Paul Geisler - Hamburg

Die Entalltäglichung der Dinge

Künstler, Techniker, Musiker, Politiker oder doch Philosoph? Der Hamburger Paul Geisler verbindet auf gesellschaftskritische Weise Technik mit Kunst. Das ist nicht nur spannend, sondern stimmt vor allem nachdenklich. Ein Porträt über einen, der auszog, das Denken zu lehren.
Denkansatz:Paul Geislers Kunst soll ins Grübeln bringen

Die Veranstaltung "Imagespace" stellte ein Computerprogramm von Ulf Freyhoff vor, an dessen Entwicklung Paul Geisler beteiligt war. "Vis/Space" ermöglicht eine dreidimensionale Darstellung von Daten

Paul Geisler lotet Grenzen aus. Die Grenzen des Machbaren, die, wo Technik aufhört und Kunst beginnt.

Für Geisler hängen Kunst und Technik eng zusammen. Er selbst studierte nicht nur Mathematik, sondern auch visuelle Künste. Für ihn bedeutet Kunst "die Entalltäglichung von Dingen": Indem er kleinste Details verändert, sodass die eigentliche Technik nicht mehr funktioniert, entstehen Kunstwerke. Und genau dieses Detail, das dann nicht mehr funktioniert, rückt so in die Wahrnehmung der Menschen. "Das hab ich schon früher beim Legospielen gemacht", erinnert sich der Kunst-Techniker, "da hab ich ein Auto einfach immer länger gebaut, um auszutesten, wann es nicht mehr fahren kann".

Geisler hat keine genaue Berufsbezeichnung. Er ist Techniker und Künstler in einem, bekommt für manche Aufträge Geld – "leider nicht für die meisten" – für andere nicht.
Auch nicht für das Projekt "Postmoderne Zeiten": Ein autonom gesteuerter Wagen, der während des Jahresrundgangs in der Hochschule für Bildende Künste die Gänge auf und ab fuhr.
Hier, im zweiten Stock des Universitätsgebäudes, liegt die Werkstatt, in der der Wagen und andere Arbeiten entstanden. Überall baumeln Kabel, auf den Tischen stehen Heißklebepistolen, die Produkte eines 3-D-Druckers, der im Hintergrund leise sirrt und gurrt – Es ist kaum Platz für den Laptop von Geislers Kollegen Ulf Freyhoff. Der ist Leiter dieser Werkstatt, die zum Institut "Time-based Media" gehört. Mit ihm und zwei weiteren Teampartnern entwickelte Tüftler Paul Geisler den selbstgesteuerten Wagen, der auch die Jury des "Kunstbeutels" überzeugte, und dem Team den mit 3 000 pro Person dotierten, gleichnamigen Preis einbrachte. "Seitdem ist das Interesse an meiner Arbeit schlagartig gewachsen", meint der bescheidene Geisler ehrlich erstaunt.

"Postmoderne Zeiten" brachte also den Durchbruch – doch was ist das Besondere an dem fahrenden Kunstwerk? Eigentlich war der Wagen eine ganz simple Erfindung, flach über den Boden rollend stoppte er, sobald ihm Menschen zu nahe kamen. Kleine Sensoren registrierten Hindernisse, ließen den Wagen aber auch "ein bisschen frech" werden, wie Geisler sagt, "dann fuhr er den Leuten, die zu langsam gingen, schon mal in die Hacken". Aha. Und was steckte hinter diesem frechen Flitzer? "Mit zwei Beamern projizierte der Wagen Filme an die weißen Flurwände", erklärt der Erbauer, "da ging es dann einmal in Audiofiles und Texten um Edward Snowden, und auf der anderen Seite lief sozusagen Werbung für moderne Technik". Technik, die für den Mensch Luxus ist, Arbeiten abnimmt, Dinge ermöglicht. Diese zwei Seiten stehen im Gegensatz zueinander, zeigen die gute und die schlechte Seite moderner Technik, und der Betrachter kann sich eine von beiden aussuchen.

Welche er wählt, das ist Geisler egal. Er ist locker geworden, glaubt, dass jeder Mensch nach seinem besten Wissen und Gewissen handelt. "Früher war ich da anders, arroganter, wollte dass jeder das Beste für die Welt rausholt, seinen freien Willen, sein freies Handeln auch nutzt."
Heute kann er dafür minutenlang darüber reden, was alles hinter einer kleinen Steckdose in der Mensa der HfBK steckt: "Die wenigsten Menschen machen sich Gedanken darüber, was alles an dieser Steckdose hängt", sagt er, "Kunst kann darauf aufmerksam machen, was wir vernachlässigen, obwohl es so wichtig ist". Wie der Strom und dessen Erzeuger, ohne die die Steckdose nutzlos wäre.

Gefährlich ist das Internet seiner Meinung nach. "Wegen der Schnelligkeit und der Fülle an Daten." Was die NSA auswerte, das könne unsere Welt radikal verändern. Und er sagt, dass dadurch zum Beispiel "ein Mann mit Bart ganz schnell als Terrorist gilt", das sagt er auch. Dabei grinst er leise in seinen braunen Rauschevollbart.

Mit dem Internet, Datenspeicherung und Überwachung hat er sich schon in Kunstwerken vor "Postmoderne Zeiten" beschäftigt. Wie in seiner Diplomarbeit für Visuelle Künste: "Im System" sah aus wie ein Raumschiff. Der überdimensionale Computer zeigte auf einem Bildschirm Geislers Biografie als Datennetz wie Sternkonstellationen. Mit einem Steuerknüppel konnte der Betrachter die einzelnen Lebensabschnitte anfliegen und so alles über den Mensch hinter den Daten erfahren.

Da stand dann auch, dass Paul Geisler gern am Keyboard steht. Das tut er insbesondere bei der Hamburger Band HGich.T (gesprochen: ha-ge-ich-te). Die sind bekannt für psychedelisch-bunte Auftritte, bei denen jeder einfach macht, was er oder sie will. Die Bandmitglieder sind relativ lose zusammengewürfelt, machen mal mit, mal bleiben sie zuhause. Geisler ist eigentlich immer dabei, zunächst nur in Videos wie "Tutenchamun" (Geisler als langhaariger Polizist), das bei YouTube "ganz schön abgeht", später auch auf den Bühnen der Republik. Seine vielen Interessen kann er hier gut einsetzen: Homepage, Videos und Fotos profitieren von seinem Multitalent. Was er wohl als nächstes macht?

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