Turner-Preis 2010 - Tate Britain London

Keine leichte Entscheidung

Das Finale um den Turner-Preis beginnt: Die Künstler Dexter Dalwood, Angela de la Cruz, Susan Philipsz und die Otolith Group bespielen je einen Raum in Londons Tate Britain.
Keine leichte Entscheidung:Anwärter auf Turner-Preis zeigen ihre Kunst

Angela De La Cruz: "Ready to Wear", 1999, Öl auf Leinwand

Angela de la Cruz nennt ihre sonderbaren Gebilde "sich schlecht benehmende Gemälde". Sie hängen an der Wand oder liegen auf dem Boden, in Ecken gedrückt, übereinandergeschichtet. Sie bewegen sich in einer Art Niemandsland zwischen Gemälde und Skulptur.

Die meisten beginnen ihr Leben als monochrome Gemälde, die die aus Spanien gebürtige Künstlerin dann mehr oder minder gewalttätig manipuliert. Sie zerbricht oder zersägt den Spannrahmen, sie faltet und knittert die Leinwand. "Deflatet IX" (2010) ist ein knallgelbes Segel, ein fliegender Drachen, "Clutter I" (2003) liegt wie ein Haufen Decken auf dem Boden, man weiß nicht, was sich darunter verbirgt, und "Untitled (Hold No. 1)" (2005) ist ein an die Wand geschraubter schwarzer Metallspind, vor den die Künstlerin einen gleich großen selbstgebauten Kasten gehängt hat, beide die Ausmaße des eigenen Körpers. Figurative Kunst also ohne figurativ zu sein, Malerei ohne zweidimensionale Bilder, Skulptur aus Bildern. Statt traurig zu machen, heben diese verletzten, von einem erfrischenden Witz durchdrungenen Gebilde die Stimmung.
Dexter Dalwood malt Personen, Orte und Ereignisse, die jüngste Geschichte gemacht haben. Er malt jedoch nicht Realität, denn unser Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart setzt sich aus den unterschiedlichsten Erinnerungen und Standpunkten zusammen. Er malt Stimmungen, in die der Betrachter sich selbst mit einbringen kann. "Burroughs in Tangiers" (2005) zeigt Dalwoods Vorstellung des marokkanischen Arbeitszimmers des amerikanischen Autors, dessen schnipselhafte Schreibe der Collagetechnik des Malers entspricht. Versatzstücke aus einem frühen Werk von Robert Rauschenberg, das zeitgleich mit Burroughs’ Kultbuch "The Naked Lunch" entstand, stehen neben abstrakten Farbfeldern und von Matisse geborgtem exotischem Blattwerk – ein melancholisches Chaos, in dem man sich den Autor im Drogenrausch vorstellen kann.

Zahm und energielos

"Death of David Kelly" (2008) erinnert an den englischen Wissenschaftler, der sich im Zuge der Untersuchungen der Rechtmäßigkeit des Irak-Invasion das Leben nahm. Eine desolate Szene: ein einzelner Baum, ein Hügel, der Mond und das überwältigende Blau des Himmels - der einsame Freitod eines Mannes, der dem überwältigenden Druck von aussen nicht mehr standzuhalten vermochte. Und auch die jüngste Arbeit "White Flag" (2010) ist desolat: die Juden und Araber trennende Mauer im Westjordanland, davor auf dem zersplitterten Betonboden eine Wasserpfeife und eine Schale mit Oliven, dahinter, wie eine Fata Morgana, das Dach eines Hauses und die Spitze einer Palme.Verglichen mit Dalwoods emotionaler Wucht und de la Cruz schmunzelnden Gewaltakten verblassen die Arbeiten der beiden anderen nominierten Künstler, wirken zahm und energielos. Das Duo The Otolith Group (Kodwo Eshun und Anjalika Sagar) macht, im Gefolge des französischen Dokumentaristen Chris Marker, politische Filme, deren spröder Intellektualismus schwer zu ertragen ist. Ihre Installation für die Schau besteht aus 13 Fernsehmonitoren, auf denen Ausschnitte aus den 13 Folgen von Markers Fernsehdokumentation über den Einfluss des Hellenismus von 1989 laufen, aus einer Leinwand, auf die ihr eigener Film "Otolith III" (2009) projiziert wird, die imaginäre Verfilmung eines Science-Fiction-Drehbuchs des indischen Regisseurs Sayyajit Ray, und in der Mitte des Raums ein runder Konferenztisch, an dem vier Round-Table-Gespräche durchgeführt werden sollen.
"Lowlands" (2008/10) der schottischen Soundkünstlerin Susan Philipsz bewegt sich haarscharf an der Grenze zur Sentimentalität. Aus drei Lautsprechern tönt ihre Stimme mit drei Versionen des gleichnamigen schottischen Volkslieds über ein junges Mädchen, deren toter Geliebter ihr als Geist erscheint und ihr die Unmöglichkeit vor Augen hält, ihn jemals wirklich wiederzusehen. Die minutiösen musikalischen Zeitverschiebungen schichten sich nach und nach zu einem Klangraum auf, der für den Zuhörer ein neues Raumverständnis erzeugt. Interessant, aber es trieft Honig.
Vier Künstler, vier Strategien, heute Kunst zu machen. Die Jury des Turner-Preises wird es nicht leicht haben, sich zwischen den beiden Favoriten de la Cruz und Dalwood zu entscheiden. Aber vielleicht sorgt sie, wie schon so oft, für eine Überraschung und wählt einen der beiden Außenseiter.

Turner-Preis 2010

Tate Britain London, 5. Oktober bis 3. Januar 2011

http://www.tate.org.uk/