Street Art - Skulpturen

Die neue Stadtguerilla

Keine Angst, die wollen nur spielen: Illegale Skulpturen und Interventionen im öffentlichen Raum sind der neueste Streich der Postgraffiti-Generation. Street Art verwandelt die Stadt in einen Abenteuerspielplatz der Kunst.
Keine Angst, die wollen nur spielen:Illegale Skulpturen und Interventionen

Slinkachu: "Graffiti, Inner City Snail Project", London, 2008

Der Regen trommelt gegen die Schaufensterscheibe. Brad Downey sitzt in seinem Ber­liner Atelier, einem alten Ladenlokal am Prenzlauer Berg, und betrachtet die dicke Wolkendecke. Eigentlich hat er für heute eine spontane Intervention geplant. Downey möchte bunte Klebebänder von einer sich drehenden Litfaßsäule aufrollen lassen. "So macht sich die Stadt selbst zur Skulptur, you know", sagt er. "Aber wahr­scheinlich ist es zu feucht dafür." Die Stadt hat keine Lust auf Street Art. Obwohl sie gerade heute ein wenig Farbe vertragen könnte.

Brad Downey, 28, rostbrauner Sechs-Tage-Bart, Sommersprossen und Kaugummi-Akzent, pflegt sein Bad-Boy-Image wie seine Out-of-Bed-Frisur. Er stammt aus Kentucky, hat Kunst und Film in New York und London studiert, lebt jetzt in Berlin und bespielt hier regelmäßig den Stadt­raum mit seinen Skulpturen – und die Szene bejubelt ihn bereits als "nächsten Banksy". Downey nahm auch bei der Großausstellung "Skulptur Projekte" in Münster 2007 teil – natürlich unaufgefordert. "Ich wollte nicht noch einmal zehn Jahre lang auf eine offizielle Einladung warten", erzählt er. Auf der Wiese von Dominique Gonzalez-Foerster, bei der sie Mi­niaturen von Skulpturen verschiedener Künstler präsentierte, deponierten Downey und seine Freunde ein­fach ihre eigenen Modelle. Und wurden kurz darauf festgenommen. "Die Polizei war völlig überfordert", sagt Downey. "Sie wusste nicht, was Van­dalismus sein soll und was eine offizielle Skulptur. Aber am Ende fanden die Cops das sogar so lustig, dass sie sich als Andenken mit uns fotografiert haben."

"Ideen realisieren – ohne Geld und lästige Bürokratie"

Bereits seit Jahren brechen Künstler aus den ihnen zugedachten Kunsträumen aus. Und landen dabei auf der Straße. Street Art ist zu einem Sammelbegriff für ein buntes Spektrum an Eingriffen im öffentlichen Raum geworden, die mit den Graffiti der siebziger Jahre nicht mehr viel gemeinsam hat. Aus den ersten Schriftzeichen entwickelten sich kunstvolle kalligrafische und dreidimensionale Bilder. Dann kamen die Wandwitze. Schnelle Pointen auf Stickern oder gesprüht mit Scha­blonen, die aufgrund der immer strengeren Anti-Graffiti-Gesetze entstanden.

Die neue Generation hat sich vom Medium Wand emanzipiert: Besonders beliebt sind heute Skulpturen und temporäre Eingriffe in den Stadtraum – auch bei Hausbesitzern. Denn die Kunst zerstört kein Eigentum, lässt sich notfalls schnell mit einem Besen wieder beseitigen und ist zudem auch allgemein zugänglicher. Graffiti waren meist urbane Codes von Insidern für Insider. Trotzdem liegt der Reiz und gro­ße Un­terschied zur Kunst im öffentlichen Raum – von Reiterstandbildern bis zu Skulpturen von Niki de Saint Phalle – in der Illegalität: "Wenn man eine Förderung beantragt, schreibt man monatelang Konzepte und Budgetpläne, bis am Ende die Idee völlig verwässert ist und man die Lust am Projekt verloren hat", meint Downey. "Die Legalität würde meine Arbeit verlangsamen. Ich will schnell viele Ideen realisieren – ohne Geld und lästige Bürokratie."

"Mach danach aber alles wieder sauber"

Vor allem ist Street Art ein Spiel um Aufmerksamkeit – für die Aufmerksamen: Der Londoner Slinkachu setzt Spielzeugfiguren aus, die man bisher nur als Bewohner von Modelleisenbahnanlagen kannte, und inszeniert mit ihnen surreale Miniwelten. Nick Georgiou recycelt in New York alte Zeitungen und produziert aus den Schnipseln absurde Tier­skulp­turen. Krystian Czaplicki aus Bres­lau liebt geometrische Abstraktio­nen – und setzt diese mit Styropor und alten Kartons im Stadtraum um. Und der US-Künstler Mark Jenkins provoziert die Passanten mit lebensgroßen Figuren aus Klebeband, die am Straßenrand betteln oder als Leiche im Fluss treiben. Als er in Washington Eisbärskulpturen aufstellte, eigentlich eine PR-Aktion für Greenpeace, um auf die Erderwärmung hinzuweisen, löste eine am Mülleimer befestigte Bärenfigur eine solche Panik aus, dass sogar ein Bombenentschärfungskommando eingeschaltet wurde.
An solchen Beispielen sieht man: Street Art kann mehr. Mehr bewegen, mehr überraschen, mehr provozieren. In Museen und Galerien sind die Regeln starr und die Reaktionen eingeübt: Die Kunst hängt, liegt oder steht – der Betrachter sieht, staunt und geht. "Galerien langweilen mich", sagt auch Downey. "Das sind nur noch Shops, um Dinge zu verkaufen. Ich möchte mit der Stadt arbeiten, im realen Raum reale Erfahrungen sammeln." Und wem seine Skulpturen nicht gefallen, dem erklärt er die Idee. "Manchmal ver­­treiben sie mich dann, manchmal verhaften sie mich, und manchmal sagen sie nur: Mach danach aber alles wieder sauber."

Und eine Dosis Dada-Absurdität

Kultur entsteht durch Spiel – den Spaß daran und durch die daraus entstehende Spannung. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", schrieb Friedrich Schiller einst. Und der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga präg­te den Begriff "Homo ludens", den spielenden Mensch, der für die Street-Art-Künst­ler so beschreibend ist. Die Straße wird zur Leinwand, die Stadt zum Abenteuerspielplatz. Zweck­ge­bundene Stadtmöbel werden zweck­entfremdet. Jede Bushaltestelle, jede Sitzbank, jeder Pflas­terstein ist ein nächstes, potenziel­les Kunstwerk. Und die Künstler spielen mit dem Stadtraum, den Bewohnern und der Geschichte der künstlerischen Avantgarde. Ein Schuss Spontaneität der Situationisten, ein paar choreografische Fluxus-Elemente, ein bisschen Land Art, eine Dosis Dada-Absurdität, verquirlt mit Ready-Mades und Minimalismus – und fertig ist die Street-Art-Skulptur. Aber man muss diese Bezüge auch nicht erkennen, um Street Art zu verstehen. "Street Art versteckt sich nicht in Museen. Sie funktioniert in unserem alltäglichen Le­bensraum, ist Kunst für die Masse, und kann trotzdem intellektuell und konzeptionell sein", sagt Brad Downey. "Street Art ist wie Baudrillard in Disneyland."