Andreas Gursky

Cocoon Club



MELODIEN FÜR MILLIONEN EURO

Der teuerste Fotograf der Gegenwart trifft auf den ältesten Techno-DJ Deutschlands – Andreas Gursky und Sven Väth im Frankfurter Museum für Moderne Kunst.
// SANDRA DANICKE, FRANKFURT

Das Museum platzt aus allen Nähten, als der Star des Abends sich durch scheues Handaufzeigen zu erkennen gibt. Allgemeines Köpfedrehen. Ach so. Der teuerste Fotokünstler der Welt ist also ein biederer Anzugträger mit adrettem Kurzhaarschnitt.

Andreas Gursky lächelt im dunklen Einreiher, und die Masse wendet sich wieder Museumsdirektor Udo Kittelmann zu, dessen Rede soeben einen gewagten Schlenker von Susan Sonntag über Timothy Leary bis hin zu den metallisch glänzenden Erdbeeren der Werbefotografie vollzogen hatte.

Für das Frankfurter Museum für Moderne Kunst hat Gursky den Club "Cocoon", ebenfalls in Frankfurt, fotografiert, der in Wahrheit jedoch nicht annähernd so gigantisch aussieht wie in den Bildern des Düsseldorfer Becher-Schülers. Für Kunstkenner ist das natürlich keine Überraschung. Sie sind gelangweilt vom "digitalen Supergau" der sich hier mal wieder Bahn zu brechen scheint, den man so ähnlich jedoch schon von Gurskys "Mayday"- oder "Love Parade"-Aufnahmen kennt. Sie wissen längst, dass der Schüler des legendären Fotografen Bernd Becher, den ein englisches Kunstmagazin schon mal als "the German über-photographer" bezeichnete, gerne mal digital übertreibt. Die anwesenden Technojünger allerdings sind irritiert. "Das sieht doch in echt ganz anders aus", protestiert einer, der es wissen muss. Sein Begleiter findet "das voll Unreale" schier "der Wahnsinn".

Sven Väth signiert, Gursky lächelt

"Meine Damen und Herren", so Kittelmann jetzt, "ich möchte Sie auffordern, einmal an den realen Ort zu gehen. Sie werden eine einzigartige Erfahrung machen." Ein Trupp älterer Kunstfreunde, die sich mit Höckerchen vor dem Rednerpult postiert haben, gerät ob dieser Aufforderung ein wenig ins Grübeln. Hatte der Museumsdirektor sie soeben animiert, eine Technodisco zu besuchen? Ob sie wohl anstandslos am Türsteher vorbei kämen? Eine ältere Dame will wissen, ob dort tatsächlich nur Männer hingingen, wie es auf den Bildern den Anschein hat, doch die Frage verhallt ungehört, denn plötzlich kommt Bewegung in die Menge.

Neben Gursky steht nun ein Mann mit silbernen Discoschuhen und Ibiza-Bräune. Fotohandys schnellen in die Höhe. Auch Sechzigjährige zücken sicherheitshalber die Digitalkamera, auch wenn ihnen später erst noch jemand erklären muss, dass der Mann mit der engen Hose, dem Dreitagebart und den extravaganten Dancefloor-Tretern der Discjockey und Cocoon-Club-Besitzer Sven Väth ist. Gemeinsam posiert man vor Gurskys Bildern, auf denen eine amorph durchlöcherte Trennwand die Hauptrolle zu spielen scheint. Sven Väth signiert eine CD, Gursky lächelt. Am Getränkebuffet im Foyer ist soeben jemand abgeblitzt. "Red Bull? Gibt’s hier nicht."

"Cocoon / Frankfurt..."

Termin: bis 17. August im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt. Außerdem bis zum 7. September: "Andreas Gursky. Architektur" in der Mathildenhöhe Darmstadt.

http://www.mmk-frankfurt.de

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