Douglas Gordon

Interview

"Zidane bleibt ein Rätsel für uns"
"Zidane: A 21st Century Portrait", 2005 – Filmstill (Courtesy: Douglas Gordon / Philippe Parreno / Anna Lena Films)

"ZIDANE BLEIBT EIN RÄTSEL FÜR UNS"

Douglas Gordon, 1966 in Glasgow geboren, ist durch seine Filminstallation "24 Hour Psycho", in dem er den Hitchcock-Klassiker durch extreme Zeitlupen dehnte, bekannt geworden. Mit dem französischen Künstler Philippe Parenno realisierte er das Filmprojekt "Zidane: A 21st Century Portrait": Mit siebzehn Kameras wurde am 23. April 2005 beim Spiel von Real Madrid gegen Villareal jede Regung der Fußballlegende Zinédine Zidane aufgenommen. Die Berliner DAAD-Galerie zeigt jetzt zum ersten Mal die Museumsversion auf zwei Leinwänden – und im art-Interview spricht Gordon über seine Liebe zum Fußball, die Zusammenarbeit mit Zidane – und gibt auch noch einen EM-Tipp ab.
// ELKE BUHR, BERLIN

Herr Gordon, wer war denn der Zidane-Fan? Philippe Parreno oder Sie?

Die Idee hatten wir gemeinsam. Die Geschichte beginnt in Jerusalem, wo Philippe und ich uns 1996 an einer Ausstellung beteiligten, die direkt unter einem Fußballstadion stattfand. Wir waren ein paar Tage früher mit unserer Arbeit fertig, kauften einen Fußball und passten uns drei Tage lang den Ball zu – und die Ideen.

Douglas Gordon: Uns fiel auf, dass ein Fußballmatch genau die Länge hat, die ein Feature-Film mindestens haben muss. Und wenn man ein Fußballfeld ansieht, dann hat es fast die gleichen Proportionen wie eine Kinoleinwand. Also kam uns die Idee, das Fußballfeld hochkant zu kippen und zur Leinwand machen.

Wie kam dann Zidane ins Spiel?

Den hatten wir damals beide schon im Blick. Das war zwei Jahre, bevor er den World Cup gewonnen hat. Wir waren fasziniert von diesem Mix: Er hat diese sehr starre Fassade, einen undurchdringlichen Charakter, und gleichzeitig ist er ein ziemlich explosiver Typ. Wir wollten dem Rätsel Zidane näher kommen, seinen Widersprüchen. Wir haben dann sechs Jahre lang immer wieder über ihn nachgedacht, bis der Film fertig war – aber er bleibt ein Rätsel für uns.

Haben Sie ihn oft getroffen?

Ja, wir wollten sein Einverständnis, er sollte mitmachen. Wir wollten ein genuines Porträt eines arbeitenden Mannes machen, aber wir wollten auch seine Gedanken dazu hören. Wir haben ihn vor dem Shooting gesprochen, und nach dem Shooting haben wir ihn mehrmals in Madrid besucht und ihm das Material gezeigt.

Wie hat er reagiert?

Er war ziemlich fasziniert davon, sich selbst zu sehen. Er hat sich selbst kommentiert – so wie ein Schauspieler das tun würde, oder auch irgend ein normaler Mensch, der sich selbst sieht. Er ist sehr bodenständig, sehr normal. Und am Ende sagte er: "Das bin wirklich ich."

Dieses Porträt funktioniert, ohne dass der Porträtierte redet, kommentiert, erzählt – sehr ungewöhnlich für ein Filmporträt.

Wir haben uns einerseits auf Andy Warhols "Screentest"-Filme bezogen – wo gar nichts und gleichzeitig alles passiert. Auf der anderen Seite stand die Porträtmalerei von Goya und Velazquez. Insofern war es sehr passend, dass wir den Film in Madrid gemacht haben. Zwischendurch konnten wir in den Prado gehen und "Las Meninas" anschauen, oder Goyas Porträt der Herzogin von Alba.

Porträt ist hier also wirklich wie in der Bildenden Kunst gemeint.

Ja. Wir wollten ein mediales Porträt aus dem 21. Jahrhundert machen – und gingen dazu ins 17. und 18. Jahrhundert zurück.

Als Film gibt es das Zidane-Porträt schon länger – jetzt ist in Deutschland erstmals die Museums-Version zu sehen. Was ist der Unterschied?

Für die Filmversion mussten wir uns als Videokünstler in ungewohnter Weise disziplinieren, aber wir haben es dann gern getan. Wir mochten die Idee, dass es einen Anfang gibt und ein Ende. Als Künstler und Filmemacher konnten wir die Leute aus der Black Box des Cinemas in die White Cube des Museums locken, und wir mochten die Kollision der beiden Welten. Die Museumsversion ist nun sehr anders, mit zwei Leinwänden – es öffnet, oder entmythologisiert das Geheimnis des Filmschnitts, weil wir einen Standpunkt ständig sehen und vergleichen können.

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