Deserteursdenkmal - Wien

Das blaue "X

Der deutsche Künstler Olaf Nicolai wird am Ballhausplatz in Wien Österreichs erstes Denkmal für die Deserteure des NS-Militärs errichten – ein begehbares, liegendes "X" aus blauem Beton.
Konkrete Poesie:Österreichs erstes Deserteursdenkmal

Der Künstler Olaf Nicolai und ein Rendering für das "X", Entwurf für das Deserteursdenkmal in Wien

Österreich hat hunderte Denkmäler für die Gefallenen in beiden Weltkriegen. Ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz gab es bisher keines, im Gegenteil zu Deutschland, wo es rund 30 solcher Gedenkstätten gibt. Mit Olaf Nicolai gewann jetzt auch ein deutscher Künstler den Wettbewerb, zu dem die Stadt Wien geladen hat, um mitten im Regierungsviertel, am Ballhausplatz, ein Monument für die Deserteure zu errichten.

Ein großes dunkelblaues "X" aus Beton wird der 1962 in Halle an der Saale geborene Konzeptkünstler hier ablegen, das Objekt wird abgestuft sein, so dass es wie ein Sockel wirkt, der bestiegen werden kann. Ist man erst einmal oben, wird auf der Oberseite eine Inschrift lesbar werden, zwei Wörter nur, aber schon ein Zitat des schottischen Schriftstellers Ian Hamilton Finlay: "all alone". Wobei "all" auf den Armen des "X" und "alone" zentral im Kreuzpunkt stehen wird. Eine skulpturale Weiterentwicklung der konkreten Poesie sozusagen, die auch die zwischen Kunst und Literatur oszillierende "Wiener Gruppe" in den sechziger Jahren geprägt hat.

Über den diesem Kreis nahestehenden Wiener Dichter Ernst Jandl hat der Germanist Nicolai noch in der DDR seine Diplomarbeit geschrieben, über die "Wiener Gruppe" selbst hat er nach der Wende promoviert. Seine eigenen Erfahrungen als junger Mann in der DDR hätten auch mit dem Interesse an dem Deserteurs-Thema zu tun, erklärt er. Deshalb sein erstmaliger Entschluss, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Eine "Analogisierung" von NS-Zeit und der DDR wolle er aber auf keinen Fall. "Was man vergleichen kann, ist dieser Moment, wann du wie weit gehst, um für deine Überzeugung einzustehen." Die Namen derer, die das in der NS-Zeit taten, sollten ausgelöscht, vergessen werden. An diese Zwangs-Anonymisierung erinnere die Form des "X", die man zusätzlich auch christlich als Symbol des Leidens interpretieren könnte. "Aber davon wurde ich nicht geleitet", ergänzt der Künstler. Die Verwendung der Farbe Blau sei dagegen eher eine emotionale Wahl gewesen, die man noch am ehesten mit dem Gedanken der Individualisierung in der Romantik in Verbindung bringen könnte, meint Nicolai. Vor allem aber wollte er mit einem farbigen Beton eine "Zeitgenossenschaft" betonen, er wollte keine weiße oder graue Minimalismus-Referenz riskieren.

Das blaue "X" wird jedenfalls ein ziemlicher Knalleffekt werden auf dem prominenten Ballhausplatz, auch wenn damit ein bisher völlig unbemerktes Eck bespielt werden soll. Der symbolische Anspruch ist trotzdem klar – Nicolais "X" soll das Gegengewicht zum Soldatendenkmal am benachbarten Heldenplatz werden. Wann genau mit der Umsetzung begonnen wird, steht allerdings noch nicht fest. Geplant ist die Fertigstellung ehrgeizig schon für nächstes Jahr.