Druckgrafik - Siemon & Ruckhäberle

ISBN-Nummer statt Edition

"Bilder fürs Volk" lautet die Parole, die sich die Macher des Leipziger Grafikverlags Lubok in den Druckstock geschnitzt haben. Tatsächlich bezieht sich der Titel der aufwändigen Originalgrafik-Bücher auf jene billigen Massendrucke, die im 19. Jahrhundert auf russischen Märkten vertrieben wurden, um einem Volk von Analphabeten ein Mindestmaß an Information zu gewähren. Zur künstlerischen Wiederbelebung dieser Idee fanden sich 2007 Christoph Ruckhäberle und Thomas Siemon zusammen.
ISBN-Nummer statt Edition:Thomas Siemon über den neuen Trend zur Druckgrafik

"Megabillig" von Gabriela Jolowicz zeigt 24 schwarz-weisse Holzschnitte

In der Hochdruckwerkstatt "Carpe Plumbum" auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei inszenieren Ruckhäberle und Siemon mit ihren Linolschnitt-Almanachen in hoher Auflage das grandiose Revival einer angestaubten Technik. Sie gewannen dafür eine beeindruckende Riege von Künstlern, mittlerweile nicht nur aus dem Umfeld der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, sondern auch aus einem internationalen Einzugsgebiet. Momentan erscheint das Linolschnittbuch "Chevalier" von Tal R. Und bis 1. Juni läuft im Leipziger Museum der Bildenden Künste eine dynamische Überblickausstellung der Linolschnitt-Bilderbücher. art sprach mit dem Verleger und Drucker Thomas Siemon über das Projekt Lubok.

Herr Siemon, wie sind Sie auf die Idee verfallen, ausgerechnet Linolschnittbücher herzustellen?

Thomas Siemon: Ich habe Christoph Ruckhäberle hier auf dem Gelände kennengelernt, ich hatte bereits für ihn gedruckt. Er war selbst sehr an der Technik des Linolschnitts interessiert. Dann wollten wir probieren, mit ein paar Leuten mehr ein Buch in hoher Auflage zu machen – so ist Lubok 1 entstanden, mit Künstlern wie Katharina Immekus, Oliver Kossack, Rosa Loy, Volker Pfüller und Christoph Ruckhäberle selbst. Das ist heute übrigens schon vergriffen. Es hat sich gut verkauft, alle hatten Spaß dran, und so hat sich die Idee verselbständigt.

Mittlerweile habe Sie sieben Lubok-Bücher und acht monografische Lubok Spezials gemacht. Wie organisieren Sie dieses Geschäft neben Ihrer eigenen Werkstatt "Carpe Plumbum"?

Seit Februar 2009 haben wir unsere Aktivitäten professionalisiert und betreiben jetzt den Lubok Verlag. Die Titel waren vorher als Edition aufgezogen, jetzt bekommen sie eine ISBN-Nummer.

Außerdem gibt es eine ansehnliche Webseite, wo man direkt über einen Webshop bestellen kann. Für maximal 70 Euro kann man die Titel nun erwerben und hat dabei den Eindruck, dass einem ein wirkliches Schnäppchen gelungen ist. Wer kauft eigentlich die Lubok-Bücher?

Das ist sehr unterschiedlich. Zum einen gibt es Sammler von bibliophilen Raritäten, die es toll finden, dass wir originalgrafisch drucken. Dann gibt es die Zielgruppe, die sich sonst überhaupt nicht für Kunst interessiert und mit Lubok einen Zugang findet. Wie etwa ein Freund von mir, der in einer IT-Firma arbeitet und mittlerweile ein echter Fan geworden ist. Er findet es ausgesprochen entspannend, in unseren Bilderbüchern zu blättern. Außerdem sprechen wir natürlich noch Kunstliebhaber an, die sich für bestimmte Einzelkünstler interessieren.

Dieser Tage bringen Sie als Lubok Spezial das Buch "Chevalier" auf den Markt, das der israelische Künstler Tal R. gestaltet hat. Wie kam es zu dieser illustren Kooperation?

Christoph Ruckhäberle hat ihn angesprochen, ob er an einem Lubok-Auftritt interessiert wäre. Und bald bekamen wir ein großes Paket mit 96 Linolplatten und einen Bogen mit Farbmustern. Es war sehr spannend, die Farbtöne, die er in Öl angegeben hatte, mit unserer Druckpalette nachzumischen. Wir haben acht Platten pro Bogen gedruckt, und jeder der zwölf Bögen hat eine andere Farbe.

Während die Lubok-Gruppenalben stets in Schwarzweiß gehalten sind, machen Sie bei den Einzelprojekten Ausnahmen. Das betrifft nicht nur Tal R., sondern auch das neue Buch von Volker Pfüller, Jahrgang 1939 und ehemals Professor an der Leipziger Hochschule.

