Quadriennale - Düsseldorf

Alchemie und Krötenschlamm

Auch mit der dritten Ausgabe des Quadriennale-Kunstfestivals sucht Düsseldorf nach dem Stein der Weisen im Kulturmarketing. 13 Ausstellungen sind unter dem Motto "Über das Morgen hinaus" vereint, das heimliche Leitmotiv lautet: Alles was gut und teuer ist.
Ein Fanfarenstoß der Kunst:Mit großen Namen und beeindruckenden Kunstprojekten

Ist im Museum Kunstpalast zu sehen, Johan Moreelse: "Der Alchemist", 1630, Öl auf Leinwand, 90,5 x 107,5 cm, Robilant + Voena, London und Mailand

Zur Feier des Tages schallt es von den Dächern der Museen, und die Gullideckel singen dazu – eine Klanginstallation von Rochus Aust macht's möglich.

Mit einem Fanfarenstoß eröffnet in Düsseldorf die dritte Quadriennale, ein ehrgeiziges städtisches Kunstfestival, wie es sich nur eine schuldenfreie Landeshauptstadt leisten kann.

Als Besucher aus dem nordrhein-westfälischen Umland glaubt man sich leicht bei unanständig reichen Verwandten zu Besuch – wobei auch die Düsseldorfer Kulturpolitik nicht frei von finanziellen Sorgen ist. Die Zukunft des NRW-Forums ist ungewiss, die Partnerschaft des Museums Kunstpalast mit dem Energieunternehmen Eon nach dem Abzug eines Jackson-Pollock-Gemäldes mal wieder ins Gerede gekommen und die Filiale der Kunstsammlung NRW im Ständehaus in Sachen Publikumszuspruch ein Sorgenkind.

Aber während etwa den benachbarten Kölner Stadtvätern ihre Museen unter den Händen zu zerbröseln scheinen, putzt Düsseldorf die seinen mit einem Festival heraus, dessen künstlerisches Motto "Über das Morgen hinaus" weit genug gefasst ist, um den beteiligten Häusern ausreichend Freiheiten zu lassen, aber gleichzeitig konkret genug, um ein Netz von Bezügen über die Stadt zu legen. Und weil es nach der enttäuschenden zweiten Quadriennale dieses Mal wohl schon ums Überleben des Festivals geht, hat dieses ein heimliches zweites Leitmotiv: Alles was gut und teuer ist.

Allein die mit Leihgaben aus aller Welt bestückten Ausstellungen in den vier großen Düsseldorfer Häusern bilden schon einen weltstädtischen Kunstparcours. So fängt das Museum Kunstpalast in seiner Schau "Alchemie und Kunst" die Suche nach den Geheimnissen der Verwandlung mit Adam und Eva an und verwandelt sich dabei selbst in eine herrliche Wunderkammer. Es gibt aus dem Urschlamm gekrochene Kröten zu sehen, faustische Phiolen, Schriften in Hexenküchen-Latein und beinahe alles, was den menschlichen Geist in vormodernen Zeiten fasziniert und den menschlichen Forschungsdrang in die Tiefen von Wunderglauben und Wissenschaft getrieben hat. Für die Maler war die Suche nach dem Stein der Weisen, also der Substanz, mit der man unedle Metalle und Mineralien in Gold verwandeln kann, schon immer die experimentelle Arbeit mit den aus Pflanzen- und Tierwelt gewonnenen Farben. Die ungemein anregende Ahnenreihe der Farbmagier reicht dabei von Peter Paul Rubens über Sigmar Polke bis zu Anish Kapoor.

Eine Neigung zu geheimen Lehren vereint auch die drei Großmeister der Abstraktion, die in der Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz gezeigt werden. Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian entdeckten in der Malerei jeweils eine neue, bessere Welt, und die Grundfarbe dieser Utopien, so die These der Kuratoren, war die Nichtfarbe Weiß. Mit ihr übertünchten Malewitsch und Mondrian alles bisher Dagewesene und ließen über dem "weißen Abgrund Unendlichkeit", von dem Malewitsch schreibt, eine Welt bedeutungsschwangerer geometrischer Formen entstehen. Auch das berühmte "Schwarze Quadrat" wird von einem weißen Rand eingefasst, dessen Fläche größer als das Titelmotiv ist – schneeblind, wer darin nicht die unendlichen Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Neuordnung erkennt. Oder eben nicht eingeweiht in die Programmatik der Moderne. Am deutlichsten wird das Geheimbündlerische dieser Malerei bei Kandinsky, dessen weiße Aurawolken direkt aus okkulten Lehrbüchern entliehen sind.

Im Ständehaus K21 wird aus dem utopischen Festivalmotto ein Höhlengleichnis. Es geht um den Schutz, den Bunker, Keller und Tunnel bieten, und um den Schrecken, der gleichzeitig in ihnen wohnt. Auf schräge Weise geborgen fühlt man sich etwa in Martin Kippenbergers Installation "Tiefes Kehlchen", die ganz nebenbei beweist, dass hinter dem berühmtesten Kippenberger-Kalauer ("Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald") tatsächlich ein Kunstwerk steckt. Lebendig begraben kommt man sich dagegen beim gespenstischen Videobild aus einer von Bruce Nauman in der Erde versenkten Kammer vor. Oben und unten verbindet Max Ernst mit einem betörenden Wald aus Tropfsteingebilden, Jeff Wall lässt zwei junge Mädchen neugierig um die symbolische Ungewissheit eines schwarzen Abflusskanals schleichen.

Auch in der Kunsthalle, die mit "Smart New World" den Sprung in die Zukunft wagt, finden sich lauter große Namen und viel vorzügliche Kunst. Trevor Paglen umkreist die Black Box des Überwachungsstaats, Tabor Robak entwirft die schöne neue Welt als bonbonbunten Bildschirmschoner und Omer Fast inszeniert das Gespräch mit einem ehemaligen Drohnenpiloten als Spiel voreiliger Annahmen und falscher Wahrnehmung. Am besten gefiel uns aber Kenneth Goldsmith, der ein Heer moderner Sisyphosse das Internet ausdrucken lässt.
Alchemie ist der rote Faden dieser Quadriennale, schon weil es hier um die Gabe geht, aus der Kunst ein Ereignis für die Publikumsmassen zu machen. Ob Düsseldorf dabei den Stein der Weisen gefunden hat, wird am Ende das Tourismusbüro verkünden. Als Besucher verlässt man das Festival beglückt, erschöpft und mit dem festen Vorsatz wiederzukommen.

Quadriennale Düsseldorf – Das Festival der Bildenden Kunst

5. April bis 10. August

http://quadriennale-duesseldorf.de/