Robert Gober - New York

Das Rattengift griffbereit

Der "Glaube an etwas Irrationales" und die amerikanische Saubermann-Menthalität sind die Grundlagen Robert Gobers Kunst. Seine skurrillen, manchmal makaberen Arbeiten zeigt das New Yorker MoMA in einer umfassenden Retrospektive.
Schön schräg:Retrospektive des amerikanischen Künstlers Robert Gober

Robert Gober: "Untitled", 1991-1993, Holz, Bienenwachs, menschliches Haar, Stoff, Schuhe, 22,9 x 41,9 x 114,3 cm

"Das Herz ist keine Metapher" nannte Robert Gober seine Retrospektive mit 130 Arbeiten aus den vergangenen 40 Jahren, die diese Woche im Museum of Modern Art eröffnet.

Die Ausstellung ist überfällig, darin sind sich die Kritiker schon mal einig. In ihrer Emotionalität, manchmal Sterilität, Schrägheit und unbehaglichen Finsterheit gibt sie viele Rätsel auf. Denn der 60-jährige Gober hat einen Kunstkosmos erschaffen, der sich schwer erschließen lässt und mit dem er sich an seinem Heimatland Amerika abarbeitet.

Es hilft zu wissen, dass Gober in einem religiösen Elternhaus aufwuchs und von den machtvollen Symbolen des Glaubens – Blut, Tränen, Kreuzigung und Heilige Wandlung – umgeben war. "Religion ist der Glaube an etwas Irrationales. Und so gibt es eine Übereinstimmung zwischen dem Gläubigsein und dem Glauben an die Kunst", sagte Gober während der Pressekonferenz seiner Ausstellungseröffnung. Ebenso wichtig für das Verständnis von Gobers Arbeit ist die Tatsache, dass er als homosexueller Mann die Zeit der Aids-Krise durchlebte, als er und seine Freunde von der Gesellschaft ausgestoßen und allein gelassen in Todesangst lebten.

Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit tauchen immer wieder als Themen auf. Frauen- und Männerbrust verschmelzen. Behaarte Beine ragen aus der Wand oder scheinen aus dieser Welt ausbrechen zu wollen. Ein männlicher Unterkörper in Unterhosen steckt in seiner Erbämlichkeit in einer Wand. Die bleiche Haut ist mit Abflusslöchern gebrandmarkt. Der Unterkörper eines Mannes in Anzughosen, die weißen Altarkerzen sitzen wie phallische Symbole auf den Beinen, ragen aus einem anderen Teil der Wand.

Kopfloser Gekreuzigter

Gobers Waschbecken, mit denen er Mitte der achtziger Jahre in der Kunstwelt bekannt wurde, haben keinen Abfluss und keine Rohre, durch die das Dreckwasser entweichen kann. Löcher in den Becken verleihen den Spülen etwas eigenartig Menschliches. Die weißen Becken, die der Künstler aus Gips, Holz, Draht und Emailfarbe fertigt, stehen für die Saubermann-Menthalität seines Landes, wo gerade in den konservativen, gläubigen Teilen der Gesellschaft alles äußerlich seine Ordnung haben muss. In den Spülen kann man sich von Sünden reinwaschen. Der Abluss zum Entsorgen des Schmutzwassers dient als Symbol für die Verdrängung.
An anderen Stellen rauscht und plätschert das Wasser. Ob in einer Waldlandschaft aus New England, die Gober an die Wände gemalt hat, und die durch ein winziges Gefängnisfenster mit der Außenwelt verbunden ist. Das Rattengift steht griffbereit unter der Spüle. Durch ein Loch im Boden blickt man in das Untergeschoss des MoMA auf einen Strom, der friedlich vor sich hin plätschert. Doch dann entdeckt man nackte Männerbeine und die eines Babys, das der Mann in den Armen hält, um es, so das verstörende Gefühl, dem Wasser zu überlassen. Neben Bildern, bei denen der Künstler umarmende Körper auf Zeitungsseiten der "New York Times" nach den Schreckensereignissen des 11. Septembers zeichnete, fließt Wasser aus der Brust eines kopflosen Gekreuzigten. Jesus, der Erlöser, der die Sünden der Menschheit auf sich nimmt, und dafür am Kreuz starb. Sein Wasser läuft bei Gober in ein gewaltiges Loch im Boden ab.

Kinderlaufställe werden zu gefährlich wirkenden, verbogenen Fallen. Im Kamin verbrennen in Sandalen steckende Kinderbeine. Tapeten zeigen das Motiv eines schlafenden weißen Mannes und eines gelynchten Schwarzen. Im Raum befindet sich ein Reinheit symbolisierendes Brautkleid gleich neben dem Katzenstreu. Betten, Sessel oder ein leerer Schrank, in dem all die Geheimnisse begraben sind, die manche Familien beherrschen, erinnern auf ungemütliche Weise an Haus, Heim und Kindheit. Als er 25 Jahre alt war, baute Gober ein Puppenhaus mit Veranda und Steinfassade, das von außen aussieht wie ein typisches amerikanisches Zuhause, das für ein vermeintlich normales Leben steht. Man kann nicht in das Innere blicken und sehen, was hinter diesen Wänden vor sich geht. Doch man spürt, dass Robert Gober aus diesem Haus ausbrechen musste.

Robert Gober: The Heart Is Not a Metaphor

Bis 18. Januar, Museum of Modern Art, New York.

Der Katalog zur Ausstellung kostet 45 US-Dollar.
http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/1495