Santiago Sierra - Neue Werke

Hart an der Schmerzgrenze

Santiago Sierra ist bekannt für hochprovokative Aktionen, die auch mal über die Schmerzgrenze der Beteiligten hinaus gehen. Gern spannt er die Ärmsten der Armen dafür ein und sorgt damit immer wieder für Zündstoff in der Kunstwelt.

Das Schild am Eingang der Galerie ist eindeutig: "Zutritt untersagt für unordentliche und stinkende Menschen, Raucher, Alkoholiker, Drogensüchtige". Und die lange Liste von Unerwünschten endet mit "Witzbolde und Zyniker". Der größte Witzbold und Zyniker, so könnte man sagen, ist natürlich Santiago Sierra selbst. Für seine vorletzte Schau in Londons Lisson Gallery vor fünf Jahren war buchstäblich allen der Zutritt verwehrt – der spanische Künstler ließ die Galerie mit Wellblech verbarrikadieren!

Die jetzige Schau zeigt sieben zwischen 2005 und 2007 entstandene Arbeiten oder vielmehr in den meisten Fällen die Dokumentation und Aufzeichnung ortsspezifisicher Installationen. Hier fühlt man sich als Betrachter etwas geprellt, da man sich mit Fotos und Videos der eigentlichen Installationen zufriedengeben muss. Besonders schade ist das bei zwei von drei Arbeiten, die er als eine Art Triptychon in Caracas in Venezuela realisierte.

Lärm, Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit sind seine Themen. "Four Black Vehicles with the Engine Running inside an Art Gallery" (2007) war genau das, und die Abgase der Autos wurden über Plastikrohre nach außen geleitet. Hiervon zeigt er ein Video und die Rohre schlängeln sich durch die Galerie. Für "Concert for a Diesel Electric Plant" (2007) baute er eine Galerie zu einem verdunkelten Theater um, auf dessen Bühne er einen Dieselmotor für die Stromerzeugung platzierte. Lautsprecher verstärkten das Motorgeräusch. Auch hier wieder lediglich ein Video mit zwei Lautsprechern. Die dritte Arbeit, "Economical Study of the Skin of Caracans" (2006), ist eine Serie von 35 Schwarz-Weiss-Fotos von nackten Rücken mit verschiedenen Gradierungen von grau, schwarz und weiss, die die wirtschaftlichen Umstände der einzelnen Dargestellten im Verhältnis zu ihrer Hautfarbe deutlich machen.

Die sicher politischste Arbeit ist "1549 State Crimes" (2007), obwohl Serra nicht müde wird zu betonen, er sei kein politischer Aktivist, er mache lediglich Kunst. Am 22. Oktober 2007 ließ er in Mexico City 72 Stunden lang die Namen von 1549 Männern und Frauen sowie Ort und Datum ihres Verschwindens oder gar Todes verlesen. Sie alle wurden zwischen 1968 und 2007 Opfer staatlichen Terrors.

Seine jüngste Arbeit, die zum ersten Mal zu sehen ist, hat Sierra in der zweiten Galerie gegenüber aufgebaut, und hier treibt er die vorsätzliche Provokation auf die Spitze. "21 Anthropometric Modules made from Human Faeces by the People of Sulabh International, India" (2007) braucht, wie vieles von Sierra, zum Verständnis viele Worte. Die 21 wie Sofas aussehenden Gebilde stehen in Reihen in den Galerieräumen, überall liegen und stehen Teile der Kisten herum, in denen sie transportiert wurden. Die mausgrauen Rückenlehnen wurden aus drei Jahre altem menschlichen Kot unter Zusatz eines Bindemittels geformt, und zwar von Mitgliedern der indischen Kaste der Unberührbaren, die gegen magere Entlohnung per Hand Latrinen entleeren. Die Organisation Sulabh International versucht, das Los der "Aasgeier" – so werden sie im Land genannt – zu mildern, indem sie chemische Toiletten aufstellt.

Die Unberührbaren erhielten keinen Pfennig von Sierra für ihre stinkende künstlerische Arbeit. Er allerdings wird sie mit Hilfe seiner Galerie sicher für viel Geld verkaufen. Eine zum Himmel stinkende Ungerechtigkeit. Aber genau das will er wohl sagen: Künstler beuten die ohnehin schon Ausgebeuteten noch einmal aus.

Infos

Santiago Serra: Neue Arbeiten. Lisson Gallery, London, bis 19. Januar 2008

http://www.lissongallery.com/

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