Schwerfel On Tour - Reisetagebuch Asien

Schwerfel On Tour: Gwangju-Biennale

Von Gwangju bis Yokohama – innerhalb von zwei Wochen finden in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan sieben Biennalen und Triennalen statt. Unser Korrespondent Heinz Peter Schwerfel ist vor Ort – und berichtet exklusiv für art aus den asiatischen Kunstmetropolen. Teil 1: die Gwangju-Biennale in Südkorea. Und in den nächsten Tagen folgen: Busan-Biennale, Shanghai-Biennale, Messe Shanghai-Contemporary und Yokohama-Triennale.
Eine Rundreise durch Asiens Biennalen:Teil Eins: Gwangju-Biennale in Südkorea

Vorplatz der Biennale – in Gwangju gibt es eine Art "Best Of" spektakulärer Einzelschaus der letzten anderthalb Jahre zu sehen

Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert Asiens. Behaupten unisono Wirtschaftskapitäne, Finanzjongleure, Realpolitiker und der zeitgenössische Kunstbetrieb, der sich im Fahrwasser von Industrie und Handel von Jahr zu Jahr intensiver um globale Strategien bemüht, um fernöstliche Kunst ein- und westliche Werke auszuführen.

Seit der Biennale von Venedig 1999 sind chinesische Künstler auf allen großen westlichen Ausstellungen und Kunstmessen präsent, während seit vier bis fünf Jahren umgekehrt Galerien aus Europa und den Vereinigten Staaten verstärkt auf den schnell wachsenden Wohlstand chinesischer, indischer und arabischer Neureicher schielen.

Während große Museumsmultis wie Louvre, Guggenheim oder die Preußen-Stiftung vor allem lukrative Verträge mit den Emiraten suchen, setzt der Kunsthandel nach dem rezessionsbedingten Erlahmen der japanischen Kaufkraft auf neue Märkte in Shanghai, Seoul oder Taiwan und auf die längst wie geschmiert funktionierenden Insider-Treffpunkte im Netzwerk des internationalen Kunstbetriebs: die Biennalen. Denn die Flut der im Gefolge von Venedig, São Paulo und Sydney seit Jahren weltweit von Johannisburg und Berlin bis Istanbul und Moskau aus dem Boden schießenden Wechselausstellungen in potenten Großstädten hat längst auch den Fernen Osten erreicht, der in diesem Herbst zum ersten Mal seine künstlerischen Aktivitäten bündelt und die internationale Kunstszene innerhalb von nicht einmal zwei Wochen auf insgesamt sieben Biennalen und Triennalen in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan einlädt.

Traditionell gekleidete Zeremonienmeister segnen einen Schweinekopf

Den Anfang machte am 4. September die südkoreanische Stadt Gwangju, eine knappe Flugstunde südlich von Seoul gelegen, eine florierende Provinzhauptstadt von eineinhalb Millionen Einwohnern mit breiten Schnellstraßen und properen Fußgängerzonen, die bereits seit 1995 internationale Kuratorenstars von Harald Szeemann bis Kathy Halbreich oder Jean de Loisy einlädt, in der eigens dafür gebauten Biennale-Halle sowie mehreren Museen Künstler aus aller Welt zu präsentieren. Wie bei fast allen Biennalen soll auch hier das Lokale durch den Dialog mit dem Globalen informert und aufgewertet, ein kultureller Know-How-Austausch im besten, Kunsttourismus im schlechtesten Fall.

Die Gwangju-Biennale ist mit jeweils rund einer Million zahlenden Besuchern fest im Selbstbewusstsein von Politikern und Bewohnern verankert. Sie begann in diesem Jahr folgerichtig mit einer Dankeszeremonie der örtlichen Bevölkerung. Auf dem legendären und vom Abriss bedrohten Fressmarkt Daein, in dessen überdachten Alleen an Dutzenden kleiner Stände lebende Seebarsche, Rochen, Hummer und Seewürmer gekauft und gekocht werden, veranstalteten die Standbesitzer am Vorabend der Eröffnung ein Konzert mit einer Art Gwangju Big Band und diversen Sängern, darunter einer lokalen Mischung aus Bob Dylan und Frank Sinatra, der mit Hut und Jeans zur Gitarre "My Way" schmetterte – im wahrsten Sinne des Wortes –, während der diesjährige Biennale-Leiter Okwui Enwezor zusammen mit traditionnel gekleideten Zeremonienmeistern einen Schweinekopf zum Wohle seiner Veranstaltung segnete. Dann wurden koreanische Fisch- und Gemüsehäppchen serviert als folkloristischer Auftakt für eine regionale Ausstellung mit universellem Anliegen: die kritische Auseinandersetzung der zeitgenössischen Kunst mit Politik und Globalisierung.

