Cross-Border - Karlsruhe

Diktator verschwinde

Grenzüberschreitend: Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zeigt in einer videolastigen Ausstellung über Gewalt, Unterdrückung und Hoffnungen, wie arabische Künstlerinnen ihre Gesellschaft erleben.

Die Männer toben. Sie beschimpfen die Frau und brüllen: "Sie sollten sich schämen!" Die ägyptische Künstlerin Amal Kenawy hatte in Kairo bei einer Performance Menschen gebeten, auf allen Vieren durch die Innenstadt zu trotten – wie eine Schar willfähriger Schafe.

Mit der Aktion "Silence of the Sheep" (2009) kritisierte Kenawy noch vor der Revolution offen das System und seine Mitläufer. 2012 ist Kenawy mit nur 38 Jahren gestorben, und ihr Video ist einer der eindrucksvollsten Beiträge der Ausstellung. Kuratorin Elisabeth Klotz hat Videos, Fotografien und Objekte zusammengestellt, die sich mit den politischen Verhältnissen in Marokko, Algerien oder dem Libanon beschäftigen und nach der Rolle des Individuums fragen. So hat Susan Hefuna in Kairo Menschen gebeten, "Ich" vor der Kamera zu sagen. Doch die Selbstbefragung fällt sichtbar schwer – anders als in westlichen Kulturen ist die Betonung des Ichs in Ägypten nicht selbstverständlich. Das Ich scheint sich anders zu behaupten – wie Fotografien von Rana ElNemr zeigen: Sie hat Fassaden aus Kairo montiert, Balkone, die die Bewohner mit bunten Ornamenten bemalt haben, als wollten sie im Gewimmel der Großstadt ihre Individualität sichtbar machen.

"Diktator verschwinde" hat Faten Rouissi auf die Wand geschrieben. Die Tunesierin ist eine der Künstlerinnen, die künstlerische Arbeit als Mittel begreift, um politisch zu intervenieren. Ihr Video "Art dans la rue – Art dans le quartier" dokumentiert eine Aktion, bei der Rouissi Künstler und Aktivisten aufrief, bei Straßenkämpfen ausgebrannte Autos zu bemalen. Die Spuren der Zerstörung werden nun überlagert durch Gemälde und Botschaften wie "I love Liberta". Die Länder im arabischen Mittelmeerraum sind im Aufbruch, und die meisten Arbeiten spiegeln diese auch existenziell schwierigen Lebensumstände. In Bouchra Khalilis Videoinstallation "Mapping Journey" erzählen Flüchtlinge ergreifend von ihrer Odyssee. Sie zeichnen auf Landkarten nach, wie sie von Algerien über Sardinien und Neapel bis nach Paris gefahren sind – mit nichts als Hoffnungen und 40 Euro.

Auch wenn die Ausstellung nur Künstlerinnen präsentiert, ging es nicht darum, ihnen einen weiblichen Blick zu unterstellen. Eine spezifisch weibliche Position ist höchstens in den Arbeiten herauszulesen, die sich mit Rollenzuweisungen beschäftigen. Diala Khasawnih hat neun Spitzen-BHs auf Bildern arrangiert und garniert mit Backform und Schnuller. Weiblichkeit wird hier verortet zwischen Sex und Stillen. In dem Film "Dolls – A Woman from Damascus" hat Diana El Jeiroudi eine Mutter aus Syrien mit der Kamera begleitet. Sie versucht, den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen und trotzdem ihren Weg zu gehen. Hier allerdings stößt die ohnehin videolastige ZKM-Schau an Grenzen. Denn eine Ausstellung ist nicht das geeignete Forum für diesen Dokumentarfilm, der immerhin eine Stunde dauert.

Cross-Border. Künstlerinnen der Gegenwart aus dem arabischen Mittelmeerraum

Termin: bis 8. September, ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie,
Karlsruhe

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