Paraflows 2008 - Wien

Utopie, Revolution und Medienkunst

Das Wiener Festival "Paraflows" beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema der Utopie: Mehr als 30 Künstler präsentieren Zukunftsvisionen – und deren Kehrseiten.
Utopie, Revolution und Medienkunst:über das Wiener Festival "Paraflows"

Pixelbild des einstürzenden World Trade Center: Ubermorgen.com, "9/11", 2001

So jung und schon so frech: Mit wem? Was? Keine Zeit! Mit der "Ars Electronica", dem großen, alten Linzer Festival für elektronische Künste wolle man sich nicht vergleichen. Ja, man war vor zwei Wochen nicht einmal dort. Günther Friesinger und Judith Fegerl, Festivalleiter und Ausstellungsleiterin des Wiener Digi-Kunst-Festivals "Paraflows", scheinen wenig Verständnis zu haben, für diese doch recht nahe liegende Frage nach dem Verhältnis zu dem in die Jahre gekommenen, übermächtigen Vorreiter donauaufwärts.

Die "Ars" ist Friesinger und Fegerl viel zu technikorientiert und auf wirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichtet. Andere Festivals wie die Berliner "Transmediale" würden sich wiederum nur darauf beschränken, das hermetisch wirkende "Medienkunst-Ding" abzuspielen. Dabei muss man einfach nur die Grenzen der Gattungen aufsprengen, sind sich die beiden einig, um die Medienkunst aus der allerorts proklamierten Krise zu katapultieren. Inhaltlich arbeiten, heißt die Zauberformel. So sind bei "Paraflows" neben Hackern, völlig abgedrehten Netz-Nerds, Musikern, Performance-Künstlern, klassischen Medienkünstlern wie "Ubermorgen.com" auch viele bildende Künstler vertreten.

Diese Vernetzung untereinander funktioniere in Wien – anders etwa als in Berlin – aufgrund der Überschaubarkeit der einzelnen Szenen prächtig, meint Fegerl. Birgit Pleschberger etwa steuert großformatige Zeichnungen von schwerelos durch den Raum schwebenden Marionetten-Menschen bei, Eva Grubinger ist mit ihrer Installation "crowd" aus Absperrbändern für Warteschlangen vertreten, die tschechische Gruppe "Ztohoven" hat sich in das Wetterpanorama des öffentlich-rechtlichen Senders eingehackt und in den unbeirrt über die idyllische Gegend schwenkenden Kamerablick lapidar einen Atompilz platziert. Und Nikolaus Gansterer versucht im "Eden Experiment", eine "gute" und eine "böse" Pflanze zu züchten, indem er eine mit Death Metal und die andere mit klassischer Musik beschallt.

Ztohoven: Atombombe zum Frühstück

Die Wiener Szene ist also eindeutig damit beschäftigt, ihr eigenes "Utopia" zu finden, so das Motto der dritten "Paraflows"-Ausgabe. Auch für diesen hellsichtigen Blick nach vorne, wohl nicht zufällig zeitgleich mit dem 68er-Jubiläum, hat man sich, im wahrsten Wortsinn, wieder eingebunkert: Ausstellungsort ist bereits zum zweiten Mal der Gefechtsturm Arenbergpark – einer von mehreren monströsen, in Wien verstreuten Überbleibseln aus der NS-Zeit.

"Vielleicht sind wir aber auch zu satt und zufrieden"

Ob Medien- oder Netzkunst, alles gliedert sich immer mehr in die "normale" bildende Kunst ein, meint Fegerl. Das merkt man auch im Angebot für den Kunstmarkt: "Ubermorgen.com" etwa zeigt sehr hängbare Pixelbilder des einstürzenden World Trade Center. Was diese digitale Vergangenheitsbewältigung mit einer Utopie zu tun hat? Darauf müssen wir wohl während der "Paraflows"-Ausstellung selbst kommen. Denn auch in digitalen Welten haben sich Utopien wie zum Beispiel "Open Source" letztendlich nicht als ideal herausgestellt. Trotzdem. Eine Utopie liegt wieder in der Luft, ist Fegerl sich sicher. Nur durch die zur Zeit herrschende Ruhe, durch den spürbaren Stillstand bei technischen Entwicklungen, so die Künstlerin und Paraflows-Ausstellungsleiterin, können utopische Ideen überhaupt erst wieder gefasst werden.

Vielleicht sind wir heute aber auch einfach zu satt und zufrieden, um zu revoltieren, meint Friesinger. Aktionen wie der "Kauf nix Tag", den er jedes Jahr organisiert, oder die auch zu "Paraflows" eingeladenen "Big Brother Awards", die Personen und Firmen anprangert, die Datenmissbrauch betreiben, sind zwar beliebte Events in bestimmten Szenen. Mit derartigen Ideen und Idealen in der heutigen, stark individualisierten, in viele kleine Interessensgruppen aufgesplitterten Gesellschaft noch einmal eine kritische Masse zu erreichen, wie es 1968 möglich war, muss heute wohl, tja, eine Utopie bleiben.

"Paraflows – Utopia"

Termin: bis 19. Oktober, Gefechtsturm Arenbergpark, Wien. Symposium: "Ambiente. Das Leben & seine Räume", 12. und 13.09., 10 bis 18 Uhr, Barocke Suiten, Quartier 21, MQ.
http://www.paraflows.at/

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