Emscherkunst 2010 - Observatorium

Warten auf den Fluss

Die Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium ist dabei, ihren Beitrag zum Großprojekt "Emscherkunst 2010" zu verwirklichen. "Warten auf den Fluss" heißt ihr Werk – eine große Holzbrücke über noch trockenem Gebiet
"Warten auf den Fluss":Brücken-Projekt der Rotterdamer Künstlergruppe

Brückenprojekt "Warten auf den Fluss" der Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium

Die Idylle im Essener Hinterland ist perfekt: rechts ein Abwasserkanal, links ein Transportkanal, allerlei betagte Industriebrücken, diverse Rohrleitungen und darüber veritable Hochspannungsmasten. Dazwischen grünt die Wildnis und nennt sich stolz "Emscher Park". Künftig soll das Brachland zur Schauseite der Bergbaufolgelandschaft werden.

Und wie so oft, darf sich zuerst Kunst auf dieser spröden Spielwiese erproben: Ab Mai findet hier im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 das Großprojekt "Emscherkunst. 2010" statt . Kurator Florian Matzner lud erprobte Größen wie Tobias Rehberger, Marjetica Potrc, Tadashi Kawamata oder Monica Bonvicini ein, auf dem 25 Kilometer langen Areal 20 Wegmarken zu setzen.
Mitte April ist allerdings noch nicht viel von den geplanten Interventionen zu sehen. Doch halt: Aus dem Dickicht tönen unüberhörbar Hammerschläge. Folgt man diesen, so findet man sich bald auf einer Baustelle, wo sich Handwerker tummeln. Am Rande einer Wiese zwischen den Wasserläufen (und nicht etwa darüber) entsteht tatsächlich eine hölzerne Brücke. "Warten auf den Fluss" heißt das Kunstwerk der Rotterdamer Künstlergruppe Observatorium. Geert van de Camp, Andre Dekker und Ruud Reutlingsberger experimentieren schon viele Jahre in der Grauzone zwischen Kunst und Architekur. Häufig erfinden und bauen sie Aussichtspunkte, von denen aus die gewohnte Umgebung unversehens in einem neuen Licht erscheint. So auch hier in Essen.

Observator Geert van de Camp hämmert an der Konstruktion, während sein Kollege Andre Dekker erklärt, was entsteht: "Das Flüsschen Emscher links ist der Abwasserkanal des ganzen nördlichen Ruhrgebiets. Damit das alles wirklich einmal eine Idylle wird, soll es gereinigt werden und später in ein natürlich erscheinendes Flussbett umgeleitet werden. Ein erklärtes Jahrhundertprojekt der Emscher-Genossenschaft." Wo wir gerade noch trockenen Fußes stehen, wird nach den ehrgeizigen Plänen der Entwickler demnach einst die saubere Emscher mäandern. Diese Vision und damit das "Warten auf den Fluss" illustriert also das Bauwerk von Observatorium.

Als stünde die Ankunft von Feuchtigkeit kurz bevor, steht die Brücke über das Trockene natürlich auf Füßen. Im Zickzackkurs schlängelt sie sich durch das Gelände und will vor allem mehr sein als eine pure Skulptur. Auf dem 38 Metern langen Holzsteg sitzen drei Pavillone, die für die Dauer des "Emscherkunst"-Events als Hotel oder besser als Wanderhütte für Besucher dienen werden. Übernachtungen können gebucht werden. Was sind das für Leute, die sich schon jetzt zahlreich angemeldet haben? Andre Dekker: " Es sind Privatpersonen, die sich für diese Rückseite des Ruhrgebiet interessieren, die "Emscher Kunst" spannend finden und die unsere Arbeiten mögen. Sie bleiben ein ganzes Wochenende oder nur einen Tag und finden hier die gesamte Versorgung: Essen, Trinken, Sanitäreinrichtung, Schlafplätze, Betreuungspersonal inklusive."

Beobachten und genießen

Eine der drei Hütten ist schon fertig, die anderen beiden sind noch im Werden. Es riecht intensiv nach Frühling und nach Holz. Bei dem Material handelt es sich um recycelte Gerüstplanken aus dem Rotterdamer Hafen. Ihr abgenutzter Charme passt gut in diese Umgebung aus den Resten vormaliger Industrie- und Bergbaukultur. Betritt man die Gangway, so verwandelt sich die Landschaft plötzlich in eine spannende Kulisse, die man – ganz im Sinne der Philosophie von Observatorium – beobachten und genießen kann. Obwohl durchweg ungestaltete Natur vorherrscht, fühlt man sich ein wenig wie im Teehaus eines japanischen Tempels: Von den Ausblicken an den Stirnseiten der Pavillone wird die Landschaft exklusiv gerahmt und zum Meditationsobjekt. Etwas Asiatisches schwingt ohnehin bei dieser Architektur mit – für den unregelmäßigen Verlauf der Brücke habe man sich von chinesischer Gartenkunst inspirieren lassen, so Dekker. Das große Warten kann also beginnen.

Tagsüber teilen sich die Gäste die Wohnskulptur mit anderen Besuchern der "Emscherkunst"-Werke, ab sieben Uhr gehört die Brache ihnen allein. Für symbolträchtige 100 Tage steht dieser Luxus einer Basiststation zur Verfügung, bald gibt es auch in der Nähe eine Fahrradausleihe, mit der man die restlichen Arbeiten bequem in einer Tagestour ergründen kann.

Emscherkunst 2010

Termin: 29. Mai bis 5.September 2010, an verschiedenen Orten entlang der Emscher

http://www.emscherkunst.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de