Radar - Angelika Stepken

Angelika Stepken über Marine Hugonnier

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Angelika Stepken, 1955 in Moers am Niederrhein geboren, seit 2006 Direktorin der Villa Romana in Florenz, über die französische Künstlerin Marine Hugonnier.
Radar: Marine Hugonnier:Angelika Stepken über ihre aktuelle Lieblingskünstlerin

Marine Hugonnier: The Last Tour", 2004

Manchmal entdeckt man eine Künstlerin erst "für sich", wenn sie schon viele internationale Ausstellungen (allerdings wenige in Deutschland) bestritten hat. Marine Hugonnier, 1969 in Paris geboren und in London lebend, bringt in ihren Arbeiten sehr differenziert Reflektionen über die Einbildung der Welt in ihrer politischen und uneinnehmbar subjektiven Dimension zusammen.

Es geht – ob in ihren Fotografien, Filmen oder Papierarbeiten – stets um den Blick des Einzelnen, der die Welt zu entdecken und sich in ihr einzubilden sucht und der sich in einer Welt, die von Massenmedien und Massentourismus formatiert und gesättigt ist, wieder findet. Marine Hugonnier spürt in ihrer Arbeit Leerstellen auf, Momente, in denen die Übertragung von Eigenem und Fremden noch nicht zur Ruhe gekommen ist.

In einer Serie von großformatigen Lambda Prints "Towards Tomorrow" (2001) sieht man am unteren Bildrand das Meer und darüber Himmel zu unterschiedlichen Zeiten. Marine Hugonnier machte die Aufnahmen von der Beringstraße in Alaska aus Richtung Sibirien. Dazwischen verläuft die internationale Datumslinie, so dass alle Bilder eigentlich die einer Zukunft in 24 Stunden darstellen. Zwei Jahre später porträtierte sie im Nordosten Afghanistans jene Berge, die das Pandjsher Tal umgeben: "Mountain with no name" (2003). Berge, die nie mit einem Namen in Geografie und Geschichte eingeschrieben wurden. Nur die Wege über die Berge wurden von den Anwohnern benannt.

"Arbeit gegen das Produktive"

Marine Hugonnier wechselt in ihren Arbeiten stets den physisch-geografischen Standort. Sie sucht Orte auf, die für den Blick ebenso Erwartungshorizonte bergen wie Ansichten einer vollendeten Zukunft. Die Filmtrilogie "Ariana" (2003), "The Last Tour" (2004) und "Travelling Amazonia" (2006) wurde in Afghanistan, im schweizerischen Matterhorn-Nationalpark und in Brasilien gedreht. Hugonnier resumiert selbst, dass es in den drei Filmen um den militärischen und den touristischen Blick geht und schließlich um das, was den Blick inspiriert. In ihrem neuesten Film "The Secretary of the Invisible" (2007), einer Hommage an Filmemacher Jean Rouch (1917 bis 2004), der lange in Niger gelebt hat, und seine subjektive "Kino-Trance" sieht man zwei seiner Akteure auf einer langsamen Bootsfahrt auf dem Niger. Mit geschlossenen Augen sagt der ältere der beiden Männer: "Unser Kino wurde hier auf dem Fluss geboren." Auch die zahlreichen Referenzen, hier an Jean Rouch, an J.M. Coetzee, von dem sie den Titel des Films entlieh, der ihn aber wiederum von dem polnischen Dichter Czesław Miłosz übernommen hatte, sind typisch für Marine Hugonniers subjektive Korrespondenz mit Vorläufern und Mediengeschichte.

1996 begann Marine Hugonnier ein Skizzenbuch, das sie "Arbeit gegen das Produktive" (Travail Contre Productif) nennt. Es enthält Gedanken zu Freundschaft, Wirtschaft und Garten, Erinnerungen und mögliche Drehbücher. Gemeinsam ist allen Notizen, dass sie der "Formalisierung entflohen sind" (MH). Auf einer dieser Seiten steht: "Memory is anticipation in reverse." Bis zum 22. März ist eine große Einzelausstellung von Marine Hugonnier in der Kunsthalle Malmö zu sehen. Ende Juni wird sie in der Villa Romana in Florenz "The Restauration Project" erstmals mit einem Möbelstück fortführen.

"Marine Hugonnier: The Secretary of the Invisible"

Termin: bis 22. März, Kunsthalle Malmö, Schweden
http://www.konsthall.malmo.se/o.o.i.s/2750