Nan Goldin - Berlin

Fotografische Vergangenheitsbewältigung

Einige ihrer von 1984 bis 2009 entstandenen Berlin-Bilder waren für Nan Goldin selbst in Vergessenheit geraten. Die große Vorreiterin einer ausgefeilten Schnappschuss-Ästhetik sichtete ihr Archiv neu und kehrt mit in Berlin entstandenen Fotografien an ihren zeitweiligen Wohnort zurück. Das Album der Intimitäten und Abstürze tageslichtscheuer Gestalten aus dem Goldin-Clan ist in der Berlinischen Galerie zu sehen.

So offenherzig und gesprächsbereit trat sie bislang selten vor großem Publikum auf. Es sei denn, dass Nan Goldin eine ihrer berühmten Dia-Shows aus Freundschaftsporträts und Underground-Pathos mit Sound in Szene setzte. Pressekonferenzen meidet die bewährte Verfechterin einer kompositorisch treffsicheren Schnappschussästhetik ohnehin.

Mit Joachim Sartorius unterhält sich die US-Fotografin an diesem Eröffnungstag ihrer Ausstellung in der Berlinischen Galerie geschlagene zwei Stunden in einem völlig überfüllten Vortragsraum.

Nan Goldin, mittlerweile Wahlpariserin, absolviert eine Art Vergangenheitsbewältigung. Für diese Ausstellung sichtete sie in ihrem Archiv die ausschließlich in Berlin entstandenen Fotografien zwischen 1984 bis 2009: Zwei Drittel der Bilder waren noch nie zu sehen. Entsprechend aufgekratzt wirkt die Foto-Lady mit der verrauchten Stimme, die nie ohne grellroten Lippenstift das Haus verlässt: "Berlin hat immerhin mein Leben verändert, aus dem Fotografie-Ghetto heraus eröffnete sich mir die Kunstszene mit ihren ungleich anderen Möglichkeiten." 1984 hatte sie hier bereits eine Weile gelebt, als Daad-Stipendiatin kam sie auf Einladung von Joachim Sartorius 1991 für drei Jahre zurück. Und erkundete mit der ihr eigenen bittersüßen Melancholie die Subkultur und Transvestitenwelt der schließlich wiedervereinten Stadt. Schonungslos offen, aber teils auch hemmungslos sentimental trumpfen die Fotografien zu ihrem privaten Zirkel tageslichtscheuer Menschen auf.

Mittels ihrer dünnen, schwarzen Rahmen heben sich die Farbfotografien elegant von dem getönten Fond der Wände ab. "Durch die farbigen Wände sehen meine Bilder ein wenig wie Leuchtkästen von Jeff Wall aus und wirken nicht so zweidimensional", befindet Goldin. Ein Kunstgriff, der in der Tat gut funktioniert. Auch weil man eine gewisse Distanz zu den Bildkosmen des oft heillos in persönlichen Affären, Querelen und Rauscherlebnissen verstrickten Goldin-Clan einnehmen kann. Blutverspritzte Drogenhöllenräume und aufgewühlte Interieurs wie Hotelzimmer zeugen von den durchlebten Exzessen zwischen Lust und finalem Absturz. Viele von Goldins homosexuellen oder heroinsüchtigen Freunden sind an den Folgen der damals schockartig neu grassierenden Immunschwächekrankheit Aids gestorben. Die verhältnismäßig klassisch ausgeloteten Einzelporträts der neunziger Jahre in Berlin zeigen wiederum Künstlerfreunde wie Pjotr Nathan, Käthe Kruse und Blixa Bargeld.

"Eines meiner größten Projekte ist es, die Menschen entweder zum Lachen oder zum Weinen zu bringen"

Ja, man muss Nan Goldins fotografischer wie menschlicher Direktheit unbedingt Respekt zollen, auch wenn der rührselige Tenor der Gesamtperformance mitunter etwas anstrengt. Sie wehrt sich an diesem Novembernachmittag offenbar nicht zum ersten Mal gegen Vorwürfe aus dem Publikum, die sich gegen das teils unverstellt Körperbetonte ihrer jüngeren Kinderfotografien wenden: Menschen, die selbst darin päderastische Inhalte sehen würden, seien bedauernswert, sagt Goldin. Womit sie nicht Unrecht hat. Überhaupt geht sie, deren Arbeit oft für Kunsttheorien zur Homo- und Transsexualität herhalten muss, auf Konfrontationskurs.

"Ich hasse die Terminologie der 'Gender Studies', keine Drag Queen würde je den Begriff in den Mund nehmen." Sie habe fünf neue Buchprojekte in der Pipeline, darunter seien Landschaften und Aufnahmen aus Ägypten. Die Fotos in der Berlinischen Galerie erzählen weitgehend eine andere, rohere Geschichte von der noch waghalsig seiltänzerischen Nan Goldin. Zu den schönsten Bildern gehört das Porträt der aus dem Saunabecken im Hotel Savoy auftauchenden Freundin Amanda von 1994. Eine Schaumgeborene aus dem urbanen Nightlife Berlins, für Goldins fotografische Verhältnisse erstaunlich unbefleckt. Amanda wirkt für einen Moment wie ein visueller und emotionaler Rettungsanker im Meer ihrer verlorenen Seelen. "Eines meiner größten Projekte ist es, die Menschen entweder zum Lachen oder zum Weinen zu bringen."

"Nan Goldin – Berlin Work"

Termin: bis 28. März in der Berlinischen Galerie
http://www.berlinischegalerie.de

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