Die Tunisreise - Bern

Erleuchtung oder Inszenierung?

Als Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im April 1914 nach Tunis reisten, erhielt das Aquarell eine neue Bedeutung. Jedoch waren es nicht allein das Licht und die Farben des Orients, die zu neuen Ausdrucks- und Kompositionsweisen führten.

Die Gruppenreise zählt zu den großen Gründungsmythen der Moderne: Als Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im April 1914 nach Tunis reisten, erhielt das Aquarell eine neue Bedeutung und die Abstraktion emanzipierte sich ein Stück weiter von der Realität.

Das Licht und die Farben des Orients führten zu neuen Ausdrucks- und Kompositionsweisen. Paul Klee hat den Mythos mit seinem Tagebuch kräftig befeuert. Legendär geworden ist der Eintrag in der Wüstenstadt Kairouan: "Ich lasse jetzt die Arbeit. Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiss. Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler."

Was nach einem Erleuchtungserlebnis klingt, hat sich die Forschung der letzten Jahre als geschickte Inszenierung enttarnt. Klee hat die Tagebücher später kompiliert und den Satz wahrscheinlich im Rückblick eingefügt. Auch ist längst bekannt, dass die Tunisreise bei den drei befreundeten Malern Entwicklungen verstärkte, die bereits vorher zu erkennen waren: Ausschlaggebend waren die prismatische Zerlegung von Farben und die Komplementärkontraste bei Robert Delaunay. August Macke hatte sich schon länger damit beschäftigt, Paul Klee in den Monaten vor der Reise.
Außerdem waren andere befreundete Künstler wie Wassily Kandinsky und Gabriele Münter bereits in Nordafrika gewesen und hatten darüber berichtet. Der Orient als paradiesische Gegenwelt zu einer niedergehenden Zivilisation war seit dem 19. Jahrhundert ein Topos der europäischen Malerei, zu dem die drei Maler eine neue Facette beitrugen.

Wie fruchtbar die Morgenlandfahrt für ihre Entwicklung gleichwohl war, zeigt die Ausstellung, die das Zentrum Paul Klee zum 100. Geburtstag des Ereignisses organisiert hat: Klee schuf in den knapp zwei Wochen 35 Aquarelle und 13 Zeichnungen, Macke sogar 79 Zeichnungen. Moilliet gab eher den Reiseführer. Im Nachhall sind bei allen dreien viele wichtige Bilder entstanden. Kurator Michael Baumgartner hat mit 140 Werken von 65 Museen, Galerien und Leihgebern so viele zusammengebracht wie noch keiner vor ihm. Ein Kraftakt, der kunsthistorische Erkenntnis und Augenschmaus zugleich verspricht.

Die Tunisreise: Klee, Macke, Moilliet

Zentrum Paul Klee, Bern, bis 22. Juni 2014

Katalog zur Ausstellung im Hatje Cantz 
Verlag, 39,90 Franken, 29,80 Euro
http://www.zpk.org/de/ausstellungen/aktuell/die-tunisreise-klee-macke-moilliet-657.html