Andy Warhol - Kassel

Neue Warhol-Fotos aufgetaucht

Im Februar 1971 war Andy Warhol in Deutschland, um seinen Film "Trash" zu promoten. Kurz danach kaufte der deutsche Textilkaufmann und Warhol-Sammler Helmut Anton Krätz 61 fantastische Schwarzweißbilder von Fotograf Leo Weisse, der Warhol und seine Entourage auf der ganzen Reise begleitet hatte. In Kassel zeigt nun Sammlersohn und Galerist Simon Krätz die Serie, die mehr als 40 Jahre nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war.

Kunsthistoriker Christian Finger recherchierte für den Ausstellungskatalog die Hintergründe der Reise. Lesen Sie hier eine von uns gekürzte Version seines Texts.

Im Februar 1971 bereiste Andy Warhol zusammen mit einigen Mitarbeitern seiner Factory Westdeutschland. Aus London kommend, wo er die eigene Wanderretrospektive in der Tate Gallery besuchte, war München die erste Station seiner Deutschlandreise. Hier wurde am 18. Februar die neueste Filmproduktion der Factory – "Trash" – im Luitpold-Theater uraufgeführt. Schon die Ankunft am Flughafen München-Riem wurde von Leo Weisse, der bei "Constantin Film" vor allem als Standfotograf arbeitete, festgehalten. Leo Weisse arbeitete in diesem Rahmen mehrmals mit Rainer Werner Fassbinder zusammen und spielte 1978 sogar in dem Film "Die Ehe der Maria Braun" eine Nebenrolle.


Der Vorgängerfilm "Flesh" zog in der Bundesrepublik etwa drei Millionen Zuschauer in die Kinos und brachte der Filmgesellschaft und Warhol, der seit einiger Zeit nur noch als Produzent der Filme in Erscheinung trat, beträchtlichen kommerziellen Erfolg ein. So entwickelte sich auch "Trash" zum Kassenschlager und wurde hinter "Easy Rider" zweiterfolgreichster Film des Jahres. Der Hauptdarsteller Joe Dallasandro, der an der Seite von Jane Forth einen drogenabhängigen Kleinkriminellen spielt, wurde von der "Münchner Abendzeitung" zum besten Darsteller des Jahres gekürt. Paul Morrissey, verantwortlich für Drehbuch, Kamera und Regie, wurde für den besten Film des Jahres ausgezeichnet.


Nach dem ersten Münchenaufenthalt fuhr die Gruppe nach Darmstadt, wo sie die Sammlung Ströher besuchte, die bis Anfang der achtziger Jahre im Hessischen Landesmuseum untergebracht war und damals die umfangreichste Kollektion zur amerikanischen Popart in Deutschland war. Allein von Warhol befanden sich 36 Werke in der Sammlung.
Die Weisse-Fotos zeigen Warhol versunken vor Stephan Lochners "Darbietung im Tempel" (1447) und vor der "Thronenden Mutter Gottes" eines unbekannten Künstlers (etwa 1325/50). Sechs Stunden verbrachte er im Hessischen Landesmuseum. Ein Werk des italienischen Malers Domenico Zampieri (1581-1641) begeisterte ihn so sehr, dass er es kaufen wollte. Ein ehemaliger Museumsfotograf erinnert sich noch heute: "Der Preis war egal. Er konnte nicht verstehen, dass er dieses Bild nicht haben konnte."
Der Besuch des Museums in Darmstadt hatte nichts mit der Promotion von "Trash" zu tun, sondern war der versammelten Elite von Sammlern und Galeristen geschuldet, die Warhols Erfolg in Deutschland möglich gemacht hatten – darunter auch Helmut Anton Krätz, der Warhol und seine Begleiter vom Frankfurter Flughafen abgeholt und in seinem Privatauto zum Museum gefahren hatte. Dort wurde Krätz auf den Fotografen Weisse aufmerksam, den er nach dem Ende von Warhols Deutschlandreise um die Fotos bitten wird.


Auf der nächsten Reiseetappe – Westberlin – sieht man Warhol mit seiner Entourage lässig über den Kurfürstendamm flanieren, im Hintergrund die Gedächtniskirche. Von Berlin ging es zurück nach München, von wo die Gruppe einen Tagesausflug zum Schloss Neuschwanstein unternahm. Der auf sakrale Wirkung ausgerichtete Prunkraum beeindruckte Warhol besonders. In der nördlichen Apsis, an der Stelle, wo der Thron Ludwigs II. stehen sollte, der nach dem Tod des Königs unausgeführt blieb, ließ sich Warhol auf der obersten Stufe fotografieren, während sich Morrissey und Forth auf den Stufen zu seinen Füßen positionierten.


In ihrer Gesamtheit oszillieren die Fotografien Leo Weisses zwischen Schnappschuss und gezielter Inszenierung. Als Standfotograf einer Filmgesellschaft war es Weisse nicht fremd, vorbereite Szenarien zu konservieren. Nach Aussage der Witwe von Leo Weisse, Eva-Drosera Weisse, existiert kein persönliches Archiv beziehungsweise Nachlass ihres Mannes. Sie gab nun die Zustimmung, die Fotos anlässlich der documenta 13 zu veröffentlichen. Bis zum 15. September sind sie in der Galerie Simon Krätz zu sehen.

Andy Warhol

Galerie Simon Krätz - Kassel

Andy Warhol in Deutschland (1971) - Fotografien von Leo Weisse


Die Ausstellung ist vom 20. Juli - 15. September 2012 zu sehen.
http://www.galerie-kraetz.de/
contemporary.prints@galerie-kraetz.de

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