Larry Clark - Paris

Jugend ohne alle Tabus

Hinschauen verboten, zumindest für Jugendliche unter 18 Jahren: Die Stadt Paris hat die Ausstellung "Kiss the Past Hello" des amerikanischen Fotografen Larry Clark nur für Erwachsene freigegeben. Das sorgt im freiheitsliebenden Frankreich nun für einige Aufregung. "Zensur" urteilte etwa die Zeitung "Libération". Clarks Bilder zeigen Jugendliche mit Schusswaffen, Jugendliche beim Drogenmißbrauch und - Stein des Anstosses - Jugendliche beim Sex. Der Fotograf selbst versteht die Aufregung nicht. Wenn es nach ihm ginge, müsse man die Ausstellung eher für diejenigen verbieten, die älter seien als 18.

Der amerikanische Fotograf Larry Clark gibt gern zu,"Fotojournalismus aus ganzem Herzen zu hassen". Bei ihm gibt es weder Reportage noch Porträt, und dennoch revolutionierte er bereits mit seinem ersten, 1971 erschienenen Fotobuch "Tulsa" die Dokumentarfotografie.

Da spielt ein Jugendlicher friedlich wie ein Baby im Bett mit seinem Revolver, eine minderjährige Schwangere spritzt sich Heroin – das über zehn Jahre hinweg entstandene Werk schlug ein wie eine Bombe. Hier wurde nicht nur in schattigem Schwarzweiß und in sorgfältiger Komposition Unerhörtes aus dem Alltag von Jugendlichen gezeigt. Hier verwischte auch die Grenze zwischen Beobachtung und Inszenierung. Der 1943 geborene Fotograf hat mit den Teenagern seiner Heimatstadt viel Zeit verbracht und ist trotz des Altersunterschieds ihr Freund geworden. Es gelang ihm, ohne alle Tabus ihren intimen Alltag zu erzählen wie einen Film – zwar ohne durchgehende Geschichte, aber mit Hauptdarstellern, die immer auch kleine Helden sind. Heute ist Clarks bahnbrechende Arbeit längst anerkannt. Nan Goldin und viele andere wandern in seinen Fußstapfen. Er aber ist konsequent bei seinem Thema geblieben, den Jugendlichen.

Die gemeinsam mit Clark konzipierte Pariser Ausstellung gibt mit über 200 Originalabzügen einen ausführlichen Überblick über ein halbes Jahrhundert gelebter Fotografie, von "Tulsa" oder "Teenage Lust" (1983) über "punk Picasso" (2003) bis zur jüngsten Serie "Los Angeles 2003–2006" über einen Skateboarder und seine Freunde im berüchtigten Stadtteil South Central in Los Angeles. Clarks Stil ist freier geworden, weniger dramatisch, er benutzt größere Formate und Farbe und braucht keine Pikanterien von Drogen und Sex mehr, wenn er seinen Freunden beim Erwachsenwerden zuschaut.

Trotzdem bleibt er ihnen immer nah. Man versteht, dass er nicht nur ihre, sondern auch seine Geschichte erzählt, die Geschichte von einem, der, wie er selbst einmal sagte, "immer zu spät kam", der Jugend erst bei anderen erlebte, als er selbst schon über zwanzig Jahre alt war. Eine Zeitlang hatte Clark auch seiner Mutter Lew assistiert, einer professionellen Fotografin, die von Haustür zu Haustür zog und anbot, Säuglinge und Haustiere zu porträtieren. Einige ihrer Arbeiten werden in Paris zum ersten Mal gezeigt, zusammen mit einem titellosen 16-Millimeter- Film von 1968, der gerade erst wieder aufgetaucht ist. Und natürlich die zusammen mit Kameramann Ed Lachman realisierten Kinofilme "Kids" (1995) und "Ken Park" (2002), die Clark zu Recht weit über die Grenzen der Fotografie hinaus berühmt gemacht haben.

Larry Clark

Ausstellungstitel: "Kiss the Past Hello", Musée d´Art moderne de la Ville de Paris, bis 2. Januar 2011
http://mam.paris.fr/fr/expositions/larry-clark