Paul McCarthy / Mike Kelley - New York

Die bösen Märchenonkel

Monströse Penisse, ein masturbierendes Schneewittchen, perverse Frösche: Paul McCarthy (Hauser & Wirth) und Mike Kelley (Gagosian) wildern für ihre neuen New Yorker Ausstellungen in den Bilderwelten der Gebrüder Grimm – und wühlen dabei genüsslich in gesellschaftlichen Wunden.
Die bösen Märchenonkel:Neue Ausstellungen von Paul McCarthy und Mike Kelley

Paul McCarthy: "GAP", 2009, 325.1 x 292.1 cm

Es ist Schneewittchens großer Auftritt. Voller unerfüllter Sehnsüchte nach dem Prinzen, der nicht aufkreuzen will, steckt das arme Ding. Wie ein Teenager, den die anschleichende Lust treibt, flüchtet sie sich in Fantasien nach heißem Sex. Dass sie von sieben Zwergen umgeben wird, die absolut kein Interesse an sexuellen Abenteuern haben, macht das Ganze umso dringlicher. Und so masturbiert sich Schneewittchen, die Schleife adrett im Haar sitzend, durch Paul McCarthys Bilderwelt.

"Die Königin bekam ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz", heißt es im Märchen der Gebrüder Grimm. McCharthys Zeichnungen auf weißem Grund sind in schwarzer und roter Farbe gehalten. Allerdings ließ sich der Künstler nicht vom Original, sondern von Walt Disneys Schneewittchen-Interpretation inspirieren. Neben seinen Kohlezeichnungen und Collagen arbeitete McCarthy seit Ende 2008 an Bleistiftzeichnungen, auf denen er seine Figuren, die Zwerge mit ihren traurig schlaffen Phallus-Nasen und Schneewittchen mit ihren erotischen Träumen, ausarbeitete. Seine zum Teil mehr als drei mal drei Meter umfassenden Kohlezeichnungen hat er mit all dem sexuell aufgeladenen Schrott garniert, der uns in den Medien präsentiert wird. Stars wie Angelina Jolie mit tiefem Ausschnitt. Auszüge aus Pornoheften und Werbeanzeigen. Models mit verführerisch devoter Mine auf den Titelblättern der Männermagazine. Schauspielerinnen, die sich als das makellose Abbild von Reinheit und Schönheit präsentierten. Gelegentlich verirren sich Kunstwerke wie die Mona Lisa, Jeff Koons Ballon-Affen oder ein Foto von Cindy Sherman auf die Bilder. Oder von der Unterhaltungsfabrik Disney produzierte Teenagerstars und Prinzessinnen, die dazu dienen, die Träume von keinen Mädchen anzuheizen und aus ihnen Prinzessinnen der heutigen Zeit zu machen: willig, sexy und konsumfreudig.

"In einer Art Trance", so der Künstler, hat er an seinen Bildern gearbeitet. Er breitete sie auf speziell konstruierten Tischen aus, so dass er ihnen als Teil einer Performance aus den unterschiedlichsten Winkeln zu Leibe rücken konnte. "Schneewittchen ist eine Geschichte. Und einiges aus dieser Geschichte ist ein Selbstporträt", sagt der 1945 in Utah geborene und seit langer Zeit in Los Angeles lebende Künstler. "Zeichnen ist eine Form der Analyse. Ich kontrolliere es nicht. Ich erlaube nur, dass es sich entfaltet. Es geht nicht um Klarheit, sondern um die einzelne Arbeit, die die nächste in einem Kontinuum andeutet." McCarthys Schneewittchen-Zeichnungen sollen schließlich zu Skulpturen, Installationen und Filmarbeiten führen.

"Zwischen Klischee und dem emotionalen Effekt"

In den späten sechziger Jahren wurde McCarthy, der Meister der Schockwirkung, mit seinen Live-Performances bekannt, seitdem ist er kein Stück zahmer geworden. In seinen Videoarbeiten bricht er unter Einsatz von Ketchup, Mayonnaise und Körperausscheidungen gern mit dem Klischee des sauberen Amerika. McCarthy liebt es, an den Werten seines Landes zu kratzen, die pervertierte Gesellschaft zu attackieren und sich in den dunklen Ecken unserer Psyche herumzutreiben. Kothaufen und geköpfte Schweine werden zu aufblasbaren Skulpturen. Seine Anal-Plugs setzt McCarthy in unschuldige Landschaften. Bereits seit den achtziger Jahren kollaboriert der Künstler mit dem ebenfalls in Los Angeles ansässigen Mike Kelley. Dabei entstanden gemeinsame Performances, Installationen und Videos wie "Family Tyranny" (1987), oder die Videoarbeit "Heidi" (1992), bei der die Künstler das Alpenmädchen in einen perversen Alptraum verwandelten.

