Deborah Sengl - Essl-Museum

Ratten sind auch keine Lösung

Deborah Sengl scheitert an ihrem Anspruch ein unabhängiges Werk zu schaffen: Almuth Spiegler nimmt in ihrer Kritik zur Ausstellung "Die letzten Tage der Menschheit" ihre Neuinterpretation mit weißen Ratten einmal näher unter die Lupe.

Es ist die heilige Schrift der Wiener Zwischenkriegsliteratur, Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit".

Wenige nur haben die Hunderte von Seiten an Dialogen tatsächlich gelesen, in denen eiskalt
und sarkastisch die selbstgefällige, nationalistische Wiener Gesellschaft während des Ersten Weltkriegs vorgeführt wird. Am Schluss wird es surreal-apokalyptisch: "Ich habe es nicht gewollt", spricht Gottes Stimme. Aber hätte Kraus gewollt, was posthum mit seinem Text angestellt wird?

Mit Ausstellungsbesuchern in Klosterneuburg hat er damals nicht gerechnet, denn die haben es zur Zeit fein. Im Essl-Museum wird ihnen das Meisterwerk als niedliche Kleintierschau mit nur wenigen kosmetischen Blut- und Pissflecken vorgeführt. Rechtzeitig zum Gedenkjahr 2014 hat Deborah Sengl, die oft mit Tierpräparaten als Stellvertreter menschlicher Eigenschaften arbeitet, 44 Szenen der "Letzten Tage" mit rund 200 weißen Ratten "neu interpretiert". Das klingt erst einmal recht spannend, aber im Endeffekt ist ihr dabei ihr "unverwechselbares Gespür" abhanden gekommen,
das ihre sonstigen Mensch-Tier-Hybride mit der nötigen Prise schwarzen Humors auszeichnet.

Die Vorlage war wohl eindeutig zu respekteinflößend. Sengl beschränkte sich auf minutiöse Nachstellungen ausgewählter Szenen, nur eben von Ratten statt von Menschen verkörpert. Was einen gewissen Neutralisierungseffekt mit sich bringt, denn fürs menschliche Auge sehen alle weißen Ratten gleich aus (bis auf eine schwarze, die den "Nörgler" Karl Kraus selbst darstellt). Man wertet weniger schnell, auch zwischen Mann und Frau. Allerdings hat Sengl die Tiere auch noch mit historischen Accessoires ausgestattet. So streitet in der Szene "Wohnzimmer des Hofratpaares" eine Ratte mit Korsage mit einer wütenden Gatten-Ratte im Lesesessel, neben dem die passende Stehlampe steht. Mehrwert an Erkenntnis? Keiner.

Auch nicht in der sehr sauberen Vorzeichnung, die jedes der auf kleinen Sockeln aufgestellten Tableaus an der Wand begleitet. Nach ihnen hat der Präparator die Ratten "zugerichtet", vor allem die Mimik, erfährt man, war schwierig hinzubekommen. Die Tierschützer dürfen jetzt aber erst einmal ausatmen: Es handelt sich um Futterratten, die ihrem ursprünglichen Lebenszweck auch zugeführt wurden – sie landeten eben nur ohne Fell in den Mäulern von Würgeschlangen. Ihre zweiten Körper dürfen überleben, immerhin, als originelle Illustrationen von Weltliteratur. Denn viel mehr – aber auch nicht viel weniger! – ist Sengls Installation nicht. Warum musste auch so betont werden, dass die Künstlerin nur ja keine "Illustrationen" schaffen wollte. Was wäre dabei gewesen? Aber nein, völlig frei muss die Arbeit sein, neu und zeitlos! Daran ist Sengl eindeutig gescheitert.

Deborah Sengl: Die letzten Tage der Menschheit

Klosterneuburg, Essl-Museum
31.1.-25.5.
Der Katalog erscheint als Edition der Sammlung Essl: Klosterneuburg und kostet 25 Euro
http://www.essl.museum/