Menschenrechte und kulturelle Freiheit sind in Gwangju, wo 1980 ein legendärer – und vergeblicher – Aufstand gegen das damalige Militärregime stattfand, wichtige Themen, und so war es nur logisch, das mit dem in Nigeria geborenen, aber schon lange in Chicago lebenden Okwui Enwezor ein künstlerischer Leiter berufen wurde, dessen Documenta von 2002 im Zeichen des Gleichgewichts von politisch-dokumentierender und formal experimentierender Kunst gestanden hatte. Enwezor ist kein Freund von Themenausstellungen – er setzt gern auf eine publikumsfreundliche Mischung von Sinnlichkeit und Theorie in postkolonialem Kontext.

Wie bei seiner Documenta lud Enwezor viele Videokünstler ein

Relativ spät mit der 7. Biennale von Gwangju beauftragt, ging Enwezor auf Nummer Sicher und organisierte unter dem Titel "Annual Report" eine Art "Best Of" spektakulärer Einzelschaus der letzten anderthalb Jahre. Zumeist handelt es sich um wichtige Galerienausstellungen arrivierter Künstler mit aktuell wichtigen Positionen, vom in Mexiko lebenden Belgier Francis Alÿs über den in New York ansässigen Deutschen Hans Haacke; aber es gibt auch unbekannte Künstler und übersehene Präsentationen vom Rande großer internationalen Ausstellungen, etwa der letzten Biennale von Venedig.

Meist wird versucht, ortsbezogene Installationen nachzubauen. Etwa Haackes auch ältere Werke aufgreifende Schau in der New Yorker Galerie von Paula Cooper oder Thomas Demands in Venedig gezeigte Serie "Yellowcake", wie üblich als Modell nachgebaute und wieder abfotografierte Ansichten der nigerianischen Botschaft in Rom. Oder einen Raum mit Skulpturen und Gemälden rings um zwei gefundene Schwarzweißfotografien von Frauen mit Regenschirm, "Stella Umbrellas" genannt, des Kölners Lothar Hempel. Oder die comicstriphafte Mixed-Media-Installation urbaner Nachbarschaft "Rhythm Master" des Afroamerikaners Kerry James Marshall.

Wie auf seiner Documenta lud Enwezor zahlreiche filmende Künstler ein. Besonders eindrucksvoll Steve McQueens "Gravesend" über das Schürfen des für Plasmabildschirme genutzten, raren Metalls Tantalum in einer Mine im Kongo, erstmals gezeigt in Chicagos Renaissance Society. Oder Isaac Juliens Rauminstallation auf fünf Leinwänden "Western Union: Small Boats", eine verschlüsselte Betrachtung zu Migration und Nord-Süd-Gefälle, als Premiere in London in der Galerie von Victoria Miro zu sehen.

Perfekte Geschichtsstunde für Kunststudenten

Migration und Nord-Süd-Gefälle sind zwei Themen, die sich wie Leitmotive durch die an vier Spielorten stattfindende Ausstellung ziehen. Künstler aus ehemaligen Kolonialgebieten wie Afrika und Indien sind besonders stark vertreten, Malerei kommt kaum vor, Fotografie vor allem mit dokumentarisch-investigativem Hintergrund, etwa beim Koreaner Area Park und seinen Reportagen aus dem geteilten Korea oder der Amerikanerin Taryn Simon, deren verführerisch gefällige Großformate in die verborgenen Hinterhöfe zeitgenössischer amerikanischer Zivilisation führen. Nicht so richtig ins Gesamtbild passen dagegen eine vom New Yorker Whitney übernommene, allzu brave und kleinteilige Retro-Installation des früh verstorbenen Kultkünstlers Gordon Matta-Clark, sowie mehrere kopflastige, von Gastkuratoren verantwortete kleine Gruppenausstellungen namens "Position Papers", sprich Manifeste.

Fazit: Mit einem Nachbau der Hits des vergangenen Kunstjahrs kann man nicht viel falsch machen. Die 7. Gwangju-Biennale mit ihren 127 geladenen – und anwesenden – Künstlern ist eine vorzüglich gehängte Großausstellung, eine perfekte Geschichtsstunde für Kunststudenten über vor allem westliche Highlights der aktuellen Kunst. Ob die Bewohner Gwangjuns mit der geziegten Kunst oder dem im Biennale-Kino gezeigten vollständigen "Berlin Alexanderplatz" von Rainer Werner Fassbinder etwas anfangen können, bleibt allerdings fraglich. Von einem wirklichen Dialog zwischen Lokal und Global kann in diesem Jahr in Gwangju jedenfalls kaum die Rede sein.

"Gwangju-Biennale"

Termin: bis 9. November, Gwangju, Südkorea.
http://www.gwangju-biennale.org/