Anya Zholud - Kiel

Drei Zentner Stahldraht für Aschenputtel

Um die Ausstellung ihrer Werke in der Kieler Lessinghalle zusammenzustellen, ist Anya Zholud allein über 6000 Kilometer mit dem LKW gefahren. Zustandegekommen ist eine beeindruckende Ausstellung einer faszinierenden Frau.
Kunst als Rettung:Werke der russischen Nachwuchskünstlerin Anya Zholud

Das sind keine Glaspantoffeln für eine Märchenprinzessin. Anya Zholud, Detailansicht der Ausstellung "Requisiten"

Ihre Geschichte ist fast wie im Märchen: Der Vater Förster, die Mutter körperlich behindert, ist die russische Künstlerin Anya Zholud aus ärmlichsten Verhältnissen zum gefragten Nachwuchsstar aufgestiegen. Allerdings wären kitschige Glaspantoffeln wohl kaum ihre erste Wahl – massive Eisenstangen sind eher ihre Kragenweite. Und sie hat auch nicht auf den Prinzen auf dem weißen Pferd gewartet, sondern sich lieber gleich selbst gerettet.

Kunst wurde für Zholud zum Ausweg aus den bedrückenden Verhältnissen ihrer Kindheit und Jugend. Sie setzte all ihre Energie in das eine Ziel und wurde, obwohl ohne jegliche Beziehungen, an der Staatsakademie für Angewandte Kunst und Design in St. Petersburg aufgenommen. Allerdings fehlte das Geld, um ein Zimmer anzumieten. Ihre Lösung der Miesere war, kurzerhand in der Akademie selbst zu wohnen – in einem Schrank. Möglicherweise sind diese prekären Verhältnisse ein Grund dafür, dass Zholud sich in ihrer Kunst mit dem beschäftigt, "was jeder Mensch zum Leben braucht", wie sie selbst es ausdrückt. Aus dicken, schwarzen Stangen formt sie Gegenstände des täglichen Lebens. Ein Bett, Stühle, Pantoffeln und ein Flügel sind gegenwärtig im trockengelegten Schwimmbecken des Lessingbads in Kiel zu sehen. Die Künstlerin reduziert die Alltagsobjekte auf ihre Konturen und schafft so Skulpturen, die aussehen, als wären sie mit einem dicken Filzstift in den Raum gezeichnet worden. Wie das Konzept einer Wohnung, die nur in der Imagination zu bewohnen ist, wirkt die Kieler Ausstellung. Die inhaltsleeren Objekte sind nur noch Zitate der ursprünglichen Funktion der Gegenstände, sie entziehen sich sowohl dem Gebrauch als auch dem visuellen Genuss. Menschen finden keinen Platz mehr in dieser Welt voller Dinge, die doch eigentlich nur auf den Gebrauch durch den Menschen zugeschnitten sind.

Innerhalb weniger Jahre hat es die junge Russin aus dem Schrank der Akademie in die großen Ausstellungen geschafft: Zholud hatte eine große Retrospektive im Moskauer Museum of Modern Art, stellte im Russischen Museum aus und war 2009 auf der Venedig-Biennale vertreten. Christoph Weiß vom Kunstraum B in Kiel lernte die Künstlerin noch während ihrer Ausbildung kennen und schätzen. Er vermittelte unter anderem ihre erste Auslandsausstellung auf der "Nordart" 2008 in Büdelsdorf. Damals zeigte sie noch ausschließlich Grafiken. Jetzt organisierte er die aktuelle Ausstellung der Künstlerin mit dem Titel "Requisiten". Zholud präsentiert ältere Exponate aus verschiedenen Ausstellungen und kombiniert sie mit ortsspezifischen Arbeiten. In Wechselwirkung mit dem ungewöhnlichen Raum nehmen die rohen Eisendrähte Eigenschaften des Wassers an, das sich einmal in dem Schwimmbecken befunden hat: Sie ergießen sich wie ein kräftiger Schwall aus den alten Brausen, Drahtreste sammeln sich zu Pfützen und werden zu Rinnsaalen. An den Möbelskulpturen hängen dicke Drähte, die in den unteren Teil des Beckens fließen, wo sie sich zu Schlaufen oder Tropfen verdichten. Es scheint, als würde das Umfeld auf die Kunst übergreifen und das Material selbst transformieren. Dabei ist das Material eigentlich sehr widerständig, die Eisenstangen, die sie benutzt, müssen mühsam geschweißt, gebogen und geschnitten werden. Das zum Teil rohe, rostige Eisen lässt an Zholuds einfache Herkunft denken und ist weit entfernt von dem prunkvollem Golddekor und der schicken Welt der russischen Oberschicht. Zholud ist eine pragmatische, eigenständige Frau, die geschickt Umwege und Finten nutzt, wenn sie anders nicht weiter kommt. In der Regel zahlen russische Museen und Galerien Künstlern kein Honorar. Ihre Lösung dieses Problems war, kurzerhand eine Kunsttransportfirma und einen Ausstellungsservice zu gründen. Durch die Hintertür lässt sich die Künstlerin so doch noch für ihre Ausstellungen bezahlen. Der eiserne Wille, der sie durch die beschwerlichen Studienjahre gebracht hat, lässt sie auch Heute noch Widerstände und Grenzen überwinden. Um die Ausstellung zusammenzustellen, ist die Künstlerin allein mit einem kleinen LKW über 6000 Kilometer gefahren: von Moskau nach St. Petersburg, von dort nach Deutschland, dann weiter nach Bologna, Wien und Paris, um Arbeiten aus Ausstellungen abzuholen. Anschließend ging es zurück nach Kiel, wo die Arbeiten jetzt zu sehen sind.

Diese Ochsentour hat sich gelohnt: In dem klinisch gefliesten Becken wirken die desillusionierten Objekte besonders eindringlich. Die Künstlerin geht den Dingen auf den Grund und findet Leere. Sie stellt das alltägliche Faktum, sich in einem Leben einzurichten, in Frage. Überleben erscheint plötzlich fast als Wunder. Zholuds Kunst ist auch ein Freistrampeln aus den Fängen der eigenen Biografie. Und wer weiß, vielleicht geht die Geschichte ja glücklich aus.

Anya Zholud - Requisiten

Bis zum 19. März im Lessingbad in Kiel
http://www.kunstraum-b.de/

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