Radar - Nicole Fritz

Nicole Fritz über Raed Bawayah

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Nicole Fritz, Kunsthistorikerin, Dozentin und Kuratorin aus Stuttgart, über den palästinensischen Künstler Raed Bawayah.
Radar: Raed Bawayah:Nicole Fritz über ihren aktuellen Lieblingskünstler

Raed Bawayah: Aus der Serie "Right turn", 2007, Palästina, 100 x 100 cm, C-Print

Das erste Mal begegnete ich den Fotografien von Raed Bawayah (geb. 1971 in Qatana/Palästina) im letzten Jahr in einer Ausstellung der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Auf einem der dort ausgestellten Porträts war eine kleinwüchsige Frau, der ich als Passantin in der Stuttgart Innenstadt im realen Leben schon des öfteren begegnet war, zu sehen.

Doch diesmal ging mein Blick nicht von oben nach unten, um sich dann ganz schnell wieder von dem auf dem Boden kauernden, bettelnden Menschen abzuwenden. Ich begegnete ihr auf gleicher Augenhöhe von den gezeichneten Armen eines anderen Menschen gerahmt, in sich gekehrt, in die Ferne blickend. Raed Bawayah war ihr mit Respekt begegnet und hatte sie für einen Moment in eine Aura menschlicher Wärme gehüllt zurück in den Mittelpunkt der Gesellschaft gestellt.

Die Art und Weise wie es Raed Bawayah mittels seiner Fotografie gelang, den Menschen die Würde und Aufmerksamkeit wiederzugeben, die ihnen genommen worden war, hat mich zutiefst berührt. Raed Bawayah entwickelt seine künstlerischen Projekte aus einer unmittelbaren Betroffenheit heraus und findet seine Motive und Themen in einem "offenen Prozess", bei dem er seine eigene Lebenszeit in die Waagschale wirft und sich emotional auf die Menschen einlässt, auf die er trifft. In dem Projekt "Deadline" (2004) suchte er beispielsweise die Insassen einer psychiatrischen Klinik in Bethlehem über ein ganzes Jahr hinweg immer wieder auf und wurde dafür im wahrsten Sinne mit "Innenansichten" der dort lebenden Menschen beschenkt.

Wie sein Vorbild Diane Arbus widmet sich Raed Bawayah, der 2004 ein Stipendium an der Cité Internationales des Arts in Paris erhielt und seitdem dort lebt, den Unterprivilegierten. So dokumentierte er in Paris die Lebenswelt der Sinti und Roma ("Gypsies in Paris", 2005), in Rumänien betätigte er sich als Chronist der überalterten bäuerlichen Bevölkerung ("Sun-Color", 2007) und in Palästina hielt er mit seiner Kamera die harten Arbeitsbedingungen von Kohlearbeitern ("Happy New Year", 2007) sowie der palästinensischen Polizei fest, die seit längerem einen Prozess der Radikalisierung durchläuft ("Right Turn", 2007). Raed Bawayah ist ein "liebevoller Widerstandskämpfer", der die Schattenseiten seiner Umgebung ausleuchtet, ohne Mitleid erregen zu wollen.

"Säen und Jäten. Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst".

Nächste Ausstellung von Nicole Fritz: 27. Juni 2009 bis 04. Oktober 2009, Städtische Galerie, Ravensburg
http://www.ravensburg.de/

Mehr zum Thema im Internet