Hermann Nitsch - 70. Geburtstag

Happy Blutbad, Hermann!

Der österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch feiert heute seinen 70. Geburtstag. Und Mitte September wird in Neapel bereits das zweite Museum für den einstigen Bürgerschreck eröffnet.
Rauschebart im Blutrausch:Dem Aktionskünstler Hermann Nitsch zum 70.

Rauschebart im Blutrausch: Hermann Nitsch, 20. Malaktion, Wiener Secession 1987 – Blick in die Ausstellung im Hermann Nitsch Museum in Mistelbach

Ausgeweidete Tierkadaver, Exkremente und literweise Blut: Während die Aktionen des Österreichers Hermann Nitsch Laien manchmal am Kunstbegriff zweifeln lassen, gilt er bei Experten schon lange als etabliert. Zu seinem 70. Geburtstag am 29. August bekommt der ehemalige Bürgerschreck gleich ein eigenes Museum im italienischen Neapel geschenkt. Im österreichischen Mistelbach eröffnete bereits 2007 ein Hermann-Nitsch-Museum.

Mit der öffentlichen Anerkennung ist es ruhiger um den Mann mit Rauschebart geworden, die einst vehementen Proteste von Tierschützern und Gläubigen gibt es kaum noch.

Nach bisherigen Berichten soll das "Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch" in einem ehemaligen Elektrizitätswerk in Neapel Mitte September öffnen. Es ist ein Geschenk des italienischen Sammlers, Mäzens und Galeristen Giuseppe Morra. Das Museum soll der Erforschung und Dokumentation der Werke des Künstlers dienen, die nach dem Empfinden vieler Betrachter ekelerregend sind und die Grenzen des Geschmacks weit überschreiten. Nitsch selbst sieht in seinem Hauptwerk, dem "Orgien Mysterien Theater" (OMT), ein ästhetisches Ritual der Existenzverherrlichung, wie er auf seiner Homepage schreibt.

Bereits Ende der 50er-Jahre hatte Nitsch die Idee zu dem Blutspektakel als Gesamtkunstwerk aus Musik, Theater und Malerei entworfen, die künftig sein Schaffen bestimmen sollte. Er nennt es ein "Lebensfest", in dem er Elemente aus der katholischen Liturgie, der freudschen Psychoanalyse, der Bibel und kultische Handlungen miteinander vereint. Starke Sinneseindrücke und psychologische Extremerfahrungen bestimmen seine Kunst, die Verdrängtes wieder an
die Oberfläche bringen soll.

Zunächst bespritzt Nitsch Leinwände mit Blut

Nitsch wurde in Wien geboren und befasste sich bereits mit 14 Jahren unter Anleitung eines Bildhauers mit Malerei, Skulptur und Musik. Nach einigen Jahren Ausbildung als Grafiker in Wien macht er Anfang der 60er-Jahre mit seinen "Schüttbildern" auf sich aufmerksam. Angeregt vom amerikanischen "Action Painting" bespritzt Nitsch zunächst Leinwand und später auch menschliche Körper und Tierkadaver mit Farbe und Blut. Rituale mit geschlachteten Tieren, Blut und Eingeweiden bestimmen noch heute seine Aktionen des OMT, das immer auch religiöse Anklänge hat. Während Nitsch in seinen Anfangsjahren regelmäßig mit den Behörden in Konflikt ist und sogar in Haft sitzt, werden seine Aktionen später mit Auftritten in renommierten Häusern weltweit geadelt. Bei der 122. Aktion seines OMT darf er gar im altehrwürdigen Wiener Burgtheater im Blut planschen – Sitze und Wände werden vorher mit Plastik verkleidet.

Mit dem "6-Tage-Spiel" auf dem Grundstück seines Schlosses Prinzendorf bei Wien findet die Idee des OMT 1998 ihren bisherigen Höhepunkt. Nach einer von ihm verfassten, 1700 Seiten starken Idealpartitur feiert Nitsch mit seinen "Jüngern" eine sechstägige Orgie mit Musikbegleitung und 13 000 Liter Wein. Mittelpunkt bildet die Schlachtung von drei Stieren, Hunderte Liter Blut werden verschüttet, kiloweise Trauben und Tomaten zerquetscht und zahlreiche Tierkadaver ausgeweidet. Die Tierschützerin und Schauspielerin Brigitte Bardot reist extra aus Frankreich an, um dagegen zu protestieren.

Doch nach Jahren des Skandals und der bewussten Brechung von Tabus lockt Nitsch heute kaum noch Protestler auf die Straße. Sein Museum in Österreich wurde gar von einem evangelischen und einem katholischen Geistlichen gesegnet, auch ist er Träger des österreichischen Staatspreises. "Seitdem die Schüttbilder, die befleckten Messgewänder und blutigen Damenbinden Hermann Nitschs ihre Funktion als teures Schmücke-dein-Heim erfüllen (ein Blick in die Auktionslisten genügt), fiel alles Skandalöse, Provokative von Nitschs Schaffen ab", schreibt die Tageszeitung "Die Welt".

Miriam Bandar, dpa