10 Jahre 11. September - Berlin/New York

Asche zu Asche, Staub zu Kunst

Die künstlerische Auseinandersetzung mit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist eine Gradwanderung. Zu viele Fallen bietet der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Dennoch wagen sich einige Künstler an das Motiv 9/11 - eine Reihe von Ausstellungen in Deutschland und den USA präsentieren die Ergebnisse. art gibt einen Einblick in die wichtigsten Schauen.
Zeige deine Angst:Ausstellungen zum Jahrestag von 9/11

Thomas Hoepker: "Blick von Williamsburg auf Manhattan.Brooklyn.11. September 2001"

Ein Flugzeug und zwei Türme – ein einfaches Schema genügt, um die Anschläge des 11. Septembers im Kopf aufzurufen. Die Prägnanz der katastrophalen Anschläge von 9/11 ist kaum zu überbieten und inspirierte bereits Künstler wie Gerhard Richter, Robert Longo oder Ryan McGinley, sich damit auf höchst unterschiedliche Weise auseinanderzusetzen.

Ihre Ausdrucksformen reichen von purer Dokumentation bis hin zur Abstraktion. Zum Jahrestag der Anschläge auf das New Yorker World Trade Center eröffnen in diesem Monat eine Reihe von Ausstellungen, die sich der historischen Katastrophe widmen. Der Stoff birgt viele Fallen, droht in eine Auseinandersetzung mit den Themen von Terror, Leid und imperialer Macht in viele Richtungen abzurutschen und zu kitschig oder zu patriotisch-amerikanisch zu werden. Das bloße Zurschaustellen persönlicher Gegenstände und Fotos ist noch keine Auseinandersetzung. Als reine Dokumentation ist daher unter anderem die Ausstellung "Remember, Reflect and Renew" der New York Historical Society zu betrachten, die eben das zeigt. Hingegen sind in den nächsten Wochen auch einige reflexivere Annäherungen an das historische Datum zu erleben, die sich im weitesten Sinne mit den Terroranschlägen vor zehn Jahren, seinen Folgen für die Nachwelt und ihrer ästhetischen Verarbeitung auseinandersetzen.

"Show you are not afraid" – "Zeig, dass Du keine Angst hast", leuchtet es einem auf der Website des Berliner Fotoforums C/O entgegen. Ein Zitat des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani. Tatsächlich heißt die Ausstellung "Unheimlich vertraut." Gezeigt werden Aufnahmen von Terroranschlägen aus verschiedenen Jahrzehnten. Sie alle eint ihre unmittelbare Eindrücklichkeit, ihr drastischer Assoziationswert und ihre weitläufige Verbreitung. Den historischen Ausgangspunkt bilden die Terroranschläge bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München, die den Beginn der präzisen audiovisuellen Dokumentation von politisch oder religiös motivierten Attentaten in der Welt markieren. Gezeigt werden unter anderem Fotografien von Thomas Hoepker, Dennis Adams, Michal Kosakowski, Coco Kühn und Thomas Ruff.

Die Ausstellung "Unheimlich vertraut" ist vom 10. September bis zum 4. Oktober im C/O Berlin zu sehen.

Eine gegenwärtige Perspektive auf das Motiv Terror bietet die Ausstellung "Zeitenwende" im ARD-Hauptstadtstudio. "In welcher Welt leben wir heute und wie wollen wir zukünftig leben?" lauten die zentralen Fragen. Zwar stehen auch hier die omnipräsent-abwesenden Twin Towers im Vordergrund, doch weisen die Arbeiten der von Martin Bayer kuratierten Schau stets Bezüge zum aktuellen politischen Umgang mit einer neuen Art von Kriegsführung auf. So setzen sich einige Künstler, wie Jo Röttger und Till Ansgar Baumhauer mit den vermeintlichen Ursprüngen des Terrors in Afghanistan auseinander, während andere sich auf die Konsequenzen des Anschlags für die Nachwelt konzentrieren. Ein Videoloop von Jens Kloppmann zeigt George W. Bushs Rückkehr ins Weiße Haus vor seiner Rede am Abend des 11. Septembers und führt so den Ausnahmezustand einer Nation und ihres Repräsentanten vor Augen.