"Tierlein" ist bereits das dritte Projekt, das wir mit Volker Pfüller machen. Wie der Titel sagt, ist es von unterschiedlichstem Getier bevölkert. Zwar ist mir jeweils das aktuelle Buch, das wir machen, am liebsten, aber "Tierlein" gehört zu meinen absoluten Favoriten. Hier haben wir sogar mit drei Farben gearbeitet. Das hat den Druckprozess sehr spannend gemacht, denn es wurde mit einer so genannten verlorenen Form geschnitten. Da kann man nichts wiederholen, weil der vorherige Zustand der Druckplatte nicht mehr existiert. Zum Glück ist alles gut gegangen.

Da jedes Lubok-Blatt eine Originalgrafik ist, fragt man sich natürlich, wie Sie bei einer Auflage von 500 bis 1000 Stück Ihre moderaten Preise halten können.

Das ist dem "Präsident" zu verdanken, unserer alten Schnellpresse, Baujahr 1958. Sie wurde von der Firma Albert-Frankenthal hergestellt, die auch noch größere Modelle namens "Senator" und "Konsul" produzierte. Mir reichte schon der "Präsident" mit seinen acht Tonnen, den wir in einer Hamburger Druckerei gekauft und dann mühsam in unsere Werkstatt bugsiert haben. Die Maschine kann auch Schrift in Bleisatz und Holzschnitt, wir verwenden sie aber meist für den Linolschnitt. Sie bedruckt 1000 Bögen pro Stunde, im Vergleich zu einer Andruckpresse mit 50 Bögen ist das schon erheblich. Damit können wir unsere Preise halten, ohne Selbstausbeutung zu betreiben und originalgrafische Bücher eben in hoher Auflage, statt wie üblich in 50 Exemplaren, herstellen.

Wie haben Sie selbst zu dieser Leidenschaft fürs künstlerisch Gedruckte gefunden?

Ursprünglich bin ich Buchhändler und wollte dann irgendwann nicht mehr nur Bücher verkaufen, sondern sie selbst machen. Von alter Drucktechnik war ich schon vor 20 Jahren begeistert, als ich durch Zufall mit Bleisatz in Berührung kam. Dann habe ich noch Grafikdesign gelernt und später an der Kunsthochschule in Kassel studiert, weil ich in Leipzig damals nicht angenommen wurde. Bereits 1997 habe ich mit Gleichgesinnten erste Setzregale in diese Werkstatt getragen, und es wurden immer mehr alte Maschinen. 2002 bin ich dann endgültig nach Leipzig gezogen, weil mich die Stadt fasziniert. Nach ein paar zähen Anfangsjahren klappt das hier mit meiner Nische sehr gut, besonders auch weil das Handwerk hier auf dem Gelände der Baumwollspinnerei große Aufmerksamkeit findet.

Wie gelingt es Ihnen und Christoph Ruckhäberle, immer wieder Künstler für den Linolschnitt zu begeistern; diese ungewöhnliche Technik, die man ja eher mit Qualen aus dem schulischen Kunstunterricht oder mit einer primitiven Ästhetik assoziiert?

Zunächst ist Linolschnitt praktischer als Holzschnitt, der mehr Zeit verlangt und Rücksicht auf verschiedene Formate und Holzarten. Beim Linolschnitt haben alle Platten die gleiche Größe, das Material ist einfacher zu bearbeiten. Für viele Lubok-Künstler war die Technik eine ziemliche Umstellung, zumal sie ja meist nur noch mit den Kontrasten von Schwarz und Weiß arbeiten können. Doch es ist erstaunlich, wie vielfältig damit umgegangen wird und welche Werkzeuge benutzt werden, um filigrane Nuancen herauszuholen. Im Lubok 5 hatten wir sogar einen ausgewiesenen Graffiti-Künstler namens SPAR, der das, was er sonst an Häuserwänden macht, als Linolschnitt ausprobierte.

Was sind die nächsten Pläne des Lubok-Verlags?

Der Verlag soll wachsen und gedeihen. Wir machen nach wie vor zwei reguläre Lubok-Ausgaben pro Jahr, und aktuell bereiten wir ein aufwändiges Spezial mit dem HGB-Absolventen Christoph Feist vor. Es soll im September herauskommen. Durch unsere Arbeit möchten wir der Druckgrafik allgemein einen Auftrieb geben, denn noch immer gibt es – auch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst – viele Stimmen, die das als etwas Veraltetes betrachten und nur auf neue Medien setzen. Wir wünschen uns einen positiven, zeitgemäßen Effekt für die Grafik.

"Lubok. Originalgrafische Bilderbücher"

Termin: bis 1. Juni, Museum der Bildenden Künste, Katharinenstr. 10, Leipzig
http://www.mdbk.de/start.php4

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