Kunstkammer - Wien

Wiener Wunder

Die Verzögerungen wurden zum Running Gag der Kunstszene. Seit dem 1. März aber ist die Kunstkammer wieder eröffnet und somit eine der beeindruckendsten Sammlungen der Welt endlich aufs Neue zu bestaunen.
Fantastische Wunderkammer:Eine der beeindruckendsten Sammlungen der Welt

Kunstkammer: Saal XXVII

Die Welt im Kleinen, also ein Abbild der Globalisierung pur, das stellten Fürsten wie wohlhabende Bürger von der Frührenaissance bis ins 19. Jahrhundert in ihren Kunst- und Wunderkammern dar. Die von Umfang, Qualität und Breite her neben dem Dresdner Grünen Gewölbe weltweit bedeutendste Sammlung dieser Art, die habsburgischen Bestände, sind ab 1. März nach über zehn Jahren erstmals wieder im Kunsthistorischen Museum Wien zugänglich.

Solange dauerte die Instandsetzung der Räume, die Restaurierung der Exponate und das Konzept der Neuaufstellung. Dazwischen lag ein Boom der Idee Kunstkammer, der im gedrängten "Brain" der "documenta 13" seinen Höhepunkt erreichte, das archäologische, erstaunliche und künstlerische Artefakte gleichberechtigt und konzentriert vereinte. Die Utopie der "d13" an sich war auf den Universalgelehrten ausgerichtet, in der Verbindung so vieler Sparten wie möglich, vor allem der Wissenschaft und der Kunst. Dabei könnten wir auch kulturell breiter ansetzen. Denn tun wir heute nicht alle auf unseren Facebook-Profilen das, was der auf Repräsentation bedachte Fürst früher mit seiner Wunderkammer im Sinn hatte? In diesen Ego-Museen findet man eben die Exotica, Mirabilia, Naturalia, Artificialia, Scientifica des 21. Jahrhunderts, hier zeigen wir stolz, wo wir überall schon waren, präsentieren absurd gemorphte Porträtfotos, erstaunliche Programmierungen wie etwa unergründliche Persönlichkeitstests, empfehlen die besten Songs, die besten Bücher, die besten wissenschaftlichen Geräte, also Online-Tools et cetera. Eine unterhaltsam gestaltete Facebook-Seite ist der aufwendige Tafel­aufsatz von einst, also bestes Entertainment. Rollte bei Kaisers noch ein teils vergol­deter Kentauren-Automat über den Tisch und schoss am Ende einen Pfeil ab, klicken wir uns heute von zu Hause aus durch die mehr oder weniger schrillen Menüs der anderen. Schatten- oder Sonnenseite von Demokratisierung, Technologisierung und Popkultur? Oder eine allzu weit hergeholte Gleichsetzung?

Schließlich gibt es heute sogar wieder "richtige" Sammler, die sich bewusst auf das in Renaissance und Barock geprägte System Kunstkammer beziehen – prominentes Beispiel dafür ist Thomas Olbricht, der in seinem öffentlich zugänglichen Berliner "me Collectors Room" alte Wunderkammerstücke mit zeitgenössischer Kunst kombiniert. Betreut wird der histori­sche Teil vom Münchner Kunsthändler Georg Laue, der 1997 sein Geschäft "Kunstkammer" eröffnete und damit ein Pionier der Rehabilitierung dieses Sammelgebiets war, etwa mit prominenten Auftritten auf der Tefaf-Kunstmesse Maastricht. vEin anderer Pionier sitzt (natürlich) in Wien, der junge Simon Weber-Unger, dessen Vater bereits 1988 in der Innenstadt das "Wissenschaftliche Kabinett" gründete – und in seiner Freizeit als Zahnarzt betrieb. Der Sohn aber professionalisierte es und machte es, ja, schick: alte Himmelsgloben, Apothekergefäße oder die fantastischen botani­schen Modelle von Reinhold Brendel aus der Zeit um 1900, um die sich Innenarchitekten wie Künstler rissen.

Der Raub der "Saliera" machte die Sammlung wieder bekannt

Mittlerweile gibt es junge Leute, die ih­re Lofts mit Sammlungen mensch­licher Schädel und zeitgenössischem Design einrichten; die Remix-Kultur in ihrer originellsten, vielleicht auch morbidesten Form. Und es gibt natürlich immer noch das Gros der Kunstkammer-Sammler, eine ältere Generation, die sich spezialisiert hat, die in Sparten sammelt, der Musealisierung des 19. Jahrhunderts folgend: Gläser, Globen oder etwa Steindosen.