Die Ausstellung "Zeitenwende" im ARD-Hauptstadtstudio ist vom 02. September bis zum 27. Oktober im ARD Hauptstadtstudio zu sehen.

In Anlehnung an das medial ausgebeutete Bildsujet des "11.September 2001" wird in der Ausstellung "Seeing is believing" im KW Institute for Contemporary Art in Berlin der Wahrheitsgehalt von Medienbildern in Frage gestellt. Paul Chan, Kenneth Anger, Kahaled Hourani und andere kontrastieren die Medien-Dokumente mit eigenen Perspektiven, die über das Motiv der einstürzenden Zwillinge hinausreichen. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts steht weniger die Aufarbeitung des Ereignisses als vielmehr seine weitläufigen Ursachen und Folgen im Hinblick auf Manipulationen aller Art. So kombiniert der Amerikaner Kenneth Anger in seinem Video „Uniform Attraction“ militärische Aufmärsche mit "Patriotischen Bleistiften" aus den USA.

Die Ausstellung "Seeing is believing" ist vom 11. September bis zum 13.November im KW Institute for Contemporary Arts in Berlin zu sehen

Das Horrorszenario von 9/11 als audiovisuelles Deja-Vu-Erlebnis zeigt die Ausstellung "Just Like the Movies" von Michal Kosakowski im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden. Mit Sequenzen aus 52 Hollywood-Filmen rekonstruiert der Künstler den Ablauf der Anschläge und fügt sie zu einer Assemblage des Terrors zusammen, die von musikalischer Stummfilmmusik hinterlegt wird. Mit einem einzigen Exponat konzentriert sich in dieser Ausstellung alles auf die Antizipation der Katastrophe.

Die Ausstellung "Just Like the Movies" ist vom 10. September bis zum 23.Oktober im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden zu sehen

In New York selbst erinnert erwartungsgemäß eine eine Vielzahl von Ausstellungen, zum Teil auch im öffentlichen Raum an den Tag im Herbst. Oftmals stehen der zeitliche Ablauf und seine fotografische Dokumentation im Vordergrund. Andere konzentrieren sich auf die Verwertung aufbewahrter "Anschlagssouvenirs" oder Relikte von Opfern. Der chinesische Künstlers Xu Bing überzieht den Boden eines Ausstellungsraums im "Spinning Wheel"-Gebäude in Lower Manhattan in seiner Rauminstallation mit dem Titel "Where Does the Dust Itself Collect?" mit einer kompakten Staubschicht, in die er ein buddhistisches Gedicht "graviert". Das Material dafür hat er nach 9/11 auf den Straßen Manhattans gesammelt.

Die vielleicht umfassendste Schau zum Jahrestag des Terrors bietet das PS1 in New York. Über 70 Werke von 41 Künstlern werden ausgestellt. Dokumentar-fotografische Aufnahmen der Anschläge komplettieren das heterogene Zusammenspiel von Kunst zu 9/11. Neben einer Bronzeskulptur von George Segal und einer monochromne Videoinstallation von Mary Lucier sind unter anderem Arbeiten von William Eggleston, John Chamberlain und Yoko Ono zu sehen.

Die Opfer des Flugzeugangriffs möchte das Brooklyn Museum mit seiner Ausstellung "Ten Years Later: Ground Zero Remembered" ehren. Michael Richards, dessen Skulptur "Tuskegee Airmen" im Zentrum der Schau steht, kam bei den Anschlägen ums Leben, als er in seinem Atelier im North Tower arbeitete. Daneben gibt es eine überdimensionale Presseaufnahme des rauchenden Ground Zero als Puzzle-Spiel von Christoph Draeger zu sehen.

Als Symbol für Zusammenhalt und Schutz lässt sich der im Metropolitan Museum of Art ausgestellte "9/11 Peace Story Quilt" deuten. New Yorker Schüler und Studenten beteiligten sich an der Fertigung der riesigen Motiv-Decke mit der Aufschrift "What will you do for peace?" Die Künstlerin Faith Ringgold kombinierte die einzelnen Elemente.

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