Jenny Holzer - Interview

Leises Licht für beunruhigende Zeiten

Das große art-Interview mit der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer, 58, anlässlich ihrer neuen Installation für das New Yorker Guggenheim Museum. Ein Gespräch über Poesie, Politik und Pudding.
"Angst und Wut":Jenny Holzer über Poesie, Politik und Pudding

Jenny Holzer: "Monument", 2008 (Detail), Diehl + Gallery One, Moskau. Text: Truisms, 1977–79; Inflammatory Essays, 1979–82

Frau Holzer, warum arbeiten Sie mit Worten?

Jenny Holzer: Der Inhalt ist mir wichtig und Worte tragen Inhalt, ohne zu klagen. Farbe, Form, Komposition, Tempo, Platzierung und Stimmung zählen zu meinen Themen, aber ich baue auf die Sprache, um klar und relativ konkret sein zu können.

Ihre Arbeit verkörpert das Spektakel und setzt andererseits die Stille der Poesie ein. Spielen Sie gern mit diesen Gegensätzen?

Ich bin mir nicht sicher, ob dies ein Widerspruch ist, zumindest in einiger Hinsicht. Es spricht nichts dagegen, dass Poesie nicht auf großen Gebäuden geschrieben stehen kann. Poesie währt oftmals länger als Strukturen es tun. Meine Arbeit möchte ich nicht als Produktion von Spektakeln sehen, denn damit verbinde ich dirigierte Versuche, etwas zu verkaufen oder Meinungen zu manipulieren. Meine Intentionen sind anders: Ich gebe Informationen weiter, die Menschen können sie sehen, fühlen, in Erwägung ziehen.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit am Gebäude des Guggenheim mit seiner ungewöhnlichen Form als die größte Herausforderung empfunden?

Der Versuch, ein Kunstwerk zu schaffen, das respektvoll und stark genug für ein architektonisches Wunder ist. Das Museum ist eine Sammlung von atemberaubenden, sehr besonderen Formen, also musste ich versuchen, diese Formen zu bedecken und hervorzuheben, ohne dabei meine Arbeit auseinander brechen zu lassen. Die Form des Museums ist das Thema, mit Schrift wollte ich den Inhalt liefern, ohne Verwirrung zu schaffen.

Ihre erste Ausstellung 1989 in der Rotunde des Guggenheim inszenierten Sie für Kunstinteressierte mit Leuchtdioden. Jetzt kehrten Sie mit einer Arbeit wieder, die öffentlich ist. Inwiefern hat Sie das beeinflusst?

In dieser weltweit beängstigenden Zeit habe ich mir besondere Mühe gegeben, die richtigen Worte zu finden. Meine eigenen Schriften erschienen mir unangemessen, daher entschied ich mich für Gedichte der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska über Krieg, Flüchtlinge, Schicksal, Verlust, Terror, Politik, Liebe und schmutzige Hände. Die Installationen für innen und auch außen waren relativ minimalistisch, allerdings verwendete ich für die Fassade stilles Licht, um einen Ausgleich für diese beunruhigenden Zeiten zu schaffen. 1989 waren die Leuchtdioden ein wenig aggressiv und die Schriften zum Teil persönlich, so wie es einem Innenraum entspricht.

Warum entschieden Sie sich für die Gedichte von Wislawa Szymborska?

Sie ist intelligent, deutlich, sie kann Trauer zuzulassen und einen kurz darauf beschenken. Sie ist in der Lage, harte Themen darzustellen. Und manchmal, wenn man glaubt, dass man die Themen nicht aushalten kann, ist sie sehr komisch.

Ihre Installation findet zur Zeit der Präsidentschaftswahlen statt. Was interessant ist, denn die Binsenweisheiten in Ihren Arbeiten erinnern manchmal an politische Parolen.

Es macht mich traurig, dass Politiker und die Leute, die sie anstellen, nicht besser schreiben können.

In Ihren Arbeiten bringen Sie häufig Gefühle wie Angst und Wut zum Ausdruck – was empfinden Sie in der heutigen Zeit?

Angst und Wut.

Welche Probleme wollten Sie mit den politischen Statements ansprechen, die Sie in Ihre Installation mixten?

Ich denke nicht, dass ich politische Aussagen untergemengt habe. Der Inhalt haftet den Gedichten an. Wenn ich Material einsetze, das sich direkt auf die Politik bezieht, verwende ich geheime Dokumente, die freigegeben wurden. Dass für das Guggenheim die Wahl auf Gedichte fiel, reflektiert meine Besorgnisse. Dazu zählt die Folter von Gefangenen, Obdachlosigkeit, Blutrünstigkeit, Terrorismus, wiederholter Schwachsinn und das gute, alte Pech im Leben.

Wie gefällt Ihnen das Internet als Medium?

Es war aufregend, relativ früh die Arbeit "Please Change Beliefs" (1995, http://adaweb.com/) im Internet zu machen, aber danach folgte nichts weiter. Was nicht der Fehler des Internets ist, ich bin ganz einfach zu alt. Dafür findet man inzwischen eine Anzahl von Bildern und Videos von mir, das ist wunderbar und einfach für mich.

Und was ist Ihr Lieblingsmedium?

Pudding.

Was brachte Sie dazu, die Straßen mit Ihren Sprüchen, den Truisms, zu pflastern, als Sie in den siebziger Jahren nach New York kamen.

Damals hatte ich eine Reihe von Truisms geschrieben, aber keine Ahnung was ich mit diesen Sätzen anfangen sollte. Schließlich druckte ich sie auf Straßenposter. Die Truisms hätten nur wenige Seiten in einem Buch gefüllt, das wäre also kein gutes Zuhause für sie gewesen. Ich war damals neugierig, ob die anonymen, widersprüchlichen Aussagen zu unterschiedlichsten Themen die Leute interessieren würden. Ich dachte, sie würden mehr Aufmerksamkeit erregen, wenn man sie niemandem zurechnen konnte und wenn die Leute sich vorstellen mussten, wer sie geschrieben hatte und warum.

Überrascht es Sie, dass viele Ihrer Slogans nach wie vor nicht an Brisanz verloren haben?

Ja. Es ist schmeichelhaft, bis ich daran erinnert werde, dass Menschen wieder und wieder dieselben Dinge tun und daher dieselben Sätze funktionieren.

In den neunziger Jahren waren Sie die erste Künstlerin, die ausgewählt wurde, die USA auf der Biennale von Venedig zu präsentieren. Sie gewannen den Goldenen Löwen. Ein großer Moment?

Ich fühlte mich geehrt, ausgewählt zu werden und zu gewinnen. Allerdings war die Freude nahezu abstrakt, denn die Arbeit hielt mich von meiner kleinen Tochter fern. Weil ich mich auf mich konzentrieren musste, litt meine Ehe. Ich war froh, dass eine Frau den Goldenen Löwen gewonnen hatte, aber litt darunter, dass ich Schmerz verursacht hatte und schließlich selbst empfand. In einer gerechten, gleichberechtigten Welt oder in einem anderen Universum hätte ich meine Familie glücklich gemacht und Groupies gehabt.

Sind Sie damit zufrieden, wie sich die Situation für Künstlerinnen verändert hat?

Es ist wundervoll, dass Frauen heutzutage so viel Erfolg haben. Aber ist es nicht erstaunlich und kriminell, dass es nach wie vor keine Gleichstellung in der Kunstwelt und in der Welt an sich gibt?

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