WIR 2 - Leipzig

Freiheit in Einzelteilen

Die Ausstellung "Wir 2" feiert im Leipziger Klinger-Forum das Wir-Gefühl der Friedlichen Revolution. Gegenwärtig wird die Rückschau eher unfreiwillig: Auch ihr kam der innere Zusammenhang abhanden.

Es ist eine skurrile, völlig aus der Zeit gefallene Situation: Mit leiser Stimme unterhalten sich zwei Männer in einem unwirtlichen Hotelzimmer. Der eine, Erik Michalak, will nur noch weg aus der DDR. Er hat 1985 einen Fluchtversuch gewagt und saß dafür 13 Monate im Gefängnis: "Mir reicht das hier nicht mehr, ich will mehr. Ich will die ganze Welt haben, nicht nur die drei, vier Meter hier."

Der andere, sein Zimmergenosse Steffen Birnbaum, ist Schriftsteller, er will in der DDR bleiben: "Ich weiß nicht, ob ich den Menschen drüben etwas sagen kann – wenn ich hier veröffentliche, erreiche ich 40 000 Menschen." Die Zensur in Ostdeutschland nimmt er dafür in Kauf. Das Gespräch zwischen den Männern ist Teil eines Films von Christian Jankowski, gedreht im Jahr 2000 als inszenierter Rückblick in die Zeit vor dem Mauerfall.

Momentan ist diese selten gezeigte Arbeit namens "Haus des Ostens" Teil der Ausstellung "WIR 2" im Klinger Forum in Leipzig. Neun Künstler umkreisen hier das 25. Jubiläum der Friedlichen Revolution und den Mythos eines Wir-Gefühls, der besonders in Leipzig als Keimzelle der Umbrüche von 1989 gerne heraufbeschworen wird. Als richtungweisender Untertitel dient ein griffiges Hannah-Arendt-Zitat: "Der Sinn von Politik ist Freiheit."

Für die ostdeutschen Akteure von damals war der Freiheitsbegriff eine klar definierte Größe: Reisefreiheit, Pressefreiheit, Konsumfreiheit. Heute hat das sich längst in eine schwammige Angelegenheit verwandelt. Ähnlich unpräzise erscheint auch die Auswahl der künstlerischen Beiträge in "WIR 2". Das mag Programm sein. Doch Besuchern, die hier in Leipzig einen reflektierten Geschichtsrückblick via Kunst erwarten, wird ein Höchstmaß an Assoziationsvermögen abverlangt. Das beginnt bei Björn Melhus' Video "I'm not the Enemy" (2011), wo ein Rollenspiel die Kleinbürgeridylle des amerikanischen Mittelwestens in einen deutschen Plattenbau verlegt. Ein heimgekehrter Kriegsheld kämpft mit seiner Belastungsstörung und mit der Entfremdung von seiner hilflosen Familie. So bedrückend dieses Szenario auch sein mag, es fällt schwer, Bezüge zum Kernthema der Ausstellung zu finden.

Über den deutsch-deutschen Tellerrand blicken auch einige Gemälde des Italieners Paolo Maggis. Hier transportieren Bilder des Eingesperrtseins an der mexikanischen Grenze eher universelle Freiheitssehnsüchte. Zweifellos gute Malerei, die aber im Kontext der angestrebten Wir-Frage seltsam isoliert bleibt.

Immer wieder scheint es, als hätte Kuratorin Esther Niebel Sorge, die Auswahl könne allzu illustrativ geraten. Dabei wird die Schau nur dort wirklich stark, wenn sie tatsächlich etwas plakativ daherkommt. Wie etwa mit Olaf Nicolais Porträtzyklus "Blondes" (2003/2005), in der 42 frisch blond gefärbte Friseurkunden direkt ins Objektiv blicken. Ihre Uniformität ist aus dem Wunsch zur Individualität geboren. Optisch aber werden sie zu einer kollektiven Masse; ein Wir, das völlig unideologischen Leitbildern folgt. Ein kluger Brückenschlag von den ästhetisch gleichgeschalteten "Blondes" hin zu den Illusionen von persönlicher Freiheit, die so viele der Demonstranten 1989 auf die Straßen der DDR trieb.

Ostalgie für Westtouristen

Im gleichen Raum wird nun Christian Jankowskis "Haus des Ostens" projiziert. Das passt gut, denn auch hier geht es noch einmal um letztlich individuelle Sehnsüchte und Motive, die den ostdeutschen Herbst seine Energie gaben. Als Jankowski im Jahr 2000 zu einer Gruppenausstellung in Leipzig eingeladen wurde, erklärte er noch etwas verwirrt: "Ich war überrascht von der Schönheit Leipzigs und habe auch festgestellt, dass es eine große Herausforderung ist, hier als Wessi anzukommen und etwas Sinnvolles zu machen." Beherzt stürzte sich Jankowski – immerhin schon über zehn Jahre nach der Wende – auf die Klischees der Heldenstadt, auf die Akteure des Umbruchs und DDR-Stereotype. Er versammelte Leipziger aus der Oppositionsbewegung und verlud sie in einen Reisebus. Ziel der Ausfahrt: das Hotel "Sittavia" in Zittau, auch als "Haus des Ostens" bekannt. Dort führte ein findiger Hotelier die "kleinste DDR der Welt" auf: mit Grenzposten, Passkontrolle, Zwangsumtausch und schäbigen Zimmern. Diese eigenartige Spielart von Ostalgie richtete sich offenbar an Westtouristen, die ihre Chance vor 1989 verpasst hatten.

Mit diversen Stasi-Opfern und Systemkritikern, die offenbar nicht so richtig wussten, wie ihnen geschah, organisierte Jankowski nun eine Reise in die Vergangenheit. Herausgekommen ist eine unbeholfene und deshalb fast rührende Rückblende in Schwarzweiß. Der Film ist untypisch für Christian Jankowski: zwar gewohnt voyeuristisch, aber von einer Eigendynamik, die den Urheber völlig vergessen macht. Als Laiendarsteller ihrer eigenen Geschichte absolvieren die Protagonisten hölzern wirkende Dialoge in der Zittauer DDR-Kulisse. Einer bereitet seine Flucht vor, ein anderer berichtet von einem Stasi-Verhör, eine Frau erinnert sich an Polizeimisshandlungen während einer Montagsdemonstration. Das Ganze wirkt ein wenig wie eine Gruppentherapie mit unklarem Ausgang. Das ungreifbare "Wir" der Friedlichen Revolution ist zehn Jahre später schon wieder in seine Einzelteile zerfallen. Wenn die Darsteller das "Haus des Ostens" verlassen, finden sie sich genau in jener Gesellschaftsordnung wieder, für die sie einst gekämpft haben. Es ist auch eine Welt jenseits von Kollektivgeist und Freiheitsverklärung; eine Welt, in der das "Wir" sich gerade neu erfindet. Jankowskis "Haus des Ostens" ist eine (Wieder-)Entdeckung, die sich lohnt. Denn der kurze Film allein enthält im Grunde alles, was uns "WIR 2" mit allen anderen versammelten Kunstwerken nahezubringen versucht.

WIR 2. Der Sinn von Politik ist Freiheit"

Termin: bis zum 21. Dezember im Klinger Forum in Leipzig
http://www.klingerforum.de/ausstellungen/wir-2-der-sinn-von-politik-ist-freiheit