Deutscher Pavillon - Venedig Biennale

Big Sexyland in Germania

Jetzt ist es offiziell: Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai, der Fotograf Tobias Zielony, die Filmemacherin Hito Steyerl und das Künstlerduo Jasmina Metwaly/Philip Rizk Deutschland 2015 auf der Biennale von Venedig vertreten. Michael Kohler berichtet von der Pressekonferenz im Museum Folkwang Essen und stellt die Künstler vor.

"Wir leben im Zeitalter der digitalen Überbelichtung", sagt Florian Ebner, Kurator des deutschen Pavillons 2015 in Venedig. Deswegen will der Leiter der Fotografie-Abteilung am Essener Museum Folkwang mit Hilfe von vier Künstlern ausloten, was die Flut der Bilder mit unserer Welterfahrung macht und welche Rolle die Kunst dabei spielen kann.

Es liegt nahe, dafür nicht nur einen Künstler zu benennen, sondern eine Gruppenreise zu organisieren – zumal sich alle Nominierten dem Thema aus verschiedenen Perspektiven nähern. Als ungefähre Leitlinie für das Konzept der Biennale gab Ebner vier Stichworte aus: migrierende Bilder, Teilhabe der Akteure, das Licht als elementarer Bildträger und das Dach als Ort der Freiheit. Letzteres wird wohl Olaf Nicolai erobern, der sich, so Ebner, mit der Architektur des deutschen Pavillons auseinandersetzen will. Alle Arbeiten, versprach der Kurator, entstehen eigens für Venedig und sind dort erstmals zu sehen.

Bei der offiziellen Vorstellung des Biennale-Konzepts im Museum Folkwang fehlten Nicolai und Jasmina Metwaly/Philip Rizk entschuldigt. Nicolai schickte ein Grußwort und Obstkisten, Metwaly und Rizk eine allgemein gefasste Videobotschaft. Und auch die anwesenden Künstler wollten oder konnten noch nichts Konkretes zu ihren Venedig-Plänen sagen. Hito Steyerl stellte ihr aktuelles Projekt vor: einen Science-Fiction-Film, der in der Gegenwart spielt, weil diese "viel merkwürdiger ist als alles, was man sich für die Zukunft vorstellen kann". In dieser Gegenwart ist die Welt ein Sonnenstaat, in dem es nie Nacht wird und alle glücklich sind. Oder in Steyerls Worten: "Ein Gulag, in dem die Sonne immer scheint." Ob diese Anti-Utopie bald auch Venedig erleuchtet, wusste sie allerdings noch nicht genau. Aber in diese Richtung soll es gehen.

Bei Tobias Zielony geht das Thema recht eindeutig in Richtung Migration. Er stellte alte Arbeiten vor: "Big Sexyland" über osteuropäische Stricher in Berlin und eine Serie über Flüchtlinge, die in Italien auf der Straße elektronisches Spielzeug verkaufen. Welche konkrete Form seine Migrationsgeschichten dieses Mal annehmen werden, steht aber noch in den Sternen. Im Februar 2015 wird es in Berlin einen Auftritt aller Künstler geben. Dann soll mehr über die Ausrichtung des Pavillons zu hören und möglicherweise auch zu sehen sein.

Die Künstler im Kurzporträt

Olaf Nicolai: Jahrgang 1962, geboren in Halle/Saale, lebt in Berlin. Nicolai ist ein Konzeptkünstler, der beinahe alle Medien nutzt. Er arbeitet auf Papier, druckt Farbschichten auf Folien, baut Pavillons aus Perlenschnüren oder taucht Vorhänge in flirrende Farbmuster. In der Pinakothek der Moderne verwandelte er die große Treppe in eine Bühne, auf der an zwölf Sonntagen des Jahres 2013 eine gesungene Jahreschronik aufgeführt wurde. Die Lieder stammten von zeitgenössischen Komponisten, die Sänger mischten sich unters Publikum. Mit dem Titel des Projekts, "Escalier du Chant" (Treppe des Gesangs), spielt Nicolai auf Marcel Duchamps berühmtes Bild "Akt, eine Treppe herabsteigend" an. Nicolai hat an der documenta X und mehrfach an der Biennale in Venedig teilgenommen.

Hito Steyerl: Jahrgang 1966, geboren in München. Die Filmemacherin und Performance-Künstlerin lehrt an der Universität der Künste in Berlin und nahm an der documenta 12 teil. Ihr bekanntestes Werk, "How to be not seen" (2013) wurde vom New Yorker Museum of Modern Art angekauft. Darin parodiert Steyerl filmische Gebrauchs- und Lebensanleitungen und erklärt dem Zuschauer in vier Kapiteln, wie man am sichersten vermeidet, von anderen gesehen zu werden. Die Tipps lauten: sich in aller Öffentlichkeit vestecken, auf die Größe eines Pixels schrumpfen, in eine Gated Community ziehen oder als Frau einfach über 50 Jahre alt werden.

Tobias Zielony: Jahrgang 1973, geboren in Wuppertal. Der Berliner Künstler wurde mit Porträtreihen von Jugendlichen bekannt, die an den Rändern der Metropolen in den Tag hinein und durch die Nächte leben. In seinem aus 7000 Einzelfotos zusammengesetzten und entsprechend gespenstisch ruckelnden Videofilm "Le Vele di Scampia" (Die Segel von Scampia) führt er den gleichnamigen Wohnkomplex vor den Toren von Neapel als unfreiwilliges Mahnmal für das Scheitern großspuriger Architekturentwürfe vor. In den sechziger und siebziger Jahren als Utopie des sozialen Wohnungsbaus errichtet, stehen die sieben Segel aus Beton und Stahl heute im harten Wind von Verwahrlosung und Kriminalität.

Jasmina Metwaly/Philip Rizk: Metwaly wurde 1982 in Warschau geboren, Rizk 1982 auf Zypern. Beide leben in Kairo. Das Künstlerpaar stand im Zentrum der von Florian Ebner im Museum Folkwang kuratierten Ausstellung "Kairo. Offene Stadt". Darin dokumentierte Ebner die arabische Revolution vorwiegend mit Handy-Fotos und Handy-Videos. Auf dem Filmfestival von Cannes lief Metwalys und Rizks Film "Out/In the Streets" über entlassene Fabrikarbeiter aus Kairo, die in einer Theateraufführung Szenen ihres Lebens nachspielen. Auch in der Inszenierung von Metwaly und Rizk verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit, Spielfilm und Dokumentation, um der neuen Unübersichtlichkeit in der arabischen Welt gerecht zu werden.

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