Edgar Allan Poe - White Cube Gallery

Särge, Totenköpfe und Foltermaschinen

Die Schauermärchen des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe sind düster, gruselig und makaber. 35 zeitgenössische Künstler, unter ihnen Damien Hirst, Jake & Dinos Chapman und Tracey Emin, haben sich davon inspirieren lassen und präsentieren ihre Arbeiten in der Londoner White Cube Gallery.
Särge, Totenköpfe und Foltermaschinen:Kunst nach Edgar Allan Poe

Michele Howarth, "Honk If You're a Goth", 2001/08

Der feuchte Keller riecht muffig. Aus einem Raum dringt laut das Ticken einer Uhr, in einem anderen glüht feuerrot ein Totenkopf, in einem dritten stehen zwei Betten aus Blei, in einer Mulde auf ihnen hat sich Wasser angesammelt, über den Boden kriechen aschfarbene Filmrollen.

Die Schau "You Dig the Tunnel, I'll Hide the Soil" ist die Idee des Londoner Künstlers und Autors Harland Miller. Als 14-Jähriger, während eines längeren Krankenhausaufenthalts, las er zum ersten Mal eine Geschichte von Edgar Allan Poe (1809 bis 1849), seither fasziniert ihn der amerikanische Horrorautor. Er schickte einer Reihe ihm bekannter Künstler eine Poe-Geschichte und bat sie, sich davon zu einer neuen Arbeit anregen zu lassen, oder ihm eine passende ältere Arbeit zu geben. 33 Künstler antworteten und sind nun in Millers Galerie White Cube am Hoxton Square und im sehr viel atmosphärischeren Keller des nahe gelegenen früheren Rathauses von Shoreditch zu sehen.

Tracey Emins Gemälde "Black Cat" zeigt einen stehenden Akt mit offener Nonnenkutte und einem riesigen Blutfleck auf dem Boden, Damien Hirst produzierte eine Installation mit blutbeflecktem Bett und einem darüberhängenden abstrakten Gemälde mit Totenkopf, die Brüder Chapman eine infernalische Foltermaschine. Anselm Kiefers Bleibetten und Filmrollen gehen auf die Geschichte "The Fall of the House of Usher" zurück, Katharina Fritsch, auch sie entdeckte Poe mit 14, zeigt ihre Arbeit "Sechseckiger Pappkarton", die an einen Sarg erinnert, und der Berliner Maler Anton Henning steuerte zwei Porträts des Autors bei, "weil es meines Wissens nur Fotos, keine gemalten Porträts von ihm gibt". Nicht alles ist gelungen, doch die Schau regt an, provoziert und beleuchtet nicht nur Poes dunkle Einbildungskraft, sondern auch die düstere, makabre Seite heutiger Kunst.

Die Stimmung auf der Vernissage, bei White Cube sonst immer ein gesellschaftliches Ereignis mit viel Bier und Gelächter, war merkwürdig gedrückt. Der Grund: der wenige Tage zuvor bekannt gewordene Selbstmord des Künstlers Angus Fairhurst, Freund und Mentor der meisten Young British Artists. Er war der erste, der Millers Einladung annahm, und sein Beitrag zur Schau ist einer der pointiertesten. Aus einer pechschwarzen Leinwand schält sich der fast liegende nackte Körper einer jungen Frau heraus. Die Pose – halb sexuelle Ekstase, halb Todeszuckung – löste eine Kontroverse aus, als sie vor einigen Jahren für das neue Parfüm "Opium" warb. Sie erinnert an ein weibliches Opfer, das Poe in einer seiner Geschichten beschreibt.

"You Dig the Tunnel, I'll Hide the Soil"

Termin: 10. Mai, White Cube Gallery, Hoxton Square und Shoreditch Town Hall, London.
http://www.whitecube.com