schau mit rund 580 Ausstellungsstücken, die von den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen zu Dresden und den
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gemeinsam organisiert wurde. An der festlichen Eröffnung am vergangenen Freitag nahmen unter anderem der deutsche Außenminister Guido Westerwelle und Liu Yandong, die Staatsrätin für Kultur der Volksrepublik China, teil.

Mit beeindruckenden zehn Millionen Euro beteiligte sich das Auswärtige Amt an der Ausstellung, einen nicht bezifferten, aber "signifikanten Betrag" steuerte Hauptsponsor BMW bei. Doch die vielbeschworene deutsch-chinesische Harmonie, die hier bewiesen werden sollte, bleibt ein heikles Unterfangen. Denn noch bevor sie wirklich eröffnet war, wirkte die kulturdiplomatische Kuschel-Aktion am symbolgeladenen Tian'anmen-Platz schon sehr unterkühlt.

So wurde dem Autor und Sinologen Tilman Spengler, der früh an der Ausstellungskonzeption beratend beteiligt war, von chinesischen staatlichen Stellen die Einreise im Tross des deutschen Außenministers verweigert. Die Begründung lautete, Spengler sei "kein Freund des chinesischen Volkes". Tatsächlicher Grund der Ausladung dürfte wohl eher eine Laudatio gewesen sein, die Spengler 2010 zur Verleihung der Hermann-Kesten-Medaille auf den in China inhaftierten und mittlerweile mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Autor und Menschenrechtsaktivisten Liu Xiaobo gehalten hatte. Und auch die Festnahme des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei am vergangenen Sonntag auf dem Pekinger Flughafen, zu der bis heute keine Auskunft von staatlicher Seite vorliegt, zeigt, wie wenig das chinesische Regime derzeit darauf bedacht ist, auch nur den Anschein von Meinungsfreiheit zu erwecken. Das macht die Situation für die deutschen Gäste nicht weniger zwiespältig: Keine drei Tage nachdem er die Ausstellung mit eröffnete sah Westerwelle sich gezwungen von Berlin aus die Festnahme Ai Weiweis deutlich zu verurteilen.

Vor der von dem Generaldirektoren-Trio Michael Eissenhauer (Berlin), Martin Roth (Dresden) und Klaus Schrenk (München) konzipierte Aufklärungsschau mit einjähriger Laufzeit müssten sich die chinesischen Behörden allerdings am wenigsten fürchten: So solide, bieder-historisch ist sie geraten, dass man nur schwer auf den Gedanken kommt, bei der Aufklärung handele es sich um eine noch immer aktuelle Idee, gar um ein unabgeschlossenes Projekt.
In drei Ausstellungsräumen des gerade vom Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) umgebauten Riesenmuseums ist ein Rundgang in neun Kapiteln angelegt, die sich mit der Enstehung der modernen Naturwissenschaften befassen, der Entdeckung der Gefühle in der "Epoche der Empfindsamkeit" des 18. Jahrhunderts oder auch der künstlerischen Reflektion über das Individuum und seine Selbstverantwortlichkeit. Zu den bekanntesten Werken zählen Goyas zwischen 1810 und 1823 entstandene Radierungen über die Schrecken des Krieges aus Dresdner Beständen und das Porträt der Henrike Dannecker von Christian Gottlieb Schick aus der Berliner Nationalgalerie.

Die Anschlüsse an die Gegenwart erschöpfen sich eher im Metaphorischen, was sich in zwei Sisyphos-Gemälden des ostdeutschen Malers Wolfgang Mattheuer spiegelt, die im letzten, der zeitgenössischen Kunst gewidmeten Ausstellungskapitel neben einer Holzplastik von Georg Baselitz, einer frühen Papierarbeit von Neo Rauch und einem großformatigen Andy Warhol-Selbstporträt präsentiert werden. Wie einige andere Künstler in der DDR benutzte Mattheuer antike Mythen, um die Gegenwart im real existierenden Sozialismus abzubilden. Davon allerdings dürften am wenigsten chinesische Besucher Kenntnis haben. Was werden die Tausenden täglichen Museumsbesucher nun am Tian'anmen-Platz bewundern – die Schönheit der Aufklärung oder ihr Scheitern?

"Die Kunst der Aufklärung"

Termin: bis 31. März 2012 im Nationalmuseum in Peking

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