Nach Materialien zu ordnen – das war lange Zeit die wissenschaftliche Methode, mit der Museen versuchten, den geerbten oder gekauften Beständen der unendlich vielfältigen Kunstkammern Herr zu werden. Auch das Kunsthistorische Museum bildete fast bis zum Zweiten Weltkrieg diese Struktur ab, bis 1990 stand man der Sinnlichkeit dieser Sammlung überhaupt wenig aufgeschlossen gegenüber und nannte sie spröde: "Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe". Aber man glaubt auch kaum, dass vor dem Krieg das als Tageslichtmuseum geplante KHM im Winter zum Beispiel nur wenige Stunden geöffnet war – dunkel hieß damals wirklich noch dunkel, die Elektrifizierung kam erst schleichend. 1935 entschloss man sich aber zu einer neuen Aufstellung der Kunstkammer und engagierte dafür den damaligen österreichischen Stararchitek­ten Clemens Holzmeister als Bera-
ter. Erstmals wurden die Objekte, die Trink­hörner und Natternzungen-Kredenzen, die kunstfertigen Krüge, durchscheinenden Elfenbeinschnitzereien, die feinen Medaillons, die prächtigen Tafelaufsätze, die unheimlich lebensnahen Büsten und die Bergkristallvasen miteinander vermischt, nach chronologischen Kriterien präsentiert. Ob Holzmeister auch wirklich die legendären eleganten Holzvitrinen entworfen hat, die in der jetzigen Aufstellung keine Verwendung mehr finden, kann nach aktuellsten Forschungen übrigens nicht mehr angenommen werden. Man kann sich auch schwer vorstellen, dass er es war, der derart brutal mit der historistischen Architektur umging: Um auch die großen Tapisserien in der Ausstellung unterzubringen, wurden damals beinhart Konsolen abgeschlagen.

Heute wäre das unmöglich. Genauso unmöglich wie die Vorstellung, die fragilen Objekte auf offenen LKWs durch Wien zu kutschieren, von einem Museum zum nächsten, wie es Anfang der fünfziger Jahre geschah: Da wurde die "österreichi­sche" Kunst aus dem KHM ins Belvedere überstellt, der neu ausgerichteten "Österreichischen Galerie". Für die naturkundlichen Stücke der habsburgischen Sammlung, so die Meteoritenteile, Skelette oder Miner­alien, wurde zeitgleich zum KHM das Naturhis­torische Museum gegenüber errichtet. Die Kunstkammer, wie sie sich heute wieder präsentiert, ist also ein Fragment, das man auch nicht zu ergänzen versuchte. Und sie hat so einige Abenteuer hinter sich.

Das größte machte die 2002 ohne viel Aufhebens vom damaligen Generaldirektor Wilfried Seipel temporär geschlossene Sammlung mit einem Schlag berühmt: Der Raub der "Saliera" Benvenuto Cellinis 2003. Das nur mit sehr viel bösem Willen als schnödes "Salzfass" zu bezeichnende Goldschmiedemeisterstück war wegen der Schließung sozusagen als Gast in der Gemäldesammlung aufgestellt gewesen, in einer unzureichend gesicherten Vitrine. Auch die Außenhaut des Museums war unzureichend abgesichert, der Dieb, ein Alarm­anlagenspezialist, kam ein wenig angetrunken über das Baugerüst und schnappte sich in nur wenigen Minuten das prunkvolle Paar Tellus und Neptun, das mit großem Aufwand Salz und Pfeffer spendete. Ursprünglich übrigens als Wunderstück in der Kunstkammer, die sich Erzherzog Ferdi­nand II. von Tirol auf Schloss Ambras eingerichtet hatte. Ihm ist als wichtigstem Proponenten der Kunstkammer neben Rudolf II. ein eigener Raum in der Neuaufstellung gewidmet. 2006 tauchte die "Saliera" unter großem Medienrummel wieder auf. Jeder wollte das neue Nationalheiligtum wiedersehen. Doch nach kurzer Zeit verschwand sie wieder im Depot.

