Dieter Roth - Aargau

Deformation ist unausweichlich

Das Aargauer Kunsthaus entdeckt das "Selbst" als grundlegendes Thema des 1998 gestorbenen Universalkünstlers Dieter Roth und zeigt seine "Solo Szenen" auf 128 Monitoren.

Niemand möchte so der Nachwelt entgegentreten: Im Körper klaffen Risse, Nase und Ohren sind zerschmolzen, die ganze Büste erinnert bestenfalls an einen Boxer nach einem schweren K.o. Dieter Roth (1930 bis 1998) hat es auf diese Entstellung angelegt. Er hat sich in den späten sechziger Jahren in Schokolade gegossen und diese von Würmern zerfressen lassen.

Wie sein Abbild einmal aus­sehen würde, konnte er nicht wissen, dass es hässlich und von Verfall geprägt sein würde, war unausweichlich. Deformation ist da Gestaltungsprinzip.

Wenn nicht Entstellung, so bestimmt doch Verfremdung den Großteil der Selbstbildnisse des Künstlers. Er zeigt sich "als Schwalbe", "mit Wendeblick" oder "als Loch". Er experimentiert mit Mehrfachbelichtungen und erscheint als sein eigener, geistähnlicher Schatten. Nie tritt er direkt und als Einzelner mit fester Kontur auf. Seine "Solo Szenen", sind schonungslose Selbstdarstellung und die grandioseste Auflösung des Selbstbildnisses.

Auf 128 Monitoren kann man den gealterten Künstler den Tag durch beobachten: Beim Essen, Zeichnen, Schlafen, auf der Toilette, in der Küche, im Zimmer, überall ist die Kamera mit dabei und zeigt die Selbstbehauptung und Trivialität eines Einzelnen, der weiß, dass wir keine festen Bilder von uns haben können. Das verwundert nicht weiter bei einem Künstler, der die Veränderung ins Zentrum seiner Kunst gestellt hat und dabei hoffte, der Festlegung im abgeschlossenen Werk zu entgehen. Stephan Kunz vom Aargauer Kunsthaus hat den Umgang mit dem Selbst als grundlegendes Thema in Roths Kunst entdeckt und zusammen mit Dirk Dobke von der Dieter-Roth-Foundation in Hamburg dazu eine Ausstellung mit rund 200 Exponaten gestaltet. Sie fokussiert den Blick auf das gewaltige Werk und macht seine Relevanz für die Gegenwartskunst neu erkennbar.

"Dieter Roth - Selbst"

bis 6. November 2011, der Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König kostet 48 Franken
http://www.aargauerkunsthaus.ch/

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