Radar

Adrienne Braun

Adrienne Braun über die Filderbahnfreunde Möhringen
Filderbahnfreunde Möhringen, Perlen vor die Säue, 2002

ADRIENNE BRAUN ÜBER DIE FILDERBAHNFREUNDE MÖHRINGEN

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: die Stuttgarter Kunstkritikerin und art-Korrespondentin Adrienne Braun, 42, über das Künstlerkollektiv Filderbahnfreunde Möhringen.
// ADRIENNE BRAUN

Die Filderbahnfreunde Möhringen lassen gern andere für sich arbeiten. Sie engagieren Mäuse, Schafe oder Schweine, manchmal müssen auch Kuratoren tätig werden. Bei dem Objekt "Made in Germany" durften Maden ran, sie fraßen sich durch ein großes Stück Speck, in das zuvor "Germany" geritzt worden war.

Es ist stets eine große Portion Ironie dabei, wenn die Filderbahnfreunde Möhringen ans Werk gehen. Die drei Künstler Michelin Kober, Daniel Mijic und Daniel Sigloch hinterfragen nicht nur den Kunstbegriff, sondern zugleich die Sprache und das Zusammenspiel von Bezeichnetem und Bezeichnendem. Für die Installation "MÄH" sperrten sie fünf Schafe in ein Gatter und ließen sie das Gras abfressen, oder besser: mähen – denn zurückblieb nach der Aktion im Gras der Schriftzug MÄH.

In einer Galerie richteten sie ein Wohnzimmer ein, in dem Schweine von einem Catering-Service eines Metzgers fürstlich bewirtet wurden. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über Wildschweine, während die Galeriebesucher nur durch ein Fenster das Treiben zwischen Perserteppich und Couchgarnitur verfolgen konnten. "Perlen vor die Säue" hieß die Aktion, die auf Kunstwerk und –wert anspielte, aber auch auf den Wert menschlicher und tierischer Existenz.

So eigenwillig die Werke, so eigenwillig auch der Name

Es bleibt nicht beim schnellen Aha-Effekt, die Aktionen und Installationen der Filderbahnfreunde Möhringen schürfen auch tief. So haben sie für eine Ausstellung der Kunststiftung Baden-Württemberg im vergangenen Jahr den Künstler Friedrich Fuhrmann aus dem Kreis Willi Baumeisters vorgestellt, der sein Geld mit Netzstrümpfen verdiente – und diese zugleich für seine Siebdrucke verwendete. Sie präsentierten Fuhrmann anhand von Fotos, Texten und biografischen Angaben, allerdings handelt es sich um ein pure Erfindung: Das Gesicht Fuhrmanns wurde aus den Physiognomien der drei Künstler gemorpht, und die Installation lenkte frech den Blick darauf, wie der Kunstbetrieb Mythen konstruiert, wie Identität erfunden wird und wie stereotyp zugleich die Biografien einzelner Epochen wirken.

So eigenwillig die Werke, so eigenwillig auch der Name Filderbahnfreunde. Er wurde der früheren Wirkungsstätte der Künstler entlehnt, einem Straßenbahndepot in Stuttgart-Möhringen. Michelin Kober, Daniel Mijic und Daniel Sigloch haben gemeinsam an der Stuttgarter Kunstakademie studiert – und übrigens auch für die Videoarbeit "Mothers of Intervention" den Rektor gebeten, ihren Müttern zu erklären, was aus ihren Künstlerkindern werden soll. So wie es derzeit ausschaut, stehen die Erfolgschancen besser als das, was der Rektor den besorgten Müttern prognostizierte.

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