Soundings - New York

Unser Körper ist Sound

Glocken aus New York, ein dezimiertes Orchester in Theresienstadt, der Sound der Stille – die Ausstellung "Soundings: A Contemporary Score" im MoMA lehrt uns, dass es sich lohnt, die Ohren zu spitzen, wo auch immer wir sind.

Was in der Kunst wenige Arbeiten schaffen, erreicht Sound oftmals anscheinend mühelos. Er spielt mit den Sinnen oder trifft die Menschen mitten ins Herz. Die langjährige Kuratorin Barbara London hat am Museum of Modern Art die erste Ausstellung des Hauses ausgerichtet, die sich nur mit Sound-Arbeiten beschäftigt.

Und so lauschen die Besucher dieser kleinen, treffsicher zusammengestellten Gruppenshow mit 16 Künstlern den Geräuschen, die Unterwasser-Insekten und Fledermäuse von sich geben und die von der Norwegerin Jana Winderen eingefangen und entschleunigt wurden, damit sie vom menschlichen Gehör empfangen werden können. Der deutsche Künstler Florian Hecker installierte Lautsprecher im Treppenaufgang, um seine Sound-Collagen erklingen zu lassen. Sergei Tcherepnin verwandelte eine alte, abgenutzte New Yorker Subway-Bank mit Hilfe von Schallköpfen in einen wuchtigen Lautsprecher. Richard Garet lässt eine Murmel über einen altmodischen Plattenteller rollen.

Eine der verspieltesten Arbeiten liefert der New Yorker Komponist und Soundkünstler Tristan Perich, der eine Wand aus 1500 Lautsprechern installierte, die aus der Distanz abweisend vor sich hinrauschen. Doch wer sich der Schallmauer mit gespitzten Ohren nähert, wird mit wundersamen Melodien belohnt. Carsten Nicolai ist mit einer Box vertreten, mit der er die Sounds der Stille einfängt oder besser gesagt, die Unmöglichkeit der vollkommenen Stille. "Unser Körper produziert Sound. Unser Körper ist Sound", so der Künstler. So sind in seiner "Wellenwanne Ifo" die zitternden Ringe zu sehen, die unhörbare Geräusche auf einer Wasseroberfläche hinterlassen.

Jacob Kirkegaard und Susan Philipsz gehen mit Sounds gegen das Vergessen an. Der in Berlin lebende Däne Kirkegaard nahm die Geräusche von raschelnden Blättern in verlassenen Plätzen nahe der Katastrophenstätte von Tschernobyl auf. Die Schottin Philipsz ließ von einem Orchesterstück, das der tschechische Komponist Pavel Haas im Konzentrationslager von Theresienstadt geschrieben hatte, wo es auch aufgeführt wurde, nur das Cello- und Geigenspiel stehen. Es erklingt in einem abgedunkelten Raum aus den Lautsprechern an der Wand. Die Stille, die einkehrt, sobald die Cellos und Geigen schweigen, erdrückt einen fast in all ihrer Trauer. Pavel Haas sowie viele der Orchestermitglieder wurden im Konzentrationslager getötet.

Viele Arbeiten stammen von jungen Künstlern und aus den vergangenen Jahren. Zu den älteren Vertretern zählt der 48-jährige New Yorker Stephen Vitiello, der früher als Gitarrist in einer Punkband spielte und mit Nam June Paik gearbeitet hat. Vitiello lässt im Skulpturengarten mit "A Bell for Every Minute" alle 60 Sekunden 59 unterschiedliche New Yorker Glocken erklingen. Darunter die Friedensglocke der United Nations, ein Geschenk der Japaner, die zwei Mal im Jahr ertönt, die Klingel der New Yorker Börse, Fahrradklingeln oder die Glocke, die am Halsband einer Katze baumelt.

"Wir leben in einer schnelllebigen Welt und sind von so vielen Sounds umgeben", meint Kuratorin London. "Wir wollen unsere Besucher dazu anregen, ihr Tempo zu drosseln, nachzudenken und zu lauschen." Vitiello schafft es, aus bedeutungsvollen und zufälligen Sounds der Großstadt mitten im tösenden Manhattan einen besinnlichen Moment zu schaffen. Am Eröffnungstag entschieden sich die meisten Besucher allerdings lieber für den altbekannten Springbrunnen im MoMA-Garten und lauschten dem Rauschen der Wasserfontänen.

Soundings: A Contemporary Score

bis 3. November,
MoMA,
New York,
Der Katalog zur Ausstellung kostet 18,95 Dollar
http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/1379

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