Caravaggio - Fund

Es gibt keine Anhaltspunkte

Dem Barockmaler Caravaggio (1571-1610) wurden bisher rund fünfzig Gemälde zugeschrieben, aber keine einzige Zeichnung. Nun wollen zwei Kunsthistoriker aus Brescia gleich 100 Zeichnungen von Caravaggio "gefunden" haben. Wo? Vielleicht beim Aufräumen im Keller?
Experten zweifeln:Zuschreibung zu Caravaggio eher fragwürdig

Ein undatierter Abdruck, der die "Studie eines Kopfes" zeigt, die dem jungen Caravaggio zugeschrieben wird - was Experten aber bezweifeln.

Nein, die Zeichnungen wurden nicht beim Aufräumen im Keller gefunden, sie gehören zum Nachlass des manieristischen Malers Simone Peterzano (1540-1596) und werden im Archiv des Castello Sforzesco in Mailand aufbewahrt. Den Experten sind sie längst bekannt. Das Konvolut von zirka 1 300 Zeichnungen wurde 1924 von der Stadt Mailand aus Kirchenbesitz erworben. Caravaggio kam dreizehnjährig bei Peterzano in die Lehre und blieb vier Jahre, von 1584-1596. Es liegt also nahe, im Peterzano-Fundus Zeichnungen von ihm zu vermuten. Natürlich hat Caravaggio zeichnen müssen. Es ist bekannt, dass Peterzano seine Schüler zur genauen Naturbeobachtung anhielt. Darstellungen von Erbsenschoten, Kirschen und Kürbissen werden im Archiv bewahrt.

Das Forscher-Duo aus Brescia, mit den auch für italienische Ohren bizarren Namen Maurizio Bernardelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli, haben die Nachricht über "eine der größten Entdeckungen der Kunstgeschichte" der italienischen Nachrichtenagentur ANSA anvertraut und dafür weltweit für Aufregung gesorgt. Wie glaubwürdig ist der Fund?

Keiner könnte die Frage besser beantworten, als Italiens renommierter Caravaggio-Experte, der 85-jährige Kunsthistoriker Maurizio Calvesi. 1948 promovierte er über Simone Peterzano, den Lehrmeister Caravaggios. Dessen Nachlass hat er im Castello Sforzesco Blatt für Blatt studiert. Vielleicht hat er die 100 Zeichnungen von Caravaggio glatt übersehen?

"Es ist einfach Schwachsinn, all diese Zeichnungen Caravaggio zuzuschreiben," sagt Calvesi, "allerdings gibt es im Archiv ein paar Blätter, die wirklich von Caravaggio stammen könnten. Ich erinnere mich an die Zeichnung eines Engels, der sehr stark dem Engel ähnelt, der auf dem Bild 'Heiliger Franziskus in Ekstase' zu sehen ist, das Caravaggio 1595 gemalt hat und heute in Hartford aufbewahrt wird. Aber für eine Zuschreibung fehlt jeder Beweis. Die meisten Zeichnungen im Archiv stammen von Peterzano. Es handelt sich meist um vorbereitende Skizzen für seine Gemälde."
Welche Bedeutung hätte es für die Kunstgeschichte, wenn alle 100 Zeichnungen wider Erwarten von Caravaggio stammen würden? "Gar keine", sagt Calvesi.

Auch Mina Gregori (88), eine Caravaggio Expertin, die noch bei dem italienischen Kunsthistoriker und Caravaggio-Entdecker Roberto Longhi, studiert hat, sagt: "Es gibt keine Zeichnung, die mit Sicherheit von Caravaggio stammt und auf die man sich stützen könnte." Die frühere Leiterin des Mailänder Archivs, Maria Teresa Fiorio, bestätigt das: "Alle, die im Archiv geforscht haben, hofften immer, eine Zeichnung von Caravaggio zu finden. Aber es gibt einfach keine Anhaltspunkte."

Nicola Spinosa, Spezialist der Barockmalerei und ehemaliger Leiter des Nationalmuseums Capodimonte in Neapel, hält die Idee, dass Caravaggio als Maler auf Zeichnungen zurückgegriffen habe soll, die er als Schüler verfertigte hatte, für ein Hirngespinst, "auch wenn damals ein Dreizehnjähriger im Zeichnen schon sehr geschickt war".

Die heutige Leiterin des Graphischen Kabinetts im Castello Sforzesco, Francesca Rossi, beteuert, dass sie die beiden Kunsthistoriker aus Brescia nie im Archiv gesehen hätte. Sie hätten lediglich einmal um Fotos gebeten. Draufhin hat Bernardelli Curuz, der als künstlerischer Leiter für die "Stiftung Brescia Museen" (Fondazione Brescia Musei) tätig ist und die Kunstzeitschrift "Stile arte" herausgibt, der Leiterin des Archivs vorgeworfen, sie sei "unfähig Werke zu entschlüsseln, die sie selbst aufbewahrt", und sie zum Rücktritt aufgefordert.

Die beiden Kunsthistoriker aus Brescia haben zwei Jahre lang Hunderte von Zeichnungen aus dem Fundus Peterzano mit Gemälden von Caravaggio verglichen. Das Ergebnis ihrer Mühe haben sie in zwei E-Books in vier Sprachen bei Amazon zugänglich gemacht. Jeder kann die Richtigkeit ihrer vergleichenden Bildanalyse überprüfen und auch ein Laie sieht, dass die angeblichen Ähnlichkeiten nicht überzeugen. Einer wissenschaftlichen Diskussion geht Bernardelli Curuz, der aus seiner feindlichen Gesinnung gegenüber der akademischen Welt keinen Hehl macht, aus dem Weg. Unter www.giovanecaravaggio.it ist die "Chronik einer bahnbrechenden Entdeckung" verfügbar und ein Promotion-Video feiert den "Fund" als "revolutionär" und einen Glücksfall für die Gemeinde von Mailand, die nun über einen Kunstschatz im Wert von 700 Millionen Euro verfüge.

Man solle Caravaggio endlich in Ruhe lassen, sagt Nicola Spinosa, es herrsche um ihn zu viel Betriebsamkeit. Das wird sich kaum machen lassen. Nachdem Caravaggios schwuler Engel Amor als Mousepad kommerziell fruchtbar eingesetzt wurde, wirbt jetzt eine Versicherungsgesellschaft mit dem Bild des ungläubigen Thomas, der seinen Finger tief in die Wunde steckt: "Die Kunst, sich zu versichern."

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