Es wirkte fast so, als ob sich die beiden Westküsten-Stars in New York verabredet hätten. Der 1954 in Detroit geborene Kelley, der wie McCarthy in frühen Jahren mit Performances begann, eröffnete nur wenige Tage später eine Ausstellung bei Larry Gagosian. Die neuen Arbeiten rütteln mit gleicher Kraft an Amerikas Selbstwertgefühl. Eine Reihe farbiger Holzpaneele liefert die glatte Fassade für die höllischen Szenen, die sich in ganz normalen amerikanischen Familien abspielen. An die Rückseite von "Horizontal Tracking Shot of a Cross Section of Trauma Rooms" hat Kelley drei Monitore montiert. Wie in einem klickenden Uhrwerk, unterbrochen von Farbbalken, flimmern Familien-Videos über die Bildschirme. Der Künstler hat sie auf YouTube gefunden. Beim Sound drehte Kelley, der früher Punkrock spielte und nach wie vor Noise-Musik macht, ordentlich auf. So wirken die Familienmomente wie Szenen aus einem alltäglichen Horrorfilm. Ein dicker Junge in einer Achterbahn schreit um Hilfe, ein großes Kind reitet auf dem Rücken seines kleinen Geschwisters – zwischendurch hört man ein höllisches Lachen.

Zu den unheimlichen Sounds, die durch die Räume der Gagosian Gallery schallen, stellte Kelley eine umfassende Serie von Malereien. Einige der Bilder sehen so aus, als hätten Kinderhände sie ausgeschnitten. Kelley klebte seine Bilder auf pastellfarbene Holzpaneele samt Zierleiste, die für den Künstler Bühnenbilder darstellen. Bevölkert werden die Bilder von unheimlichen Kreaturen, denen nicht selten Gliedmaße fehlen: ein gesichtloses Baby, junge Sportler, Jesus, Wichtelzwerge, das Krümelmonster aus der Sesamstraße, ein Clown. Viele der Motive fand Kelley in billigen Werbewurfblättern. In anderen Fällen regten ihn die Monster aus alten Science-Fiction-Filmen an. Die Frauen in Kelleys Welt, die nackten "Majas", die "hübschen Mädchen", haben monströse Penisse und sind in erster Linie damit beschäftigt, sie zu bearbeiten. Zu der Majas-Serie stellte der Künstler Frosch-Bilder. Auch Kelley ließ sich von den Gebrüder Grimm, in seinem Fall von der Geschichte vom Froschkönig, inspirieren. Vor allem aber von der Interpretation des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim, der Grimms Märchen für wertvoll bei der Kindererziehung hielt. Doch auch bei Kelley lässt das Happy End mit dem Prinzen auf sich warten – der Frosch wurde zum Seifenständer degradiert oder nuckelt am weiblichen Busen.

In der Vergangenheit hat Mike Kelley bei seinen Installationen mit Puppen, abgewetzten Plüschtieren, Häkeldecken oder überdimensionierten gläsernen Käseglocken gearbeitet. Dies Mal handelt es sich um die erste New Yorker Ausstellung, die sich fast in erster Linie der Malerei widmet. Die neuen Arbeiten seien der "Extracurricular Activity Projective Reconstruction"-Serie entsprungen, so der Künstler. Es handelt sich um eine Serie von 365 grotesken Videos und Videoinstallationen, an denen der Künstler seit 2000 arbeitet. Kelley stellte dabei Szenen von Fotografien nach, die er in Highschool-Jahrbüchern gefunden hat. "In meiner Arbeit geht es um die Spannung zwischen dem Formalen, dem Klischee und dem wirklichen emotionalen Effekt", sagt Kelley. Jede Ausstellung würde er als Netzwerk von Verbindungen empfinden. Er sei jedes Mal traurig, wenn die einzelnen Arbeiten auseinander gerissen würden, so der Künstler. So lange die Ausstellung hängt, wird sie im gesellschaftlichen Bewusstsein wühlen. Darin sind Mike Kelley und Paul McCarthy Meister.

"Paul McCarthy: White Snow"

Termin: bis 24. Dezember, Galerie Hauser & Wirth, New York
http://www.hauserwirth.com/exhibitions/471/paul-mccarthy-white-snow/view/

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