Es sollte noch sieben Jahre dauern, bis die plötzlich berühmte habsburgische Kunstkammer wieder eröffnet wird. Die Verschiebungen und Verzögerungen der Eröffnung – gefühlte fünf Mal von 2003 bis Ende 2012 – wurden bereits zum Running Gag der Kunstszene. Erst musste das Budget auf feste Beine gestellt werden, dann wurden die Architekten gewechselt. Die Marketing-Maschinerie aber lief auf für Österreich ungewohnten Hochtouren, es wurden in den vergangenen Jahren goldene Fahrradhelme, Objekt-Patenschaften und Taschen für die Kunstkammer-Wie­dereröffnung verkauft. Immerhin mussten 3,5 Millionen Euro Eigenmittel aufgetrieben werden, das Ministerium steuerte den Löwenanteil von 14,85 Millionen bei. Die Erwartungen sind dadurch bereits derart hoch, dass sie Gefahr laufen, enttäuscht zu werden. Noch dazu, wo die Neuaufstellung auf große inszenatorische Effekte verzichtet. Es hängt kein präpariertes Krokodil von der Decke, und es wird auch nichts geheimnisvoll Glänzendes aus samtenem Dunkel herausgeleuchtet werden. "Es wäre so unmöglich gewesen, bei derart vielen dreidimensionalen Objekten eine Verschattung zu vermeiden", erklärt Franz Kirchweger, der das Team um die jetzige Generaldirektorin Sabine Haag als wissenschaftlicher Projektleiter der Kunstkammer ergänzt hat, die Hinwendung zur Versachlichung des Themas in der letzten Planungsphase. Auch auf den Versuch der Rekonstruktion einer authentischen Kunstkammer-Situation hat man verzichtet. "Das KHM ist selbst schon eine Kunstkammer für sich", sagt der Experte. Jeder Einbau wäre ein Fake gewesen. "Es gibt keine authentischen Abbildungen der Kunstkammern von Rudolf II., auch die in Schloss Ambras ist eine Rekonstruktion." Aus einigen wenigen schriftlichen Berichten weiß man aber, dass Rudolf II. seine Schätze auf der Prager Burg eifersüchtig hütete, sie in Kisten und Truhen verstaut waren, nur für seinen Gebrauch gedacht, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ganz anders die ab 1567 eingerichtete Kunstkammer Erzherzog Ferdinands II. in Ambras, deren Besuch Pflichttermin für jeden Reisenden war, um "die raristen Sachen von der Welt" zu bestaunen.

2200 der insgesamt 8000 Objekte sind ausgestellt

Heutige Touristen können in der Kunstkammer jetzt einen überraschend lichten, überraschend innovativ ge­stal­teten Parcours durch 20 Säle und Kabinette im Hochparterre des KHM abschrei­ten, in den Räumen, die von Beginn an für die Kunstkammer-Bestände vorgesehen wa­ren. Dabei wird chronologisch, mit Schwergewicht auf die wichtigsten Sammlerpersönlichkeiten vorgegangen. Das meiste stammt von Erzherzog Ferdinand II. (1529 bis 1595), Kaiser Rudolf II. (1552 bis 1612) und Erzherzog Leopold Wilhelm (1614 bis 1662). Am Beginn der habsburgischen Sammlungen aber stand "Frauenpower", wie Kirchweger es ausdrückt: In der Bibliothek Margaretes von Österreich (1480 bis 1530), der Tochter Maximilians I., im niederländischen Mechelen, lässt sich die aus dem französischen Königshaus ableitbare Idee des Sammelns in dieser da noch jungen Dynastie erstmals fassen. Noch ein Raum ist einer Sammlerin gewidmet, Isabella d’ Este (1474 bis 1539), die sich eine italienische Kunst­kammer, ein Studiolo, einrichtete – und sich von Tizian mit über 60 Jahren so malen ließ, als wäre sie erst knackige 20. Auch eine Art Wunderkammerwerk, das allerdings nur als Leihgabe der KHM-Gemäldegalerie hier hängt, um die Geschichte besser erzählen zu können.

Von den 8000 inventarisierten Kunstkammer-Objekten des KHM sind nur 2200 ausgestellt, "alles andere wäre ein Overkill gewesen, so Kirchweger. Für die Gestaltung, die hohen Glasvitrinen, die unauffällig verbaute Technik für Klima- und Sicherheit war das Stuttgarter Büro HG Merz engagiert worden. Die auffälligen Lüster sind ein allgemein erwerbbares Design des Künstlers Olafur Eliasson. Diese "Starbricks" bilden das einzig zeitgenössische Gegengewicht zu den historischen Wunderstücken. Wären da nicht noch die elegant in die Lederbänke eingelassenen iPads, auf denen viele Details, fantastische Filme der wieder gangbar gemachten Tischautomaten oder Vergleichsbeispiele abgerufen werden können. Womit auch diese Kunstkammer, zumindest für die jüngeren Besucher, einen Link zu den Wunderkammern des 21. Jahrhunderts erhält.

Kunstkammer

Kunsthistorisches Museum Wien,
Der Bildband "Die Kunstkammer" anlässlich der Wiedereröffnung erscheint im Brandstätter Verlag und kostet 39,90 Euro.
Es empfiehlt sich, Tickets mit festem Zeitfenster über www.khm.at im Voraus zu buchen.
http://www.kkhm.at/die-kunstkammer/